Hören können heißt leben lernen

von Maria Anna Leenen

 

Laute Willkommensrufe, kreischende Bremsen, übertönt vom Hereinrauschen des einfahrendes Zuges. Da – ein Kinderschrei, gefolgt von der ärgerlichen Stimme einer Frau und von oben dröhnt die Ansage des verspäteten Intercitys. Ein Stimmengewirr, ein Geräuschpegel, ein Klangteppich, der es unmöglich macht, nach dem Freund zu rufen, der ersehnt wird und der hier irgendwo wartend stehen muss. Die eigene Stimme geht unter und auch die des Freundes, der suchend nach mir ruft, verschmilzt mit dem Auf und Ab des Lärms der Umgebung. 
Diese Situation auf dem Bahnsteig eines großen Bahnhofs verdeutlicht die Wichtigkeit und zugleich die Schwierigkeit des menschlichen Hörens. Die Fähigkeit, Laute wahrzunehmen und sie als Kennzeichen und Botschaft des Anderen, des Gegenübers, des Mitmenschen zu interpretieren, gehört zu den wesentlichen Merkmalen der dialogischen Existenz des Menschen. 

Zu Ohren sprechen, die hören
Hören schafft Kommunikation; es verbindet die Menschen untereinander und ist Ausdruck der Sozialverfasstheit des Menschen. Ohne das Hörenkönnen ist menschliche Beziehung nur schwer möglich. Hören heißt sich dem anderen öffnen und ihn selbst in seinem Wort in das eigene Herz einlassen. „Wohl dem, der einen Freund fand und der zu Ohren sprechen darf, die hören.“(Jesus Sirach 25,9)

In diesem weisen Spruch des alttestamentlichen Lehrers schwingt die traurige Erfahrung mit, nicht recht gehört zu haben und selber nicht recht gehört worden zu sein. Wahrhaft hören ist ein Akt der Liebe. Hören ohne zu hören, aufeinander einreden, ohne dem Anderen die Achtung zu erweisen, seinen Worten Gehör zu schenken, ist Missachtung, bedeutet Respektlosigkeit und im schlimmsten Falle ist es fast eine Art Verrat.
Um aber so wahrhaftig hören zu können, bedarf es einiger Voraussetzungen. 
Auch hier gilt wie in allen Bereichen des menschlichen Daseins: nichts ist statisch, alles dynamisch, alles bedarf der Erneuerung, der Anpassung an veränderte Situationen, alles ist Herausforderung.

Und so wie der menschliche Bewegungsapparat erschlafft und in Folge daraus Erkrankungen des Herz- und Kreislaufsystems entstehen, so notwendig ist übendes Tun auch für die Sinne. Ein Tun, das auf Qualität bedacht ist, statt auf Quantität. Wer überwiegend stark gewürzte Speisen und tiefschwarzen Kaffee hastig und gierig verschlingt, wird die Köstlichkeit eines duftenden, frisch gepflückten Apfels nicht mehr wahrnehmen können. Die gute Erfahrung von Wind und Regen auf nackter Haut, von den wärmenden, ja fast einem Streicheln gleichenden Strahlen der Frühlingssonne nach langem, grauem Winter wird der nie verkosten können, der jeden Schritt aus seiner gut geheizten Wohnung nur macht in kompletter Vermummung. Und die permanente Berieselung aller Orten mit saisonal angepasster Geräuschkulisse lässt die Hörfähigkeit rapide verkümmern. Nicht nur biologisch! Auch die Ohren des Herzens vermögen die leisen und so wichtigen Zwischentöne im menschlichen Miteinander irgendwann nicht mehr zu vernehmen. 
Aufeinander hören in Geduld und Offenheit, in gegenseitiger Achtung, schafft erst wahre Beziehung, ist fruchtbarer Boden für Liebe und Verständnis.
Und wenn dies schon für das Hören zwischen Mensch und Mensch grundlegend notwendig ist, wie sehr dann erst in der Beziehung zwischen Gott und Mensch. 

Höre! Höre!
„Vernimm, mein Sohn, die Lehren des Meisters und neige das Ohr deines Herzens ...“ Mit diesen Zeilen beginnt der Prolog der Regel des Heiligen Benedikt von Nursia. Seine einführenden Worte sind wie die kleine Gartenpforte im Schatten eines imposanten Gebäudes: unscheinbar und, obwohl durchaus notwendig, eher nebensächlich. So erscheint jedenfalls vielen die Aufforderung des großen Ordensgründers an den Lesenden: Höre! Doch Benedikt wusste genau, dass mit dem „Höre!“ alles geistliche Leben beginnt. Höre! Öffne dich dem, der zu dir spricht! Lass‘ den Lärm hinter dir und vernimm die Stimme dessen, der sich danach sehnt, dein Freund zu sein. Höre! Nur in diesem Akt der Aufmerksamkeit geschieht es, dass sich der Boden bereitet für das Leben mit Gott. Denn – wie sollte ein Mensch Gott nachfolgen können, wenn er die Aufforderung zur Nachfolge nicht als ein an sich persönlich gerichtetes Wort vernimmt? Wie sollte ein Mensch leben können aus der Kraft des Wortes, wenn er es nicht wahrhaftig, also aufrichtig vertrauensvoll hören lernt? Jesus Christus ist dieses WORT, das gehört werden muss – nicht gehört werden kann oder gehört werden darf, sondern gehört werden muss! 

Ein einziges Wort nur „Höre!“ und doch öffnet dieses kleine Gartentürchen den Weg in eine Landschaft voller Schönheit und Fruchtbarkeit. Für den jedenfalls, der ein Leben in Fülle ersehnt, ein Leben in einer Freude, die alle Schichten der menschlichen Existenz durchtränken will bis in die tiefsten Tiefen.

Wie schön wäre es, brauchte man dieses kleine Tor nur aufzustoßen und einzutreten. Doch obwohl die Wichtigkeit des wahrhaftigen Hörens einleuchtet – die Schwierigkeiten beginnen, sobald der Mensch versucht, der Aufforderung des weisen Abtes aus Montecassino zu folgen. Die Bahnsteige unseres Lebens sind eben nicht leer und die Stimme des Freundes geht im Lärm der inneren und äußeren Unruhe unseres Lebens allzu schnell unter.
Zudem muss seine Stimme erst einmal vernommen, muss ihre Klangfarbe, ihr Timbre, ihre Melodie gekannt worden sein, um sie unter den allerorten anbrandenden Tönen und Klängen zu erkennen. 

Wer hören will, braucht Stille
Um die Stimme des Freundes heraus zu hören aus all dem Lärm und sie immer neu und immer klarer wiederzuerkennen, braucht es einen Lernprozess, der ohne Stille und ohne das feste Wollen nicht auskommt. Wer das Hören lernen will, muss sich zurückziehen. Muss horchen, lauschen, muss beginnen, die einzelnen Stimmen im eigenen Herzen zu unterscheiden. Ganz langsam und nur allmählich beginnt das innere Ohr sich zu bilden und zu formen. Ganz neu wird erfahren, wie anfällig und gefährdet das Herz ist, wie sehr von allen Seiten der Lärm hochkocht und tobt und die einzige Stimme, nach der man sich sehnt, verschluckt und zerfasert.
Doch hier nur nicht aufgeben oder resigniert verzichten! Irgendwann, in einem Moment Herz sprengenden Jubels wird er erkannt, wird seine Stimme klar gehört und so deutlich und rein dem tiefsten Grund der Seele eingeprägt, dass sie in Ewigkeit nicht mehr vergessen werden kann. Und mehr noch: so klar und lauter wird seine Stimme nun gehört, dass die eigenen Worte mehr und mehr verstummen und der Wunsch nur noch dahin geht, zu hören, zu lauschen, still vor ihm zu sein in einer beglückenden Gewissheit.
Dann verstummen die eigenen Monologe, die so gern als Gebet angesehen werden; das Richten und Urteilen verschwindet. Die Präsenz der Stimme des Freundes überstrahlt alle Unruhe, befriedet sie, schafft Klarheit im Fühlen, Denken und Handeln. Und dieser geliebte Klang tönt nicht nur im Wort der Schrift, taucht nicht nur auf in frommen Liedern und guten Worten. Er vibriert nicht nur im Lächeln der Kinder oder hallt nach im Blühen der Rosen. In allem und jedem findet sich nun seine Melodie, taucht eine Ahnung seiner Anwesenheit auf, jubelt er versteckt selbst im Gegner und Feind, ist verborgen - unfassbar und doch deutlich - in den dunklen Stunden des Leids. Und auch in das letzte Verstummen vor dem großen unbekannten Tor der Ewigkeit spricht und klingt und lockt die Stimme des Freundes hinein und ich kann folgen, kann mich fallen lassen in den endgültigen Jubel der Verherrlichung des Vaters.

hören – horchen - gehorchen 
Im hoffnungsvollen, sehnsüchtigen Horchen nach und auf diese Stimme wächst das Verstehen und Begreifen, wie sehr das WORT Lebensinhalt, ja das Leben des Menschen selbst ist. Und leise, immer tiefer und vollständiger wird deutlich, dass diesem WORT gefolgt werden muss, dass ich es nicht nur hören muss, sondern dass ich ihm gehorchen muss. Gehorchen nicht als blindes Befolgen einer Moralvorstellung oder eines Gesetzes, einer Art geistlicher Hausordnung, deren einzelne Punkte ich täglich brav abzuhaken habe. Sondern gehorchen wie wahrhaft Liebende einander gehorchen: dass jeder dem anderen den Wunsch von den Augen abliest und sofort erfüllt.

Es ist ein langer Prozess, ein lebenslanges, seliges Lernen, immer neu und immer wieder und immer mehr zu hören auf die Stimme des Freundes. Und am Ende zu wissen, diesem WORT zu gehorchen ist Erfüllung der tiefsten Sehnsucht meines Herzens.

„Da sitzt Gomer
auf der kleinen Bank
mit dem schiefen
Bein
auf der Zelle
und sieht
was alles darin ist
im Gottestanz
auf dem großen Ball
des Gehorsams. ... Gomers Gehorsam genügt
um Mutter der Menschen
zu werden
und aufzufangen
den hereinbrechenden
Himmel
eine Nonne ist weiter nichts
als eine Wiese
auf Erden, ein Ort
wo seligmachend das Heil
niedergeht
um einzudringen
in alle Häuser und Mietkammern
unter dem Mond.“

(Silja Walter, Der Tanz des Gehorsams)