Interview mit Pfarrer Michael Benner, Bettringen
Gemeinsam macht es allen Freude
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WEGBEREITER: Wie sind Sie zu der Entscheidung gekommen Pfarrer zu werden? Pfarrer Michael Benner: Aufgewachsen bin ich in Riedlingen/Donau und habe nach dem Abitur Zivildienst als Rettungssanitäter für das Deutsche Rote Kreuz gemacht. . Die Erfahrungen mit Leben und Tod als Rettungssanitäter, aber auch die Erfahrungen mit den Behinderten, mit Leuten mit Kommunikationsstörungen haben mir einen wichtigen Schub gegeben in der Entscheidung, wie ich mein Leben ausrichten will. Sie haben mir auch bewusst gemacht, welche Fähigkeiten ich habe und wie ich sie einsetzen und weitergeben kann. Das war eine wichtige, prägende Zeit für mich und wichtig für meine Berufsentscheidung. Die Gewissheit, dass diese Talente ein Geschenk und ein Auftrag sind, waren entscheidend für meinen Entschluss Pfarrer zu werden. Mit dieser Botschaft kann ich viel Licht, viel Befreiung und viel Heilung in ein Leben hineinbringen, ohne dass ich mich voranstellen muss, sondern ich bin nur Träger oder Vermittler dieser Botschaft. WB: War für Sie Ministrantenarbeit schon immer ein wichtiges Thema? Pfarrer Benner: Ja, mit den Ministranten bin ich groß geworden. In unserer Gemeinde war Jugendarbeit sehr lebendig. Meine Familie hat mich immer dabei unterstützt. Meine Eltern waren mit Ihrer gläubigen Haltung in der Kirche Vorbild für mich. Da fragt man sich als Kind schon, was ist so wichtig für meine Eltern, dass sie so konzentriert dabei sind, das war sicher der erste Anstoß. Einerseits waren da natürlich auch die anderen Jugendlichen, andererseits aber war auch unser Pfarrer sehr wichtig. Er hat für einen lebendigen, befreiten und humorvollen, lustigen Umgang gesorgt. Bei ihm hat es Freude gemacht mitzumachen, das war toll. Wenn ich nun selbst die Möglichkeit habe, etwas zu tun, damit Jugendliche Freude haben, dann sehe ich das mit als meine Aufgabe an. WB: Wie wichtig sind die Ministranten für die Gemeinde? Pfarrer Benner: Die Ministranten sind die ersten, die in der Kirche die Möglichkeit haben sich einzubringen und die auch viel in die Gemeinde mitbringen. Junge Gesichter bringen schon durch ihr Dasein eine Lebendigkeit. Es ist ein ästhetischer Punkt, wenn junge Leute sich in der Kirche bewegen. Das transportiert noch einmal eine Botschaft in die Gemeinde, dass hier die Jugendlichen das beitragen, was sie können. Wir haben hier jedes Jahr ca. 25 neue Ministranten, deren Eltern froh sind, wenn ihre Kinder einen so besonderen Dienst in der Gemeinde machen dürfen und dort in der Kirchengemeinde einen Platz haben. WB: Haben die Ministranten also in der Pfarrei ein hohes Ansehen, und ihr Dienst wird hochgeschätzt? Pfarrer Benner: Ja, die Ministranten haben ein hohes Ansehen. Sie tragen die gesamte Jugendarbeit über ihre Kindergruppen, über ihre Ministrantendienste. Alle Aktivitäten für Jugendliche und organisierten Jugendtreffen laufen auch unter der Flagge Ministrantengemeinschaft Bettringen. Sie sind nicht nur Messdiener, sondern viel mehr. Bei Veranstaltungen, die die Ministranten organisieren, kommen ja nicht nur die jungen Ministranten, sondern auch deren Freundinnen und Freunde, deren Eltern. Sie sind die Träger der Seelsorge für Kinder und Jugendliche. WB: Warum ist die Ministrantenpastoral für Sie so wichtig? Pfarrer Benner: Speziell die Ministrantenarbeit bedeutet, dass Jugendliche altersgemäß in die Gemeinde integriert werden können. Es entstehen altersübergreifend Beziehungen, Bekanntschaften und auch Freundschaften innerhalb der Gemeinschaft. Der Jugendliche steht nicht erst 15 Jahre daneben, betrachtet die Gemeinschaft von außen und entscheidet dann, ob man mitmacht, sondern er ist vorher schon, mit den entsprechenden Rechten und Pflichten, von innen Teil der Gemeinschaft. Der Vollzug, speziell der Sakramente, berührt auch die Ministranten. Zum Beispiel bei Taufen und Hochzeiten, Ministranten sind in erster Linie mit voll dabei, ganz nah am Leben. Oder auch bei Beerdigungen, die ich ganz bewusst auf 13.30 Uhr lege, damit Ministranten dabei sein können. Das ist nicht nur eine Wertschätzung für die Trauernden, wenn Ministranten mitkommen, sondern auch eine Lebensschule für die Ministranten. Wenn sie dahin gehen, ist klar, was auf sie zukommt. Natürlich haben sie ihre „Schutzkleidung“ an, aber sie sind dabei und hören alles mit, auf dem Wege zurück, da ist natürlich Schweigen, dann aber kommen von ganz allein Fragen „Mein Opa ist auch gestorben…“ und wir reden ganz normal darüber. Das passiert nur in diesen Situationen, von beiden Seiten, sonst kommt man nicht daran, das sind Dinge, die sonst tabu sind. Bei der Orchestermesse hört ein Jugendlicher Musik aus der Barockzeit oder klassische Musik. Nicht nur als Konzert, sondern als Vollzug im Gottesdienst, wo es dann gestaltet, nicht nur umrahmt und schön ist, sondern etwas ausdrückt. Das ist eine organische Hinführung zu dieser Musik. Ein junger Mensch bekommt mit, dass auch diese Art der Musik etwas ausdrücken kann. |
Ministrieren sehe ich auch in der
Hinsicht als Lebensschule, dass ich als Betroffener in
Situationen mit Freude und Leid bereits ein Muster im Kopf
habe. Es ist mir nicht mehr neu, und ich kenne
Möglichkeiten etwas zu gestalten und zu reagieren. Bei
einem Trauerfall kann ich da im Trauergottesdienst weinen?
Ich sage immer meinen Ministranten: „Ja, wenn Dir danach
zu Mute ist zu weinen, dann weine“. Und dass es wichtig
ist, da- WB: Sind Sie für die Ministranten auch ein spiritueller Begleiter? Pfarrer Benner: Ich versuche nichts überzustülpen, sondern dann wenn ich gefragt werde, biete ich etwas an. Es ist immer wieder eine Grundlage, dass man sich vertraut, dass man miteinander redet und das Leben teilt. So haben die Ministranten mich angesprochen, ob wir nicht einmal etwas in diese Richtung machen können, und dann haben wir auch gemeinsam etwas vorbereitet. Bei der Gelegenheit kamen auch persönliche Fragen, ganz tiefe Gespräche. Ich glaube das kann man nie planen, sondern das ergibt sich z.B.: „Es ist momentan schwierig, da meine Eltern auseinander gehen, oder da ist jemand in der Familie der krank ist, ..“. Ich versuche für die Ministranten da zu sein und wenn jemand ein Bedürfnis hat, kann jeder zu mir kommen. WB: Wo sehen sie Probleme? Pfarrer Benner: Es gibt Phasen, in der Entwicklung vom Kind zum Jugendlichen, vom Jugendlichen zum jungen Erwachsenen, in denen der liturgische Ablauf, die Kleidung und die Ordnung zu leeren Hülsen werden können, wenn man nicht darüber spricht. Man muss sie neu füllen und neu deuten. Da ist ein psychologisches Problem, wenn manche einfach nicht mehr kommen, weil sie mit 13 – 14 Jahren nicht in der Lage sind, das zu artikulieren. Sie sind einfach weg. Sie werden nicht in dem Sinne verabschiedet, sondern die Jugendlichen bleiben einfach weg und ich bekomme es nicht mit. Das ist der Knackpunkt. Man kommt trotz der großen Gemeinschaft zu wenig an die Jugendlichen heran, sie auf diese Fragen, diese Probleme von vorneherein vorzubereiten, die in diesem Alter automatisch kommen und dass das normal ist. WB: Wie funktioniert die alltägliche Arbeit in den Gruppenstunden? Pfarrer Benner: Es wird schwieriger, nachmittags Gruppenstunden zu machen, nach den ganzen Schulumwälzungen. Es findet sich kaum ein Nachmittag, an dem noch 8 Kinder Zeit haben regelmäßig zur Gruppenstunde zu kommen, seitdem die Schulen mehr Zeit von den Kindern brauchen. Da müssen wir mit den Schulen und Eltern sprechen, damit wir einen neuen gemeinsamen Weg finden. WB: Haben sie durch die Ministranten Zugang zu den Eltern? Pfarrer Benner: Unbestritten, wenn die Eltern spüren, dass der Pfarrer dafür ist, dass die Kinder dabei sind und wir mit denen etwas anfangen können, obwohl sie zu Hause schwierig sind dann sind sie natürlich froh, wenn Ihre Kinder dabei sind. Einige Eltern, besonders die Väter, die vom Zeltlager gehört haben, wollen auch diese Atmosphäre, diese Gemeinschaft mitbekommen und so etwas erleben. Da kommen auch Erwachsene durch Ihre Kinder wieder näher an die Kirche. Eltern bringen ihre Kinder zum Ministrantendienst und gehen dann auch selbst in die Messe. Dann sind die Eltern manchmal dankbar, wenn sie bleiben dürfen und machen daraus etwas Regelmäßiges. Heute habe ich es wieder erlebt, dass dann 10 Ministranteneltern nach der Kirche auf dem Kirchplatz zusammenstanden und so auch Ministranteneltern in die Gemeinschaft integriert werden. Das habe ich sicherlich in meiner Jugend anders erlebt. Da war es selbstverständlich, dass alle in die Kirche gingen. Heute ist es mehr so, wie ich mein Kind zum Klavierunterricht fahre, so fahre ich es auch zum Ministrieren. WB: Was gibt Ihnen persönlich die Minist-rantenarbeit? Pfarrer Benner: Ich „profitiere“ viel von der Frische und dem Elan der jungen Minist-rantengemeinschaft. In meinem priesterlichen Dienst, noch mehr in meiner Tätigkeit bei der Krisenintervention, bin ich mit Trauer, Problemen, Krankheit und Tod konfrontiert. Da bin ich froh, wenn das Leben irgendwo wieder pulsiert, wenn ich junge Leute treffe und andere Probleme mitbekomme. Sie geben einem auf andere Art und Weise Freude, die mir so sonst niemand geben kann. Das hilft mir viel für die Balance meines Gesamtdienstes. Natürlich muss man aufpassen, dass man sich trotzdem allen Problemen stellt, auch den Abstand bewahrt und sich nicht nur mit jungen Leuten umgibt. WB: Wünsche? Pfarrer Benner: Für mich als Pfarrer ist es schön, wenn ich sehe, dass die, welche ich als Kinder bei der Erstkommunion kennengelernt habe, erwachsen werden und sich in die Gemeinschaft als Gruppenleiter usw. einbringen. Es ist schön zu erleben, wenn sie die Gemeinde mit Heimatgefühlen verbinden und Ihre Freude weitertragen. |
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