Erwartungen an die Priester

von Prof. Paul Zulehner

Menschen auch moderner Bevölkerungen haben nicht wenige Erwartungen an die Kirche. Solche Erwartungen sind immer weniger an die Mitgliedschaft gebunden. Es ist wie bei den Gewerkschaften: Auch Nichtmitglieder unter den ArbeitnehmerInnen möchten starke Gewerkschaften; sie wollen, dass diese sich für die Interessen der ArbeitsnehmerInnen einsetzen. Ähnlich wollen die Menschen generell, dass Kirchen sich für den Frieden in der Welt stark machen (78% in einer Repräsentativstudie in Österreich 2000 ), gegen die Armut ankämpfen (63%), sich um die Zukunft der ganzen Menschheit kümmern (47%). Diese gesellschaftlichen Erwartungen richten sich an die Kirche als ganze, an die Kirchenleitung auf den verschiedenen Ebenen, aber auch an die kirchlichen Verbände und Organisationen (wie die Caritas).
Geht es jedoch um Erwartungen, die mit der einzelnen Person und ihrer Lebensgeschichte zu tun haben, ändert sich der Adressat. Jetzt bekommt (in der katholischen Kirche) der Priester eine Schlüsselrolle. Das hat damit zu tun, dass traditionellerweise Seelsorge Priestersache war und Menschen einen geistlichen Menschen, einen „Mann Gottes“ suchen.
Diese personbezogenen Erwartungen kreisen um Heirat, Geburt und Tod. So ist es den Leuten wichtig, dass die Priester der Kirche Begräbnisse abhalten (82%), Kinder taufen (70%), Trauungen durchführen (72%), Gottesdienste feiern (69%). Das sind aus der Sicht der Menschen kirchliche Kernaufgaben. Bei diesen priesterlichen Aufgaben handelt es sich keineswegs allein um Liturgien, sondern auch um die Verkündigung des Wortes sowie die Sorge um den Menschen und/oder ihre Familien.
Die Erwartungshaltung ist breit gestreut: Keine von diesen Aufgaben erwarten unter den Katholiken wie den Protestanten lediglich 18%, unter den Ausgetretenen 57% (bleiben 43% mit Erwartungen!), unter den Nichtmitgliedern 65% (immer noch haben 35% Erwartungen!).
Wie wichtig den Menschen in solchen dichten Phasen des Lebens ein Priester ist, zeigt sich an zusätzlichen kleinen Details. So wäre es unvorstellbar, würde bei der Beerdigung eines Staatsoberhaupts die Kirche einen durchaus dafür ausgebildeten und beauftragten Laien entsenden. Eine Studie unter den PastoralreferentInnen im deutschsprachigen Raum lässt auch erkennen, dass aus diesem Grund sich theologisch bestens ausgebildete Laien gern in das Arbeitsfeld des Priesters ziehen lassen oder von sich aus dorthin tendieren. Nicht wenige hauptamtliche Laien in der Kirche machen heute auf Grund des Mangels an erreichbaren Priestern „presbyterale“ Aufgaben, ohne dafür geweiht zu sein. Fachleute meinen, dass solche priesterlich handelnde Laien „Priester ohne Weihe“ sind und daher geweiht werden sollten. Eine weihefaule Kirche schadet sich und ihrem seelsorglichen Auftrag.

Rat bei Priester/PastorIn
Bisher war allgemein von Erwartungen die Rede. Aber würde man in bestimmten Situationen den Rat eines Priesters/einer Pastorin auch tatsächlich suchen? Die schon genannte Studie gibt auch darüber Auskunft. Gar keinen Rat bei einem katholischen Pfarrer oder einer evangelischen PfarrerIn wünschen sich vier von zehn Befragten (39%). Unter den Katholiken sind es nur drei von zehn, unter den Protestanten hingegen fast die Hälfte (47%). Acht von zehn (78%) der Ausgetretenen wünschen sich keine pfarrerliche Beratung. Unter jenen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, sind es mit drei von zehn etwas weniger. Beratung bei einem Pfarrer steht somit in deutlicher Beziehung zur gesamten Kirchenbeziehung.

Solche Zahlen können leicht missdeutet werden. Zunächst ist es nämlich erfreulich, dass der seelsorgliche Beratungsbedarf nicht allzu groß ist. Wo nämlich Leben gut geht, braucht es keine Beratung. „Im Notfall“ sind dann aber die Zahlen beeindruckend: 39% suchen Rat bei religiösen Problemen, 38% in persönlicher Verzweiflung, 29% in Gewissensnot. Weniger zuständig hält man die Priester heute in Problemen der Ehe und der Kindererziehung und schon gar nicht in beruflichen, finanziellen und politischen Fragen: Warum sollten in diesen Belangen auch ausgerechnet die dafür gar nicht ausgebildeten Priester zuständig sein!

Wenn kein Priester mehr am Ort ist
Wie wichtig Leuten ein Priester in Ruf- und Reichweite ist, mag man an den Befürchtungen erkennen, die Leute haben, wenn es eines Tages in ihrer Nähe keinen Priester mehr geben sollte. Die Sorgen der Leute gehen in drei Richtungen:

  • Besorgt sind sie um den kirchlichen Zentralbereich: weniger Kontakt zu einem Priester (76%), Rückgang des Gottesdienstbesuches (75%), Ausfall von sakramentaler Versorgung von Kranken (71%).
  • Die zweite Grundbesorgnis ist eher kulturreligiöser Art. Sie reicht vom Schwinden des christlichen Glaubens (57%), dem Rückgang der religiösen Betreuung von Kindern (55%), der Schwächung der Katholischen Aktion (52%) hin zum kulturellen Verlust des Ortes (48%) – die Kirche ist in nicht wenigen kleinen Ortschaften die letzte Identifikationsstelle als Gemeinschaft nach dem Verlust der Schule, des Gemeindeamtes oder der Gendarmerie.
  • Es werden aber auch positive Entwicklungen vorhergesehen: 56% erwarten eine Stärkung der Eigenverantwortung der Gemeinde, 49% sehen diesen Zustand als Anstoß für längst fällige Reformen, immerhin 42% erwarten mehr Nachbarschaftsengagement. Der Mangel an Pfarrern in Ruf- und Reichweite könnte zum Abschied von einer klerikalen Priesterkirche beitragen.
Mehr Priester?
Eine Kirche, die in Jesu Menschenfreundlichkeit an der Seite der „kleinen Leute“ bleiben will, sich nicht von der einmaligen Lebensgeschichte in seelsorgliche Megaräume zurückzieht, wird sich Gedanken machen, wie sie diese priesterliche Menschennähe erhalten oder wieder stärken kann. Nur wenn sie Wurzeln tief im Leben der Menschen hat, wird morgen bei uns die Kirche Gottes lebendig bleiben können. Denn auch Gott ist ein menschennaher Gott.