Bernhard Jagoda, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, Nürnberg:

Nicht an Beratungsleistungen sparen

WEGBEREITER: Suchen BerufswählerInnen beim Arbeitsamt "nur" einen Job oder fragen sie auch: Was ist "mein Ding", wer bin ich?
Bernhard Jagoda: In der Mehrzahl der Beratungsgespräche geht es darum, wie die beruflichen Interessen und Fähigkeiten des einzelnen am besten genutzt werden können. "Der Beruf soll mir Spaß machen", ist einer der am häufigsten geäußerten Sätze in Beraterzimmern. Im gemeinsamen Gespräch geht es um persönliche Vorlieben, Stärken und Schwächen, Ziele und Werthaltungen und darum, wie diese mit dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zusammenpassen.

WB: Sieht es das Arbeitsamt als seine Aufgabe an, auf diese weitergehenden Fragen einzugehen, ist es dafür qualifiziert, gewissermaßen auch Lebenshilfe zu geben?
Bernhard Jagoda: Berufswegplanung ist Bestandteil der Lebensplanung. Wichtige Lebensbereiche der Jugendlichen wie Schule und Elternhaus beeinflussen die Berufswahl und können Gegenstand von Beratungsgesprächen sein. Berufsberater und -beraterinnen der Arbeitsämter haben eine fundierte Ausbildung, die neben Berufs- und Arbeitskunde auch die Fächer Psychologie, Pädagogik und Soziologie beinhaltet. Bei schwierigen persönlichen Problemen wie z.B. Drogensucht, Zerwürfnissen mit dem Elternhaus oder Lernstörungen verweisen wir jedoch an die einschlägigen Beratungsdienste.

WB: Hier haben auch die Kirchen eine Verantwortung für die jungen Menschen, gerade auch in der Phase der Berufswahl. Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen
Arbeitsamt und Kirchen, wo liegen die Unterschiede?
Bernhard Jagoda: Es trifft zu, daß die Berufswahl in eine schwierige persönliche Entwicklungsphase fällt, in der Jugendliche manchmal labil sind und sich überfordert fühlen. Kirchen und Arbeitsämter geben hier wichtige Orientierung, aber auf unterschiedlichen Themengebieten. Im gemeinsamen Interesse liegt es sicherlich, daß Beratungsleistungen wegen finanzieller Engpässe nicht zurückgefahren werden.

WB: Welche Bedeutung haben die kirchlichen Berufe in der Beratung des Arbeitsamtes? Gibt es dazu Informationsmaterialien in den Arbeitsämtern?
Bernhard Jagoda: Einschlägige Berufswünsche dieser Art werden eher selten an die Berufsberatung herangetragen. Wenn sich junge Menschen in dieser Richtung orientieren wollen, sind sie häufig bereits intensiv in die Arbeit der Kirchen integriert, engagieren sich dort in unterschiedlichen Projekten und sammeln so bereits berufliche Erfahrungen und Informationen. Sie wenden sich dann auch eher an die Kirchenvertreter vor Ort als an die Berufsberatung der Arbeitsämter.
Informationsmaterial ("Blätter zur Berufskunde") gibt es bei den Arbeitsämtern für eine Reihe kirchlicher Ausbildungsgänge. Diese Ausbildungsgänge sind auch in Form von Kurzbeschreibungen in der jährlich erscheinenden Schrift "Studien- und Berufswahl" geschildert, die kostenlos an Schüler/-innen der Sekundarschule II ausgegeben wird.
Wenn kirchliche Ausbildungsträger das wünschen, können Arbeitsämter auch auf besondere Ausbildungsgänge hinweisen und Faltblätter verteilen. Als Beispiel nenne ich das Ahlener Modell, das eine Ausbildung zum Priestertum auch ohne Abitur und Hochschulstudium eröffnet.

WB: Die Kirchen gehören zu den größten Arbeitgebern in der Bundesrepublik. Geht die Beratung der Arbeitsämter auf die ethischen Anforderungen der Kirchen ein? Welche Erwartungen hat die staatliche Arbeitsverwaltung an die Kirchen?
Bernhard Jagoda: Bei einer Zusammenarbeit zwischen kirchlichen Einrichtungen und den Arbeitsämtern vor Ort werden selbstverständlich die besonderen Wünsche dieser Arbeitgeber, wie die aller anderen auch, berücksichtigt. Als sogenannte Tendenzbetriebe dürfen kirchliche Einrichtungen auch besondere Bedingungen mit der Einstellung von Auszubildenden und Arbeitnehmern verknüpfen.
Die Arbeitsverwaltung hat an die Kirchen den Wunsch, nicht nur Ausbildungs- und Arbeitsplätze zu erhalten, sondern freie Stellen auch dem Arbeitsamt zu melden, damit diese in beiderseitigem Interesse und im Interesse der Jugendlichen qualifiziert besetzt werden können.