„Soll ich, oder soll ich nicht??“

von Sr. Sara Thiel, Kongregation der Schwestern vom Göttlichen Erlöser

 

„Soll ich, oder soll ich nicht??“ Diese Frage hatte sich immer deutlicher herauskristallisiert: Soll ich ins Kloster gehen, oder nicht? Ist Ordensleben wirklich eine Möglichkeit für meinen Lebensweg?

Am Ende meines Studiums stand für mich fest, dass ich nun endlich etwas mehr unternehmen musste, um herauszufinden, ob diese Lebensform eine lebbare Form für mich sei. Und so entstand der Gedanke „Kloster auf Zeit“ am eigenen Leib zu erfahren. 

In Absprache mit der Provinzleitung der Schwestern vom Göttlichen Erlöser (Niederbronner Schwestern) wurde vereinbart, dass ich für 6 Wochen in einer Schwesterngemeinschaft in Chemnitz mitleben und in diesem Rahmen bei der Bahnhofsmission mitarbeiten sollte. Und so saß ich am 18. Sept. 2005 mit gemischten Gefühlen im Zug nach Chemnitz. 

Was würde mich dort erwarten? Vom tief katholischen Eichstätt ins atheistische Ostdeutschland. Vom relativ frei zu gestaltenden Studentenleben in einen durchstrukturierten Tagesablauf mit vielen verbindlichen Zeiten. Von einem Freundeskreis in meinem Alter (Mitte 20) in eine Schwesterngemeinschaft zwischen 40-70 Jahren. Vom Lernen und Bücherlesen in die konkrete Arbeitsrealität mit Obdachlosen…. Wie würde ich mich in diesen anderen Alltag einfinden können? 

Die Schwesternwohnung in der Straße der Nationen in einem ganz normalen Chemnitzer Mietshaus sollte für die nächsten 6 Wochen mein Zuhause werden – kein altes Kloster mit dicken Wänden und feierlichem Kreuzgang. Ich wurde sehr herzlich und freundlich begrüßt und von den Schwestern aufgenommen, aber leicht fiel mir der Anfang dort dennoch nicht. 

So machte mir zum Beispiel die Stadt Chemnitz mit vielen unansehnlichen Häusern zu schaffen. In der ersten Woche kam ich an keinem Morgen rechtzeitig zur Laudes um 6.45 Uhr aus dem Bett, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, den Alltag der Schwesterngemeinschaft so weit wie möglich zu teilen. Eine wunderbare Erfahrung war es, dass mir trotzdem alle vorwurfsvollen Blicke oder Bemerkungen erspart blieben. Oder ich blätterte in den ersten Tagen manchmal etwas desorientiert im Christuslob, dem Buch für das Stundengebet der Schwestern herum, doch immer gab es eine hilfreiche Nachbarin, die mir die richtige Seite zeigte. 

Schnell wurde ich wie selbstverständlich in den Alltag der Gemeinschaft eingebunden, mit Kochen, Putzen, Einkaufen, abendlichem Zusammensein im Wohnzimmer usw., so dass ich mir in der kleinen Gemeinschaft mit vier Schwestern nicht lange fremd vorkommen musste. Es war eine ständige Einladung, mich einzulassen, ohne Zwang, sondern mit viel Respekt vor meiner Entscheidung, wenn ich z.B. mal nicht mit zur Hl. Messe fahren wollte oder mich am Abend auf mein Zimmer verzog.

Sehr wertvoll war für mich die große Offenheit der Schwestern, die viel von ihren Aufgaben, von ihrem Arbeitsalltag im Altenheim oder bei der Notfallseelsorge, aber auch von ihrem eigenen Weg ins Kloster erzählten und auch manche Probleme, Fragen und Krisenerfahrungen mit mir teilten, ohne mich dabei im übergroßen „missionarischen Eifer“ zu bedrängen, ob ich nun endlich bei ihnen eintreten wollte. 
Ein wichtiger Aspekt meines Mitlebens war auch der praktische Einsatz, denn „man kann ja nicht immer nur beten“ (Zitat einer Schwester). So begleitete ich Sr. Claudia-Maria bei ihrer Arbeit als Leiterin der Chemnitzer Bahnhofsmission, wo sie als Ansprechpartnerin für obdachlose oder benachteiligte Menschen und für Reisende zur Verfügung steht. Ich war beteiligt beim Ausgeben von Tee, Kaffee oder belegten Broten an die Bedürftigen oder bei der Hilfe für behinderte oder ältere Reisende beim Um-, Aus-, oder Einsteigen. Außerdem schnupperte ich auch etwas in die Jugendarbeit der Salesianer im Jugendhaus Don Bosco (in einem sozialen Brennpunkt in Chemnitz) hinein. - Zwei abwechslungsreiche Einsatzfelder, so dass ich zugleich erleben konnte, wie man Gemeinschaftsleben, Gebetszeiten und Arbeit unter einen Hut bringen kann. 

Natürlich blieb Zeit zum weiteren Kennenlernen der Spiritualität der Schwestern vom Göttlichen Erlöser, nicht nur durch die Teilnahme an den Gebetszeiten, sondern auch durch die Lektüre verschiedener Schriften, durch Zeit zur persönlichen Vertiefung und Reflexion meiner Erfahrungen im begleitenden Gespräch. 

So wurde meine „Kloster auf Zeit“ – Zeit zu einer sehr bereichernden Zeit des intensiven Mitlebens in „meiner“ Chemnitzer Schwesterngemeinschaft und zu einem wichtigen Meilenstein in meiner Entscheidung „Soll ich, oder soll ich nicht??“.
Heute bin ich Novizin bei den Schwestern vom Göttlichen Erlöser, trotz mancher Schwierigkeiten bei den ersten „Gehversuchen“.