Kloster auf Zeit

von Prior Frater Dr. Vinzenz Proß OSB, Abtei Niederalteich

 

„Kloster auf Zeit“ als geistliche Orientierungshilfe – und als Begriff – entstand vor gut 40 Jahren in der Benediktinerabtei Niederaltaich und wird dort bis heute in einer im Wesentlichen unveränderten Form praktiziert. Der Anstoß für „Kloster auf Zeit“ kam von einem Mann aus der Wirtschaft, Dr. Gerhard Höper, der auf seinen Geschäftsreisen in Asien eine doppelte buddhistische Praxis kennen gelernt hatte: Zum einen gibt es dort die Möglichkeit zeitlich begrenzten Mönchtums, zum anderen ziehen sich z.B. Politiker vor wichtigen Entscheidungen für einige Zeit in ein Kloster zurück. Höper stellte sich die Frage, ob dies nicht auch im christlichen Bereich möglich wäre, und führte 1960 diesbezügliche Gespräche im Münchner Ordinariat und, auf Empfehlung eines Münchner Domkapitulars, 1961 in Niederaltaich mit Abt Emmanuel Heufelder, bei dem er sofort offene Ohren fand. Ende 1961 versandte er ein sehr ausführliches Einladungsschreiben mit dem Vermerk „Vertraulich – Persönlich“ an 800 Empfänger. Darin war das Projekt „Kloster auf Zeit“ skizziert; beigefügt war ein kurzer Brief von Abt Emmanuel Heufelder, in dem die Zustimmung der Abtei ausgedrückt wurde. Von den 800 Angeschriebenen meldeten sich 200 (!) für den ersten Kurs an, 550 weitere drückten ihre Zustimmung aus. Nur ca. 50 Einladungsempfänger äußerten Skepsis.

Der erste Kurs „Kloster auf Zeit“ fand vom 14. bis 27. März 1962 statt. Es nahmen – entsprechend der zur Verfügung stehenden Zimmerzahl – 16 ausschließlich katholische Männer zwischen 26 und 68 Jahren daran teil. Das Echo der Teilnehmer dieses ersten Kurses liegt in schriftlichen Stellungnahmen vor und war insgesamt sehr positiv. Die Mönche selbst erlebten den Kurs ebenfalls als ausgesprochene Bereicherung, und so war der Konvent von Niederaltaich sich einig, dass diese Kurse weitergeführt werden sollten. Unmittelbar nach Abschluss des ersten „Kloster auf Zeit“ -Kurses gab es die erste Veröffentlichung darüber in der Katholischen Nachrichtenagentur; weitere folgten. Daraufhin erreichten die verschiedensten Anfragen die Abtei Niederaltaich bezüglich Weiterführung und Ausweitung dieses Angebotes. 
Bald übernahmen andere Männerabteien das Beispiel Niederaltaichs und boten „Kloster auf Zeit“ - Kurse mit je eigenem Schwerpunkt an. Mit Unterstützung Niederaltaichs wagte 1965 die Benediktinerinnenabtei Tettenweis einen ersten Versuch „Kloster auf Zeit“ für Frauen, genannt „Die Kurze Rast“. Auch diese Kurse gibt es bis heute. Ebenfalls 1965 begannen die Franziskanerinnen in Straubing ein Angebot „Kloster auf Zeit“. Heute gibt es in den verschiedensten Orden und Gemeinschaften ein reiches und sehr unterschiedliches Angebot „Kloster auf Zeit“ für Männer wie für Frauen.

Während in den ersten Jahren von „Kloster auf Zeit“ der Wunsch nach Erholung und Auftanken im Vordergrund stand, überwiegt heute bei den Teilnehmern ganz klar die Suche nach Sinn, Orientierung und Identität.
„Kloster auf Zeit“ kann nicht alles leisten und nicht allen Erwartungen entsprechen. Damit diese Zeit für die Teilnehmer fruchtbar werden kann, ist von ihnen vor allem Offenheit gefordert für das, was im Kloster und aus dem Kloster auf sie zukommt.
Genauso ist aber von den Nonnen und Mönchen Offenheit gefordert für die unterschiedlichsten Menschen, die als Schwestern und Brüder zu ihnen kommen. Andrerseits braucht das klösterliche und geistliche Leben der Gemeinschaft selbst Schutzräume, auch deshalb, weil „Kloster auf Zeit“ -Kurse nur dann sinnvoll für die Teilnehmer sein können, wenn das geistliche Leben des gastgebenden Konventes gelingt.

Die Teilnehmer an „Kloster auf Zeit“ sind nicht „Mönche auf Zeit“ – in Niederaltaich werden sie „Brüder von Kloster auf Zeit“ genannt –, sondern Gäste im Kloster. Die Frage nach einem wirklichen „Mönchtum auf Zeit“ , ähnlich wie im Buddhismus, wird zunehmend an Bedeutung gewinnen und auf Antworten der „Schwestern und Brüder auf Lebenszeit“ warten. Entscheidend für das Gelingen von „Kloster auf Zeit“ ist sicher die eigene geistliche Erfahrung bzw. Gotteserfahrung der Nonnen und Mönche und daraus folgend die Überzeugung, dass das, was wir auf unserem geistlichen Weg der Gottsuche im Kloster leben bzw. zu leben versuchen, Leben in Fülle bedeutet, Sinn hat und hilfreich ist, nicht nur für uns, sondern auch für unsere Schwestern und Brüder in einem „weltlichen Alltag“. Nur wenn wir uns um ein authentisches christliches Leben bemühen, werden wir die Erfahrung unbedingten Angenommen-Seins machen und weitergeben können. Bei unserer Form von „Kloster auf Zeit“ geht es also darum, die Teilnehmer in die klösterliche Gemeinschaft mit ihrer erprobten und bewährten christlichen Lebensgestalt und ihrem Rhythmus mit hinein- und aufzunehmen, und zwar wirklich als Brüder und Schwestern. Durch die begleitenden geistigen und geistlichen Impulse können sie hingeführt werden zur Stille und Sammlung und so zum Hören auf Gott im eigenen Inneren. In den Wiederholungskursen können die Teilnehmer Kontinuität und Stabilität erfahren. So können wir im Miteinander-Leben gelebte und als sinnvoll und tragend erfahrene christliche Spiritualität und somit Sinn, Orientierung, Beheimatung und Identität vermitteln und Anteil geben an dem letzten und tiefsten Angenommen-Sein, von dem her wir selbst leben.