Geistliche Gemeindeleitung ist möglich


Wie können Pfarrer der Gefahr entgehen, als Manager in der Gemeindeleitung aufgerieben zu werden? Regens Edelmann, Rottenburg, ist überzeugt, daß Gemeindeleiter zugleich geistliche Menschen und Seelsorger sein können.

Priester sind sie alle: Der verdiente Pensionär, der Professor für Moraltheologie an der Universität, der Betriebsseelsorger in einer Industriestadt, der Vikar. Priester sind sie alle, aber nicht Pfarrer! Das ist nochmal etwas anderes!

Modelle kooperativer Seelsorge

Pfarrer ist der Priester, den der Bischof zum Leiter einer bäuerlichen Dorfgemeinde mit 4 000 Menschen rund um Kirche, Friedhof, Kindergarten und Gemeindehaus gemacht hat, der aber der einzige Hauptamtliche in der Pfarrei ist. Er könnte seine Aufgabe nie erfüllen, hätte er nicht Frauen und Männer neben sich, die ehrenamtlich mitarbeiten: In der Leitung der Gemeinde im Kirchengemeinderat, in der Kirchenpflege, in der Vorbereitung der Kinder auf das Bußsakrament, auf die Erste Heilige Kommunion, auf die Firmung; hätte er nicht ein paar prächtige junge Leute, die Jugendgruppen leiten

Pfarrer ist der Priester mit den guten Nerven, der beim bedrohlich werdenden Priestermangel noch zu seiner Kleinstadtgemeinde drei Bauern- und Wohngemeinden vor den Toren der Stadt zusätzlich zur Leitung übernommen hat; der aber dafür sorgt, daß die Sitzungen der drei übrigen Kirchengemeinderatsgremien gemeinsam mit dem ursprünglich eigenen Kirchengemeinderat vorbereitet werden, aber von den Zweiten Vorsitzenden im Zweifelsfall eigenständig geleitet werden. Da es absolut unmöglich ist, in allen vier Gemeinden wie bisher zwei oder drei Sonntagsmessen zu halten, gestalten sie im Turnus Wortgottesdienste, so daß die Leute am Ort sich als Gemeinde Jesu am Herrentag erleben können. Die Hauptperson, Jesus, ist mitten unter ihnen. Glücklicherweise hat dieser Pfarrer vom Bischof eine Pastoralreferentin bekommen, die eine volle theologische und pastoralpraktische Ausbildung hat, mit ihm berät, mit ihm Frauen und Männer sucht und schult für ehrenamtliche Dienste.

Pfarrer ist auch einer der beiden jungen Priester, die sich seit Jahren vorgenommen haben, miteinander einmal im Pfarrhaus zu leben, miteinander zu beten, miteinander mehrere Gemeinden als Seelsorger zu leiten. Der eine ist juristisch der Pfarrer", der andere heißt Pfarrer, ist aber juristisch streng genommen "pastoraler Mitarbeiter". Und die beiden sind dabei glücklich, da sie nicht einsam im Pfarrhaus sitzen, sondern einen Freund finden, wenn sie einmal mit Wut im Bauch oder deprimiert abends von einer Sitzung heimkommen. Da kann man dann beim anderen "abladen"

Pfarrer sind sie alle, aber ihre Arbeitsfelder und Konzepte sind sehr verschieden. Minderwertigkeitskomplexe entwickeln sie nicht, wenn ihre Gemeindemitglieder an ihnen wachsen und sehr viel Selbständigkeit entwickeln, selbst dann nicht, wenn manche Leute lieber die Pastoralreferentin predigen hören.

Jesus zum Zug kommen lassen

Als Leiter der Gemeinde sind sie durch Handauflegung in der Priesterweihe gesandt, wie Jesus gesagt hat: "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch!" In ihrer Person wird sichtbar (sakramental!), daß Jesus zu den Menschen spricht, daß er seine Gemeinde sammelt, daß er die Gesammelten auferbaut zum gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen, daß er sie mit den Sakramenten "zurüstet zu ihrem Dienst (Eph. 4,11 und 12) und als Charisma, als Gnadengeschenk" der Gemeinde zuteilt.

Nein, Pfarrer sein ist mehr, als nur zu organisieren, zu telefonieren, Kopien zu machen, zu faxen Sie sind Seelsorger, exemplarisch in allen Seelsorgsaufgaben präsent, aber Seelsorger zusammen mit Gefirmten, die selber Seelsorger durch sie und mit ihnen sind (es gibt da den seelsorglichen Grundauftrag für alle Gefirmten: Mt 18,15-18!).

Gemeindeleitung ist vornehmlich ein geistlicher Dienst an der Gemeinde. Da geht es um Verkündigung, Visionsarbeit, Inspiration. Und wenn ein Pfarrer so kooperativ leitet, wird er kein Macher, kann er Geistlicher, kann er Mensch sein.




Der hilfsbedürftige Helfer


Viele Menschen wenden sich an den Priester, an wen kann er sich wenden, was hilft ihm, in seinen Aufgaben zu bestehen? Wunibald Müller, Leiter des Recollectio-Hauses in Münsterschwarzach bei Würzburg, begleitet Männer und Frauen aus kirchlichen Berufen in Krisensituationen. Er gibt Anregungen.

Burn-out-Erfahrungen

"Gönne Dich Dir selbst", schreibt Bernhard von Clairvaux an den damaligen Papst Eugen. Und er fährt fort: "Wenn Du ganz und gar für alle dasein willst ... lobe ich Deine Menschlichkeit, aber nur, wenn sie voll und echt ist. Wie kannst du aber voll und echt Mensch sein, wenn Du Dich selbst verloren hast?"

Priester können wie andere Menschen in helfenden Berufen in besonderer Weise gefährdet sein, sich zu verausgaben und auszubrennen. Manchmal ist es die Fülle der Erwartungen der Menschen, für die sie dasein wollen bzw. dasein sollen, die sie erdrückt, weil sie sich nicht angemessen abgrenzen können. Oft sind es eigene überzogene Erwartungen, die sie sich selbst gegenüber haben, die dazu führen, daß sie sich übernehmen. Bei anderen Priestern liegt der Grund für ihr "Ausbrennen" tiefer. Sie können sich nicht selbst annehmen.

Psychotherapie

In einer solchen Situation bedarf der Priester manchmal der Begleitung durch einen Menschen, der ihm hilft, innere oder äußere Schwierigkeiten zu überwinden. Stehen die Probleme des Priesters in einem Zusammenhang mit seiner eigenen Lebensgeschichte, kann eine psychotherapeutische und spirituelle Begleitung - wie sie beispielsweise im Recollectio-Haus in Münsterschwarzach angeboten wird -, von Hilfe sein. Voraussetzung für Heilung ist dabei: meine unerlöste Seite anzuschauen, auszuhalten und schließlich anzunehmen, sie also nicht länger zu übersehen, abzudrängen oder mit Verachtung zu strafen.

Geistliche Begleitung

Als sehr gut hat es sich erwiesen, wenn ein Priester eine fortlaufende geistliche Begleitung wahrnimmt, also nicht erst dann eine Begleitung sucht, wenn er sich in einer Krise, sei sie emotionaler oder spiritueller Art, befindet. Eine kontinuierlich stattfindende geistliche Begleitung erlaubt es, das innere Erleben und den Alltag als Priester immer wieder auf der Folie der persönlichen Gottesbeziehung anzusehen und gegebenenfalls auch wieder mehr in den Kontext der Gottesbeziehung zu stellen. Das trägt dazu bei, daß die spirituelle Seite im persönlichen und beruflichen Leben des Priesters nicht zu kurz kommt. Das geschieht leider allzu oft und kann dazu beitragen, daß dem Priester zunehmend der Bezug zu sich selbst, seiner Seele, verlorengeht, bis dahin, daß er sich irgendwann spirituell ausgetrocknet und leer erlebt.

Supervision

Eine Supervision oder Praxisberatung bieten sich an, wenn ein Priester neu in eine Gemeinde kommt oder Konflikte mit Mitarbeitern oder Probleme in der Gemeinde auftreten, mit denen die Beteiligten alleine nicht zurecht kommen. Hier kann die Anwesenheit einer unabhängigen Person, die sich in die Psyche von Menschen einfühlen kann und die fähig ist, in einem geschützten Rahmen Menschen zu helfen, sich offen auszutauschen, dazu beitragen, die Ursachen, die oft hinter den Konflikten liegen, transparent zu machen. In der Einzelsupervision kann der Priester, ohne die Rücksichtnahme, die er sonst an den Tag legen muß, berufliche Probleme ansprechen.

Der Priester, der auf ganz unterschiedliche Weise Hilfe für sich in Anspruch nimmt, macht deutlich, daß auch er hilfsbedürftig ist. Er kann dadurch andere ermutigen, noch mehr zu ihrer eigenen Hilfsbedürftigkeit zu stehen und sich aufzumachen, die Hilfe anderer, einschließlich die des Priesters in Anspruch zu nehmen, um so erfahren zu dürfen, welcher Segen aus der Hilfe anderer Menschen für das eigene Leben erwachsen kann.