Gäste wie Christus

von Frater Christian Dieckmann OSB, Abtei Michaelsberg

 

5.45 Uhr. Je nach Jahreszeit liegt noch tiefe Dunkelheit über Stadt und Kloster oder die ersten Sonnenstrahlen durchleuchten schon die bunten Fenster im Chor der Abteikirche. Wir Mönche auf dem Siegburger Michaelsberg beginnen mit dem Morgenlob. Oft sitzen schon um diese Zeit zwei, drei Gestalten in den Kirchenbänken und folgen dem Gebet: Männer, die bei uns einige Tage als Gäste verbringen. 

Die Anfragen nach einem Gastaufenthalt im Kloster haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen und viele Gemeinschaften haben darauf reagiert, ihre Gästebereiche modernisiert oder erweitert. Die sprichwörtliche klösterliche Gastfreundschaft wird gerne in Anspruch genommen. Viele dankbare Eintragungen in unserem Gästebuch zeugen davon. Aber warum machen klösterliche Gemeinschaften das überhaupt: einen Teil ihres alltäglichen Lebens immer wieder mit wildfremden Menschen teilen?

Wir Benediktiner haben dazu einen eindeutigen Auftrag von unserem Ordensvater erhalten. Ein ganzes Kapitel widmet der Hl. Benedikt in seiner Regel der Aufnahme der Gäste. Und dort heißt es direkt zu Beginn: „Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus.“ (RB 53,1). 
Hierin liegt der Schlüssel zum Verständnis der klösterlichen Gastfreundschaft: Wenn es im Kloster um Christusnachfolge geht und mit jedem Gast Christus selbst aufgenommen wird, dann ist jeder Dienst an den Gästen ein Dienst an Christus und gehört von daher existentiell zur klösterlichen Lebensform dazu.

Insofern ist unser Gästebereich weder ein Wirtschaftsbetrieb noch ein Angelteich für eventuelle klösterliche Berufungen, sondern schlichtweg ein Angebot, das zum Selbstverständnis unseres Ordens und unserer Gemeinschaft gehört. Dieses Angebot gilt für alle Fremden: Benedikt macht keinen Unterschied zwischen den Gästen, wenn er auch die „Brüder im Glauben“ und die „Pilger“ besonders erwähnt (vgl. RB 53,2). 

Ganz verschieden sind die Menschen, die zu uns kommen, ganz verschieden ist die Motivation, die sie dazu veranlasst. Viele sind in der Katholischen Kirche zu Hause und aktiv, aber es kommen auch viele als suchende, manche mehr als neugierige, aber fast immer als Menschen, die einer Sehnsucht nach Gott auf der Spur sind. Viele kommen als glaubende verschiedener Konfessionen, die ihren Glauben und ihr Gebetsleben vertiefen, bereichern, erneuern möchten. Manchmal geht es mehr um die Stille, wie beim Studenten, der zum Lernen kommt, manchmal mehr um die Gottesdienste, wenn jemand kommt, um ganz bewusst die besondere Liturgie an den Kar- und Ostertagen mitzufeiern. Es gibt den leitenden Angestellten, nicht unbedingt religiös, dem sein Arzt wegen eines Burn-Out-Syndroms einen Klosteraufenthalt empfohlen hat und es gibt den jungen Mann, dem seine Frau die Tage im Kloster zum Geburtstag geschenkt hat, weil er diesen Wunsch einmal geäußert hat. Und so kommen manche Gäste nur ein einziges Mal, während andere über viele Jahre hinweg regelmäßig eine Zeit bei uns verbringen und unserer Gemeinschaft auch über die Gastaufenthalte hinaus verbunden bleiben. Gemeinsam ist fast allen Gästen, dass sie sich von der Zeit im Kloster Orientierung für ihr Leben erhoffen, manchmal sehr allgemein durch das intensive kurzzeitige Sich-Einlassen auf eine Lebensform, die ihnen über die falschen Versprechungen der üblichen und vergänglichen gesellschaftlichen Trends erhaben scheint, manchmal ganz konkret durch seelsorgerische Begleitung in persönlichen Problemen.

Der Hl. Benedikt formuliert das so: „Hat man die Gäste aufgenommen, nehme man sie mit zum Gebet; dann setze sich der Obere zu ihnen oder ein Bruder, dem er es aufträgt. Man lese dem Gast die Weisungen Gottes vor, um ihn im Glauben zu erbauen; dann nehme man sich mit aller Aufmerksamkeit gastfreundlich seiner an.“ (RB 53,8f). Und sind nicht die suchenden Menschen von heute die „Pilger“, die Benedikt vor 1500 Jahren meinte? Von daher gewinnt die klösterliche Gastfreundschaft eine missionarische Dimension und wird, auch wenn sie von den Klöstern nicht offensiv beworben wird, zum Teil des Auftrags, das Wort Gottes in dieser Welt sichtbar und erfahrbar zu machen. Und angesichts der steigenden Nachfrage nach 

Klosteraufenthalten und mit Blick auf die vielfältige Literatur zu diesem Thema wird klar, dass die entsprechenden gastfreundlichen Angebote der Klöster einem tiefen Bedürfnis unserer Gesellschaft entsprechen, einem Bedürfnis nach einem geschützten Ort, an dem andere Maßstäbe gelten und an dem ich so frei von allem sein kann, dass ich die Stimme Gottes wieder oder erstmals wahrnehmen kann: für die Glaubenden ein Ort der geistlichen Stärkung, für die Suchenden ein Ort des geistlichen Neuanfangs. Als Ordensleute betrachten wir die Welt mit den Augen des Glaubens und können versuchen, diese Perspektive dem Gast anzubieten. Vielleicht gelingt ihm so der Durchbruch zu Christus, dem Arzt, der unsere Seelen gesund machen kann. Und da ist es die Regelmäßigkeit des Klosterlebens, die den Gästen den äußeren Halt geben kann, um sich auf die notwendige innere Auseinandersetzung einzulassen.

Was sich aus diesen Erfahrungen heraus bei den Gästen tut und entwickelt, ist Kairos, ist Geschenk. Jeder Gastmeister und jede Gastmeisterin unserer Klöster wird von Gästen zu berichten wissen, für die der Klosteraufenthalt ganz eng mit dem Nachspüren der eigenen Berufung zusammenhängt. Und so mag es viele Ordensleute, Priester und Laien geben, die während und durch Tage im Kloster zur Entscheidung hin aufgebrochen sind, Gott auf die ihrer Berufung entsprechende Weise in ihr Leben hineinzulassen. So kann klösterliche Gastfreundschaft eine Möglichkeit sein, dem Wirken des Heiligen Geistes Raum zu geben und geistliche Berufungen wahrnehmbar zu machen – ein Geschenk, das alle Beteiligten bereichert, aber für die klösterliche Gemeinschaft nie vorrangiger Sinn und Zweck ihres gastlichen Angebots ist.

Gleichzeitig ist der Heilige Benedikt viel zu sehr ein Mann der Praxis, um nicht auch um die Probleme zu wissen, die Gäste manchmal in eine Gemeinschaft hineintragen. Da sind nicht nur die „Gäste, die unvorhergesehen kommen und dem Kloster nie fehlen“ (RB 53,16), sondern in seiner Sorge um die Aufrechterhaltung der klösterlichen Disziplin verbietet Benedikt sogar allen Mitbrüdern, die keinen Auftrag dazu haben, den Umgang mit den Gästen (vgl. RB 53,23). Auch wird nahezu jedes Kloster Erfahrungen mit Gästen gemacht haben, die das immer mit Gastfreundschaft verbundene Vertrauen missbraucht haben, Benedikt spricht von „Täuschung des Teufels“ (RB 53,5). Und so gäbe es vielleicht genug sachliche Gründe, auf die Aufnahme von Gästen zu verzichten. Aber Benedikt weist uns einen anderen Weg, den Weg der Liebe zu Christus. So mag mancher Hinweis der Benediktsregel heute in der Praxis fremd wirken, wenn es z.B. heißt, „Abt und Brüder zusammen sollen allen Gästen die Füße waschen“ (RB 53,13), im geistlichen Anliegen bleibt das Schlagwort „Gäste wie Christus“ zeitlos und aktuell.

Unser Gästebuch ist nicht nur Erinnerung an die vielen einzelnen Gäste, sondern auch ein eindrucksvolles Zeugnis der Erfahrungen, die sie während ihres Aufenthalts machen. Ein Eintrag gefällt mir in seiner Kürze besonders gut: „Vielen Dank für die zeitfreie Zeit!“ Gleichgültig was für eine (geistliche?) Erfahrung während des Klosteraufenthaltes hinter dieser Aussage steckt, sie zeigt mir, dass dieser Gast uns als einen Ort wahrgenommen hat, an dem sozusagen die Uhren anders gehen. Und wie wertvoll ist es für eine klösterliche Gemeinschaft, für die das Leben innerhalb des Klosters auch seine ganz gewöhnlichen und alltäglichen Seiten hat, durch die Aufnahme von Gästen immer wieder zugesagt zu bekommen, dass sie einen wichtigen Dienst für die Menschen und die Welt wahrnimmt!

6.30 Uhr. Wir Mönche ziehen nach dem Morgenlob aus der Kirche aus. Es folgt das Frühstück und dann eine stille Zeit, bis die Arbeit beginnt. Manchmal bleibt ein Gast einfach noch in der Kirche sitzen… 

Kontakt:
Frater Christian Dieckmann OSB 
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