Totaler Neuanfang mit 27 |
| Der eigene Berufungsweg ist etwas sehr persönliches, wo es jemand wagt, darüber Auskunft zu geben, wird etwas sichtbar von Gottes Wegen. Hans Robert Drescher (36), zur Zeit Vikar in Liebfrauen, Ravensburg, war bereit, auf Fragen von P. Werder SDS zu antworten.
? Welches war Ihr Weg zum Priesterberuf? ! Bis 1978 absolvierte ich die Grund- und Hauptschule. Anschließend machte ich eine dreijährige Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann. Nach dem Wehrdienst wurde ich über verschiedene Einsatzorte Filialleiter von Lebensmittel-Supermärkten. 1989 begann ich mit dem Theologiestudium am Studienhaus St. Lambert in Lantershofen, 1996 wurde ich in Rottenburg zum Priester geweiht. ? Gab es einen besonderen Grund, daß Sie eines Tages eine ganz neue Richtung eingeschlagen haben? ! 1986 starb mein Vater mit 63 Jahren, 1989 starb mein Schwager im Alter von 36 Jahren, Vater von zwei Kindern mit sieben und einem halben Jahr. Das waren für mich Punkte, die mich verstärkt auf die Suche nach dem Sinn des Lebens gehen ließen. Ich war damals 27 Jahre. Irgendwie war ich zwar schon lange auf der Suche, aber jetzt stellte sich für mich die Frage entschiedener: Ist das, was und wie ich es tue, mein Lebensauftrag oder gibt es da noch etwas anderes. Durch verschiedene Aufgaben wie Ministrant, Jugendleiter, Lektor, Kommunionhelfer und Kirchengemeinderat war ich immer in meine Heimatgemeinde Böbingen/Rems eingebunden. Ausschlaggebend war in dieser Situation ein Freund, der zu dieser Zeit in Tübingen Repetent war. Er sagte mir einmal beiläufig: "Nun ist auch Rottenburg offen für den sogenannten dritten Bildungsweg über das Studienhaus St. Lambert in Lantershofen bei Bonn. Interessenten am Priesterberuf ab dem 25. Lebensjahr und mit abgeschlossener Berufsausbildung können dort ohne Abitur Theologie studieren. Dieser Abschluß ist allgemein anerkannt, so daß die Absolventen später auch Pfarrer werden und an allen staatlichen Schularten Religion unterrichten können. |
Da überlegte ich mir: Wenn schon Änderungen in Beruf und Lebensgestaltung, warum dann nicht auch das Priestertum?
? Spielten noch andere Menschen eine Rolle auf Ihrem Berufungsweg? ! Eine ganz wichtige Rolle spielte mein Heimatpfarrer. Von der Schulzeit an fand ich in ihm immer einen Ansprechpartner. Ausschlaggebend war sein Lebens- und Glaubenszeugnis als Christ und als Priester. Ich schätze sehr an ihm, daß seine Begleitung und Freundschaft in 25 Jahren nie den Hintergrund hatte: den mußt du zum Priestertum bringen. Dafür gilt ihm mein besonderer Dank. Dann gibt es da noch eine ganze Reihe von Bekannten und Freunden aus gemeinsamen Jugend- und Zeltlagerzeiten, die inzwischen ebenfalls Priester bzw. Pfarrer sind. Während Studium und Ausbildung waren für mich Rückmeldungen von Menschen, mit denen ich zu tun hatte, entscheidend, auch Anmerkungen von Ausbildungsleitern und Praktikumspfarrern nahm ich sehr sensibel auf. Ich will aber nicht verschweigen, daß es auch Menschen gab, die auf meine Entscheidung anfangs mit Ablehnung reagierten, auch im Familienkreis und Arbeitskollegen. "Wie kann man eine solche Position aufgeben und solange studieren, das Studium auch noch selber finanzieren, und dann noch nicht einmal heiraten dürfen" habe ich oft, ja über Jahre gehört und selbst heute ist dies noch ein Thema. ? Welchen Rat würden Sie einem jungen Menschen geben, der heute auf der Suche ist? ! Meiner Erfahrung nach ist das Hinhören auf die eigenen Bedürfnisse, Sehnsüchte und Wünsche sehr wichtig. Ich empfehle Zeiten der Stille, Exerzitien, Zeiten des Gebetes. Es ist wichtig Gesprächspartner zu haben, und zwar nicht nur Priester! Und es ist wichtig zu lernen, mit Ablehnung und Skepsis gegenüber dem einmal gewählten Weg umzugehen. Hans Robert Drescher |
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