Rainer Lührmann, Osnabrück, vor der Priesterweihe:

Geistliche Begleitung auf meinem Berufungsweg

Eine geistliche Berufung wächst nicht im luftleeren Raum. Da sind Menschen, die durch ihr Vorbild wirken, da ist jemand, der sich ansprechen läßt, der nach Orientierung und Begleitung sucht. Rainer Lührmann (27) schildert, was für ihn geistliche Begleitung auf seinem Berufungsweg bedeutet hat. Zur Zeit ist er in Sögel, Diözese Osnabrück, als Diakon in Vorbereitung auf die Priesterweihe tätig.

Seelsorger und Jugendgruppen
Ich kann mich noch gut erinnern, wie mich damals in der Grundschulzeit der Umgang eines Vikars mit uns Kindern so angesprochen hat, daß in mir der Wunsch aufkam, selber so zu leben. Mein Heimatort Wallenhorst liegt in der Nähe von Osnabrück und ich bin in einer Gegend aufgewachsen, in der sehr viele Katholiken leben. Entsprechend groß ist auch meine Heimatgemeinde.
Das Leben in der Gemeinde bedeutete für mich schon immer ein Leben in Gemeinschaft. Mit zehn Jahren war ich bei den Meßdienern in einer großen Gruppe von unterschiedlichen Leuten. Danach entwickelte sich auch ein Kontakt zu unserem recht aufgeschlossenen Pfarrer. Später war ich in einer Jungkolpinggruppe. Zu älteren Leuten habe ich im Altenpflegeheim Kontakt gefunden, da ich einige besucht habe.

Die Zeit bis zum 15. Lebensjahr war für mich sehr geprägt vom Hinschauen. Ich hatte Gelegenheit, mir viele Dinge anzusehen, zu erleben und auszuprobieren. Die Angebote seitens der Gemeinde, vor allem der Vikare und Gemeindereferentinnen waren sehr vielfältig. Ebenso denke ich, daß sich die stillen Gebetsstunden in unserer Pfarrkirche sehr prägend auf meinen Berufungsweg ausgewirkt haben. Nachfolge ist ja immer die Nachfolge Jesu, nicht irgendwelcher Lebenskonzepte. Es ist schließlich Jesus selber, der uns durch das Leben anderer Menschen oder im Gebet ansprechen will.

Als ich Gruppenleiter wurde, intensivierten sich die Kontakte, gerade zu den Priestern in meiner Gemeinde. Zu dieser Zeit hatte ich einen engen Kontakt mit einem pensionierten Priester im Altenpflegeheim, der nach seinen Begegnungen mit Pater Joseph
Kentenich, dem Gründer der Schönstatt-Bewegung, aus der geistlichen Haltung dieser Gemeinschaft lebte. Dieser ältere Priester hat mich als Person sehr fasziniert, weil er mit seinen über 90 Jahren jedesmal, wenn es an seiner Zimmertür klopfte und eine Pflegerin oder ein anderer kam, die Person so empfing, als wäre sie Jesus.

Fokolarbewegung
Ende der 80er Jahre war ein Vikar in meiner Gemeinde, der mich noch einmal besonders ansprach, weil ich eine sehr große Freiheit in seinem Leben wahrnahm. So stellte er uns Jugendlichen beispielsweise sein Auto zur Verfügung. Von ihm erhielt ich später eine Einladung zu einem internationalen Treffen für Seminaristen von der Fokolarbewegung, der er selber angehört. Mich hat diese Lebensweise, die ich dort kennenlernte, angesprochen, so daß ich den Kontakt zu dieser Gemeinschaft aufnahm. Bei der Spiritualität der Fokolarbewegung, die aus Italien kommt und deren Gründerin Chiara Lubich ist, handelt es sich um eine ausgesprochene Laien-Spiritualität, da es zunächst um das Christ-Sein geht, aus dessen Gelebtwerden heraus dann die spezifische Berufung, z.B. zum Priestertum,
ihre Bedeutung erhält. So geben
Fokolare in der Fokolarbewegung Exerzitien auch für Priester.

Mit meinem Studienbeginn Anfang 1991 in Frankfurt, Sankt Georgen, habe ich gerade durch die Lebensweise und Begleitung der Jesuiten erfahren, wie wichtig die Verknüpfung einer geistlichen Haltung mit religiösen und gesellschaftlichen Handlungen ist. Als sehr wertvoll
erlebe ich die ignatianischen Schweigeexerzitien, in denen ich gerne mit Gott ins Gespräch komme.

Geistliche Vernetzung
Während meiner Studienzeit habe ich in einer Gruppe von Priesteramtskandidaten, die die Spiritualität des Fokolars für sich entdeckt haben, in Gemeinschaft gelebt. Die Gruppen waren je nach meinen Studienorten unterschiedlich. Ebenso die Möglichkeiten, uns zu treffen. Das war etwa alle zwei oder drei Wochen. Die Basis für unser gemeinsames Leben ist aber immer der Vorsatz und die Bereitschaft, unser Leben so zu gestalten, daß wir mit der Gegenwart Jesu unter uns wirklich rechnen. Das gilt spirituell für die Meditationen, das Gebet und den geistlichen Austausch. Ebenso bildet es die Grundlage für unsere praktische Lebensführung, wenn wir etwa auf gemeinsamen Wochenenden kochen oder neue Kleidung für einen von uns kaufen. Ich erlebe, daß in der Gemeinschaft mit den Brüdern viele Dinge neu erscheinen. So habe ich mich von dem Gedanken lösen können, permanent studieren zu müssen und kann heute Freizeit wirklich erholsam gestalten. In diesem Zusammenhang sind für mich auch die Einzelgespräche mit verantwortlichen Priestern für die Seminaristen in der Fokolarbewegung sehr entscheidend gewesen. Dort habe ich, gerade in meinen persönlichen Fragen, Unterstützung durch Jesus erfahren, der uns zusagt, mitten unter uns gegenwärtig zu sein, wenn wir uns in seinem Namen versammeln.
Das gemeinsame Gehen in der Nachfolge Jesu mit anderen ist für mich eine große Kraftquelle, weil die anderen immer wieder helfen können, mein Leben neu auf Gott auszurichten. Dafür lohnt es sich, große Distanzen zwischen den Orten zurückzulegen (Münster-Paderborn-Frankfurt-Hamburg), in denen wir zur Zeit studieren.

Internationale Begegnung
Wir erleben, daß mit diesem Lebensstil das Gewicht nationaler, kirchenpolitischer und konfessioneller Schranken sinkt und ihre positiv-bereichernden Aspekte hervortreten. So haben wir im vergangenen Jahr in Norddeutschland mit 35 Seminaristen aus der Slowakei, der Tschechischen Republik, Liberia, Irak, China, Italien und Litauen in mehreren Betrieben für einen
Monat gearbeitet, um andere Seminaristen zu unterstützen. Während dieser Zeit haben wir zusammen gegessen, Gottesdienst gefeiert und Freizeit gestaltet. Gott ruft in der ganzen Welt sehr unterschiedliche Menschen für seine Arbeit.
Ich habe die Zuversicht, daß Gott in unserer heutigen Zeit und Gesellschaft mit uns gehen und viele Aufbrüche und Perspektiven schenken will, die zum Weitergehen ermutigen.