Gemeinde "Mariä Heimsuchung" in Blaubeuren bei Ulm

Wo "Berufung" nicht tabu, sondern Thema ist


Die katholische Kirchengemeinde Blaubeuren ist gleich in doppelter Hinsicht Modell. Für die Vorbereitung auf die Sakramente gibt es ein "Blaubeurer Modell" und ebenso für die Berufungspastoral. Das letztere soll hier vorgestellt werden. P. Werder hat mit Verantwortlichen gesprochen.

Die neueste Errungenschaft ist ein "Talentschuppen", zu dem die Gemeinde junge Leute eingeladen hatte. "Da ging es nicht gleich um die Frage: Was kann ich jetzt machen?, sondern: welche Begabungen habe ich?", erzählt Lena Schwendemann, die als Schülerin der 10. Klasse Gymnasium teilnahm. Entstanden war diese Idee in einer Familiengruppe, deren Mitglieder seit der Vorbereitung ihrer Kinder auf die Erstkommunion zusammenkommen, und die sich jetzt Gedanken machten, wie sie ihren Kindern dabei helfen könnten, den richtigen Beruf zu finden, ihre Berufung zu entdecken. Zur Zeit planen die Eltern dieses Kreises ein Seminar, um die eigene Berufung zu Ehe und Familie neu zu bedenken, aber auch um zu fragen, wie sie ihre jungen Leute unterstützen können, Ehe und Familie als eine kostbare Berufung zu erkennen.
Ein Pfarrer glaubt an die Begabungen in seiner Gemeinde
Daß in der Gemeinde "Mariä Heimsuchung" Blaubeuren das Thema "Berufung" im Blick ist, kam nicht von heute auf morgen. Der Impuls dazu ging über viele Jahre von Pfarrer Winkler aus, der bis vor zwei Jahren die Gemeinde leitete. "Er sprach die Leute an und lud sie zur Mitarbeit ein. Er machte uns bewußt, daß jeder und jede eine besondere Begabung hat, die der Gemeinde dienen kann", berichtet Antonia Stähle, die von Anfang an dabei war. Seit über 30 Jahren gibt sich die Gemeinde Leitziele für ihr Handeln. Dabei war auch immer wieder die Berufung aller Christen zum Aufbau der Gemeinde das Thema.
Elterngruppen machen "Berufung" zum Thema
Aber bei der Bewußtseinsbildung ist es nicht geblieben. Seit Jahren bereiten in Blaubeuren die Eltern ihre Kinder selber auf die Erstbeichte, Erstkommunion und die Firmung vor. Dazu gibt es Elterngruppen, um miteinander die notwendige Befähigung zu erarbeiten. Nach der Firmung befassen sich die Elternkreise ausdrücklich mit dem Thema "Berufung". "Zuerst haben wir Eltern uns selbst gefragt, was für uns Berufung bedeutet. Wir haben gefragt: Wie ist eigentlich bisher mein Leben abgelaufen, wo erkenne ich Eingriffe Gottes in meinem Leben?", so schildert Manuela Marrone bei einem eigenen Gespräch den Anfang dieses Kurses.Und sie fügt hinzu, für sie habe früher "Berufung" auch nur mit Priester und Ordensberuf zu tun gehabt, heute sei für sie klar, daß jeder Mensch seine Berufung hat. "Ich dachte immer: ÔBerufungÕ, das hat mit mir selber nichts zu tun, ich bin nicht zu Höherem berufen. Deshalb ist mir damals der Satz unseres Pfarrers: "Mit jedem Menschen hat Gott etwas Großartiges vor" durch Mark und Bein gegangen", erzählt Frau Marrone mit Begeisterung. Ihre Überzeugung: "Damit junge Menschen ihre Berufung finden können, dazu hat die Kirche etwas ganz Wichtiges beizutragen, was staatliche Institutionen nicht anbieten". Als nächstes lud die Gruppe den Leiter der Diözesanstelle Berufe der Kirche in Rottenburg, Rolf Seeger, und seine Mitarbeiterin, Sr. Gertrud Dobhan, ein und lernte mit ihnen, wie bei Kindern "Berufung" abläuft. "Das war für mich ein Aha-Erlebnis, nämlich, daß Berufung schon im Kindergarten beginnt, daß Eltern da schon wahrnehmen sollen, was ein Kind z.B. spielt. So ist uns neu bewußt geworden, daß es unsere Aufgabe ist, in unseren Kindern zu entdecken: was steckt in ihnen, was hat Gott mit ihnen vor", erinnert sich Manuela Marrone.
Ein Trainingsprogramm für Jugendliche: Feinfühlig werden für das, was mir liegt
Aus einem solchen "Berufungskurs" von Eltern ist die Veranstaltung "Berufsfindungs-seminar" für Jugendliche hervorgegangen. Der Elternkreis lud seine jungen Leute und die Jugendlichen der Gemeinde ein. 24 junge Menschen im Alter von 14 bis 20 Jahren fanden sich für einen Nachmittag im Gemeindehaus ein. Rolf Seeger und Sr. Gertrud leiteten die Gruppe an, nach ihren eigenen Talenten und Begabungen zu fragen, "feinfühlig zu werden für das, was uns liegt", wie sich Lena ausdrückt. "Es ging darum, das, was ich als meine Begabung erkenne, mit dem Beruf zu vergleichen, der mir bisher vorschwebte, von dem vielleicht die Eltern sagen, daß er für mich der richtige wäre, daß ich da viele Chancen hätte usw. Die Vorstellungen der Eltern nimmt man immer so auf und bedenkt dann manchmal zu wenig, wo eigentlich die eigene Neigung liegt", so schildert Lena eine wichtige Erkenntnis dieses Nachmittages und weiter: "Wir sind ermutigt worden auch durchzusetzen, was wir als das Unsere erkannt haben, nicht nur gegenüber Eltern, sondern auch gegenüber dem, was "man" sonst in der Gesellschaft für wichtig und richtig ausgibt".
Wertschätzung der besonderen Berufungen
Aber nicht nur die allgemeinen Berufungen stehen im Blickfeld, auch die besonderen Berufungen werden bewußt wahrgenommen. "Beim Thema `Berufung´ in den Elternkreisen geht es auch darum, daß Eltern ein Gespür entwickeln, wach sind und offen für besondere Berufungen", so Marianne Bayer. Dann aber wird auch dieser Aspekt konkret: Einzelne Gruppen machen sich auf den Weg und besuchen junge Leute aus der Gemeinde, die in der Ausbildung zu einem Beruf in der Kirche stehen: Studium der Sozialpädagogik, der Theologie, der Kirchenmusik, Kandidatur bzw. Noviziat. So signalisiert die Gemeinde Wertschätzung für ihren Weg, aber es dient auch der Information über ihren Ausbildungsweg. Zuhause wird dann beim Gottesdienst und anderen Gelegenheiten die ganze Gemeinde informiert. Höhepunkte auf diesem Weg waren natürlich die Primizfeiern 1992 und 1993.
Vertrauen in das Gebet
Das Thema "Berufung" hat das ganze Jahr hindurch einen festen Platz im Gottesdienst, so etwa in den Fürbitten, an besonderen Gedenktagen, bei der großen Gemeindewallfahrt. Darüber hinaus steht an jedem Donnerstag das Gebet für die jungen Menschen im Vordergrund. Diese Tatsache ist auch manchen Jugendlichen schon wichtig geworden. So kann Martin Bucher, Ministrant und Leiter der Jugendband der Gemeinde, sagen: "Daß es Menschen gibt, die für die Gemeinde beten, zu der ja auch ich gehöre, finde ich gut. Ich bin froh, daß dort auch an die Anliegen der jungen Menschen gedacht wird. Und wenn ich Zeit habe und das Bedürfnis danach, gehe ich auch einmal selbst bewußt in diesen Donnerstagabend-Gottesdienst, auch wenn da vorwiegend ältere Leute sind". Zu den älteren Leuten gehört Johann Gingl, Mitglied des Päpstlichen Werkes für geistliche Berufe (PWB). "Unser Anliegen ist es", so Gingl, "Gott zu bitten, daß er wieder junge Menschen in seinen Dienst ruft. Dabei geht es uns um Priester- und Ordensberufe, aber z.B. auch um Gemeindereferenten. Und auch die Zukunft der jungen Menschen überhaupt nehmen wir in unser Gebet hinein."
Bis vor kurzem war die Gemeinde fast zwei Jahre ohne Seelsorger. "Das war eine Herausforderung, aber die Dynamik blieb erhalten. In dieser Zeit zeigte uns Gott, daß viel Mitverantwortung gewachsen ist. Das war für die ganze Gemeinde eine Freude und eine Ermutigung", so zieht Frau Stehle heute dankbar Resümee der vergangenen Jahre.