Berufswahl - kein Grund zur Panik!

Erfahrungen mit der Aufgabe "Berufswahl"

Berufswahl, wie geht das? Es geht nicht immer nahtlos von einem Lebensabschnitt in den anderen über. Dafür machen viele junge Leute wertvolle Erfahrungen mit sich selber, und diese Zeit ist nicht verloren. Charlotte Look (20) aus Münster war bereit, ihren Weg zu schildern.
Seit einem halben Jahr mache ich eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. Ob das mein Traumberuf ist? Das glaube ich nicht. Aber im Moment ist es ein Beruf, der mir Spaß macht. Für mich gibt es den Traumberuf gar nicht, denn die Vorstellung, über vierzig Jahre lang die gleiche Tätigkeit auszuüben, ist ziemlich erschreckend.
Keine Lust auf Berufswahl
In der neunten Klasse machte ich mein Betriebspraktikum in einem Altenpflegeheim, was mir gut gefallen hat. Dann stand die Frage der Berufswahl erst mal wieder im Hintergrund, viel zu beschäftigt mit Hobbys und Freunden und den Auseinandersetzungen die man mit sechzehn so hat, verschwendete ich keine Gedanken mehr daran. Als dann allerdings in der zehnten Klasse meine Versetzung gefährdet war, brachte mich mein Vater zu den Tatsachen zurück: Ich solle mich entweder anstrengen und das Abitur machen oder nach der zehnten Klasse eine Ausbildung anfangen. Und da ich nicht die geringste Ahnung hatte, was ich für eine Ausbildung machen sollte, strengte ich mich in der Schule an, schaffte die Versetzung und begann die Oberstufe.
Selbsterkenntnis durch Abgrenzung
Aber damit stellte sich auch wieder die Frage, was ich denn wohl nach dem Abitur anfangen sollte. Ich habe mich als Mitglied im Jugendbibelkreis und während verschiedener Besinnungswochenenden im Kloster öfter mit Fragen, die die eigene Lebenssituation betreffen, auseinandergesetzt; dabei ist mir mehr und mehr klar geworden, was ich einmal nicht werden wollte - zum Beispiel einer dieser streßgeplagten Erwachsenen, deren Lebensinhalt aus Arbeit und Fernsehen besteht. Dadurch hat sich weniger eine konkrete Berufsvorstellung entwickelt, sondern mehr eine Vorstellung davon, wie ich mein Leben leben möchte. Nämlich vor allem bewußt und selbstbestimmt.
Wer die Wahl hat, hat die Qual
Während der zehnten Klasse habe ich an der Firmvorbereitung teilgenommen. In den Gesprächen mit den anderen Firmlingen wurde für mich klar, daß es galt, so eine Art roten Faden im Leben zu finden. Ich habe in meiner Freizeit viel Zeit in der Gemeinde verbracht, als Meßdienerin, als Betreuerin in den Ferienlagern, im Jugendbibelkreis und als Mitarbeiterin der Kinderbibelwoche. Pastoralreferentin wäre doch eine Möglichkeit, die Dinge, die mir Spaß machten, zum Beruf zu machen. Ich redete mit dem Pastor sowie der zuständigen Vertreterin des Bistums und eigentlich klang das alles ganz gut. Aber ich hatte auch viele andere Ideen, die mir ebenfalls zusagten. Ich wußte weiterhin nicht, was ich einmal im Anschluß an die Schule machen sollte, und so beschloß ich, erst mal ein Jahr Pause zu machen, um etwas von der Welt zu sehen. Vielleicht wüßte ich ja im Anschluß daran, wie es weitergehen soll.
Lernfeld: Umgang mit Menschen
Direkt nach dem Abitur ging es los in die USA, dort arbeitete ich in einem Sommercamp als Schwimmlehrerin und Bademeisterin. Das Camp war von der methodistischen Kirche getragen und hatte zum Ziel, den Kindern, die in ihrem alltäglichen Leben nicht viel Aufmerksamkeit und Zuwendung bekommen, für zwei Wochen weg aus der stickigen Großstadt Erholung zu bieten und ihnen Dinge beizubringen, die ihnen Selbstvertrauen geben und die sie in ihrem Alltag nicht lernen würden, wie Schwimmen, Theaterspielen, Naturkunde und der Kontakt zu Gott. Ich lernte viel in diesen drei Monaten. Über mich, die Kinder und die andern Mitarbeiter. Es beeindruckte mich, wie die Leiter des Camps ihre ganze Freizeit und wohl auch einen großen Teil ihrer Energie für das Camp opferten und sich durch diese Arbeit im Dienst Christi fühlten. Die Art, wie die Kinder mit den Geschichten der Bibel vertraut gemacht wurden und den Umgang mit dem Glauben, der mir viel offener und lebendiger erschien als zu Hause, waren neu für mich.
Zu Beginn des Sommers war ich ein wenig traurig gewesen, daß ich aufgrund der Tätigkeit am Pool keine eigene Gruppe haben konnte und so nie die Möglichkeit hatte, eine solche Beziehung zu den Kindern aufzubauen wie die Leiter, die 24 Stunden am Tag mit ihnen zu tun hatten. Aber dann änderte sich meine Einstellung dazu; vielleicht ist es wichtiger, die eigene Aufgabe mit Hingabe zu machen, anstatt Energie an den Vergleich mit anderen Positionen zu verschwenden.
Soziale Laufbahn: ja, aber ...
Den nächsten Sommer verbrachte ich noch einmal in den USA und
arbeitete als Betreuerin in einem Camp für geistig behinderte Kinder und Erwachsene in Pennsylvania. Am Anfang war das gar nicht so einfach, aber dann machte es trotz allen Anstrengungen ungeheuren Spaß, und ich war sehr traurig, daß ich auf Grund meines Ausbildungsanfangs schon vor Camp-Ende abreisen mußte.
Das alles klingt vielleicht doch mehr, als sollte ich eine soziale Laufbahn einschlagen, aber vielleicht ist es genauso sinnvoll, einen anderen Beruf, der einem ebenfalls Spaß macht, auszuüben und dafür in der Freizeit mit viel Spaß sich ehrenamtlich diesen Dingen zu widmen. Ich kann immer noch nicht sagen, meinen Weg gefunden zu haben, obwohl ich mittlerweile schon zwanzig Jahre alt bin. Manchmal läßt das Unsicherheit in mir aufkommen, aber im Grunde stehen mir ja noch viele Wege offen und ich habe auf keinen Fall das Gefühl, Zeit verschenkt zu haben.