Eine Zerreißprobe zwischen Identität und Realität

von Maria Anna Leenen

 

Immer wieder ein schwaches Glucksen und Blubbern, dazwischen die typische, fast völlige Geräuschlosigkeit und dann dieser modrige, ganz eigene Geruch. Die Füße tasten unsicher über den schmalen, schwankenden Pfad aus Eichenbohlen und im Hinterkopf blinkt die eindringliche Botschaft des Schildes auf, das zu Beginn warnte: Bleiben Sie in jedem Fall auf dem Weg!
Im hellen Sonnenschein des Sommers ist eine Wanderung durch das Moor kein Problem. In der nebelnassen Trübsal des Novembers oder im weiß-braunen Schneematschmuster norddeutscher Winter verschwimmen die Konturen, alles wird undeutlich, die hilfreichen Markierungen sind plötzlich verschwunden und die bange Frage wird laut: „Wo ist bloß der sichere Weg geblieben?“ Das leise Unbehagen, zuerst noch vermischt mit Faszination und Abenteuerlust, kann sich schnell zur lähmenden, Angst auslösenden Orientierungslosigkeit auswachsen. Sicher gehen in unsicherem Gelände kann nur, wer gute Sicht hat, den festen Boden unter den Füßen spürt und sich aufmerksam und wachsam im Gelände bewegt.

1. Identität und Realität
Der Boden, auf dem heute Priestersein und priesterlicher Dienst gelebt und geleistet werden sollen und müssen, ist seit Jahrzehnten – so scheint es – schwankend. Die sowieso eher belastende als anspornende Idealisierung des „Hochwürden“ wurde ersatzlos gestrichen; innerkirchlich bekam das Berufungsbild des Priesters ein seltsam unscharfes Profil. Von außen brandeten Anfragen, Zweifel, Misstrauen, Spott hoch. Das Bonmot des Publizisten Johannes Gross über den katholischen Klerus ist bekannt und seine spitzzüngige Meinung weit verbreitet:
„Es sind die Männer, die vom Wehrdienst freigestellt sind, Umgang mit dem anderen Geschlecht nicht haben sollen, in beamtenhaft gesicherter Existenz vor viel Alltagslast geschützt werden, von keinem bürgerlichen Beruf Ahnung haben: Diese Männer sind dazu berufen, ihren Mitmenschen in Lebensnot und Seelennot zu raten, beizustehen. Auf den Gedanken muss einer erst einmal kommen.“ (FAZ-Magazin 27.11. 98)

Seit Jahren treffen nun auch die zum Teil massiven Strukturreformen mit ihren Anforderungen nicht wenige Priester mitten ins Herz. Qualitätsmanagement, Kompetenzentwicklung, Plausibilitätskriterien und Leistungsprofessionalisierung sind Vokabeln, die zur Zeit ihrer Ausbildung unbekannt waren. Und die eine Gemeinde, die zu leiten, zu begleiten und zu stärken Freude schenkte, entwickelte sich zum nicht mehr übersehbaren Seelsorgebezirk, den auch nur zu verwalten sich manche Priester kaum in der Lage sehen. Die Situation gleicht für viele einer Zerreißprobe. Die Identität, die gelebt und bejaht wurde und wird, ist anscheinend nicht mehr kompatibel mit der Realität, die sich dazu noch ständig rasant weiter verändert und völlig neue Anforderungen stellt. Der Weg der Kirche, das Finden ihrer neuen Gestalt und der priesterliche Dienst in dieser Kirche ähneln einer Wanderung durchs Moor bei ungünstigen Wetterverhältnissen.

2. Den Menschen im Blick haben
Priesterlicher Dienst ist immer Dienst am und für Menschen. Es ist ein „evangeliumsgemäßer Dienst an der Einheit des in seiner Gesamtheit zur Heiligkeit berufenen Gottesvolkes.“ (G. Greshake) Dieser Dienst ist der Auftrag des Herrn, sein Gesandter zu sein und damit Mitarbeiter Gottes in der Kirche, die sein Werkzeug, sein Instrument ist. (vgl. 2 Korinther 5,20;6,1) Zu diesem Dienst gehört auf einen Weg geschickt zu werden, von dem meist nur die ersten Meter erkannt werden können. Ein Mosaikstein der Sicherheit auf dem Weg erwächst durch das Bemühen, die Menschen nicht nur irgendwie im Blick zu behalten, sondern gezielt, ganz bewusst die Sensibilität für menschliche Nöte zu schulen. Denn viel zu schnell vernebeln Terminstress und Sachzwänge die Sicht. Es ist erschreckend leicht, rotgeränderte Augen oder verbittertes Schweigen bei Küster, Putzfrau oder dem Jugendlichen von nebenan zu ignorieren, ja, es nicht einmal zu bemerken, um es später im Gebet vor Gott zu erinnern.
Es geht auch für Priester kein Weg daran vorbei: nur der offene, einfühlsame Blick auf die, die hungrig, krank und arm, nackt, obdachlos, fremd und verzweifelt sich nach einem guten Wort oder einer helfenden Hand sehnen, macht die Markierungen des Weges sichtbar. Überforderung, Arbeitsüberlastung und massiver Leistungsdruck erweisen sich schnell als grandiose Nebelwerfer, die verschleiern, dass nicht jede Marathonsitzung notwendiger ist als die eine halbe Stunde Zeit, in der einem Menschen in Not zugehört wird. Um diese Nebel sich lichten zu lassen, sind Zeiten der Reflexion, der Zurückgezogenheit und des persönlichen, stillen Gebetes unumgänglich, ebenso wie der ehrliche und faire Austausch unter Mitbrüdern, die Supervision oder Selbsterfahrungsgruppen. In allen diesen geschützten Räumen können Lasten abgelegt und Lösungen für Probleme gesucht werden und die Kraft kann wachsen, Unabänderliches zu tragen.

3. Sich auf das Fundament besinnen
Priester sein ist trotz aller säkularen Einebnungstendenzen eine Berufung, kein Job.
Die mit der Weihe verliehene Befähigung setzt den Priester in Stand und Befugnis an Christ Statt zu handeln. Aber: Christus ist es, der wirkt. Die betende Erinnerung an diese Glaubenswahrheit entlastet. Und sie ist ein deutliches Hinweisschild, das hilft, die Richtung zu halten. Dass die Schwächen, Unvollkommenheiten und Fehler des Priesters Christi Werk nicht zerstören können, schenkt zudem Mut, eben diese Schwächen in Ruhe anzuschauen und dagegen zu leben, anstatt sich irgendwann mit zitternden Knien keinen Meter mehr weiter zu trauen. Oder vielleicht sogar soviel Courage aufzubringen, die eine oder andere Schwäche zu akzeptieren, sie als Kennzeichen der menschlichen Natur anzunehmen. Die Einheit von Berufung und Lebensform bleibt dabei immer ein Balanceakt, der nicht immer erfolgreich ist. Gottes Ruf und Sendung prägen das Leben bis in die intimsten Winkel der Existenz. Die persönliche Gestaltung ist darum nicht nur ein Zeichen der Glaubwürdigkeit für den Nächsten. Sie ist zuerst Ausdruck der tiefen Christusverbundenheit. Denn die Freundschaft mit dem, auf dessen Ruf der Priester geantwortet hat, ist das allem priesterlichen Leben zugrunde liegende Fundament, der feste Boden, der verhindert, dass in Tod bringenden Schlammlöchern versunken wird.

4. Heiligkeit als Menschwerdung begreifen
So führt der Weg des Priesters auch heute durch unsicheres Gelände in einer Landschaft, die zwar oft – noch! - unbekannt erscheint, auf dem aber immer Jener mitgeht, der diesen Weg schon längst kennt. Seine Heiligkeit ist der Ansporn, nicht müde zu werden oder resignierend am Wegrand sitzenzubleiben. Jesu Wort: „Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst“ (Matthäus 26,39), kann sich hier als die alles entscheidende Orientierungshilfe an verwirrenden Weggabelungen erweisen. Berufen, diese Heiligkeit in sich entfalten zu lassen und zu leben heißt letztendlich auch zu begreifen, dass Heiligkeit vor allem die Einwilligung des Menschen ist, dem Heiligen Geist in sich und im persönlichen Umfeld keine Grenze setzen zu wollen – wie auch immer sich dieses Umfeld gestaltet und wandelt. Und so wie der Heilige Gott selbst Mensch wurde, ist auch der Weg des Priesters ein Weg der Menschwerdung. Thomas Merton, der amerikanischer Trappist und große geistliche Lehrer des 20. Jahrhunderts, brachte es einmal auf eine griffige, aber höchst treffende Formulierung: „Ein Heiliger ist ein Mensch im Vollbesitz seiner Menschlichkeit.“

5. Liebhaber werden statt Aktivist
Bummelnd und schlendernd ist dieser Weg nicht zu bestehen. Ein wachsames Herz den eigenen inneren Unordnungen und den äußeren Versuchungen gegenüber bleibt immer notwendig. Gerade bei wachsenden Aufgaben, die mit ebenso wachsender Macht verbunden sind, können Leichtsinn und/oder Überheblichkeit wie quer liegende Baumstämme sein, die einen ins Stolpern geraten und im Matsch landen lassen.
Egal, für welche kirchlichen Strukturen und Formen sich priesterliches Leben in den nächsten Jahrzehnten einspannen lassen muss: Grundsätzlich gilt immer Christus zu folgen bei seinem heilenden und die Menschen heim holenden Weg durch Raum und Zeit. Er, Christus, hat seine Kirche durch die unwegsamen Landschaften der letzten Jahrtausende geführt. Er wird auch die Fragen und Unsicherheiten, die Ängste und die so massiv befürchteten „Verunmöglichungen“ der bekannten priesterlichen Lebens – und Dienstmodelle beantworten, lösen und erlösen. Sicher geht, wer wie er die Menschen liebt, die tiefe Freundschaft mit ihm sich beständig sehnsuchtsvoll vertiefen lässt und wer wachsam, aufmerksam die Zeichen der Zeit als Hinweise seiner Führung zu lesen versucht. Oder, um es mit Anthony de Mello und seinem „Meister“ zu sagen: „Welches Licht braucht man um zur Erleuchtung zu kommen? Das Licht, um den Unterschied zwischen einem Liebhaber und einem Aktivisten zu kennen. Ein Liebhaber nimmt an einer Symphonie teil. Der Aktivist ist vom Klang seiner eigenen Trommel gepackt.“