Eucharistie als Feier der Gemeinschaft

 

von P. Anselm Grün OSB, Münsterschwarzach

 

Als Jesus mit seinen Jüngern vor seinem Leiden Mahl gehalten hat, war das die erste Eucharistiefeier. Er hat uns aufgetragen: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22,19) Für den Evangelisten Lukas ist die Eucharistiefeier die Zusammenfassung all der vielen Mahlzeiten, die Jesus auf seinem Weg mit den Menschen gefeiert hat, mit den Jüngern, mit Gerechten und Ungerechten, mit Pharisäern und mit Sündern. Lukas sieht Jesus als den göttlichen Wanderer, der mit uns auf unserem Lebensweg geht und uns im Mahl seine göttlichen Gastgeschenke reicht: seine Freundlichkeit und Güte, seine vergebende Liebe und sein aufmunterndes Wort, und schließlich eine neue Beziehung zu Gott, unserem Vater. Alles, was er während seines Lebens beim Mahl den Menschen geschenkt hat, das gipfelt in der Eucharistie in der Hingabe seines Leibes und seines Blutes. Er gibt sich selbst für uns. Seine Liebe ist so groß, dass er im Essen und Trinken mit uns eins werden möchte.

Ein Mahl zu halten, ist für Juden und Griechen die höchste Form von Gemeinschaft. Wenn ich mit einem andern Mahl halte, kann ich nichts gegen ihn haben. Ich werde eins mit ihm. Die Eucharistie ist die höchste Form des Mahles. In diesem Mahl werden wir nicht nur eins mit Jesus Christus und in ihm mit Gott, sondern wir werden auch eins miteinander. Die Kommunion ist eine Klammer, die uns tiefer miteinander verbindet als unsere Gefühle. Diese Klammer hält auch zusammen, was uns sonst oft trennt: unsere verschiedenen Meinungen und unsere Konflikte. Wir können nicht Eucharistie feiern, ohne die Brüder und Schwestern zu sehen, die mit uns feiern. Und wir müssen innerlich ja sagen zu allen, die mit uns um den Altar geschart sind.

Jeder einzelne ist wichtig in der Eucharistie.

Denn für jeden persönlich ist Jesus gestorben. Ich bin für Jesus so bedeutungsvoll, dass er sein Leben für mich eingesetzt und hingegeben hat. Aber was von mir gilt, gilt auch für den Bruder und die Schwester neben mir. Die Eucharistiefeier will meine Augen für die Menschen um mich herum öffnen, damit ich sie anders anschaue, damit ich in ihnen Christus selber sehe, der sie liebt und der in der Kommunion nun in ihnen ist.

Ein Mahl ist nicht eine Konsumveranstaltung.

Mahl ist nur möglich, wenn alle mitfeiern, wenn alle sich am Gespräch beteiligen, wenn sie die Speisen weiterreichen und einen Blick für die andern und ihre Bedürfnisse haben. Und es ist wichtig, dass jeder zum Mahl seine gute Laune mitbringt und nicht die Stimmung mit seiner Unzufriedenheit stört. Bei der Eucharistiefeier trägt auch jeder zum Gelingen bei. Jeder hat seine Aufgabe. Wer die Lesung vorliest, der hat

eine Verantwortung dafür, dass das Wort Gottes wirklich die Menschen erreicht. Wenn ich schlampig und unbeteiligt vorlese, kann das Wort Gottes die Herzen nicht berühren. Jeder trägt zur Stimmung bei in der Art und Weise, wie er sich auf die Feier einlässt, wie er mitsingt, welche Haltung er als Ministrant hat. Priester und Ministranten führen ein heiliges Schauspiel auf, das Schauspiel der Liebe Jesu, der uns bis zur Vollendung geliebt hat. Aber manchmal sehen die Gläubigen nicht von diesem Schauspiel der Liebe, sondern eher ein lieblos und unachtsam aufgeführtes Stück, von dem sie nicht wissen, was es eigentlich soll. Das heilige Schauspiel beginnt schon mit dem Einzug. Da sieht man genau, was einen erwartet. Wenn der Priester mit den Ministranten feierlich einzieht, dann öffnet das auch das Herz der Teilnehmer für das Geheimnis der Liebe Jesu, die nun gefeiert wird. Die Haltung der Ministranten, die Achtsamkeit beim Gehen, die gemeinsame Kniebeuge oder Verbeugung, all das wirkt auf die Menschen. Das Eingangsritual schließt die Tür zum Heiligen auf. Die Eucharistie führt uns in eine heilige Welt. Das Heilige ist das, was der Welt entzogen ist. Für die Griechen vermag allein das Heilige zu heilen. Wenn durch den Einzug schon deutlich wird, dass da ein heiliger Raum eröffnet und betreten wird, dann wirkt das heilend auf die Menschen. Aber oft wird ein unheiliger Raum geöffnet, ein Raum von Zerstreutheit und Unklarheit, von Unachtsamkeit und Bedeutungslosigkeit.

Ob die Ministranten innerlich teilnehmen an dem Geheimnis, das sie feiern, spürt man an ihrer Haltung, an ihrer Mimik, an der Art und Weise, wie sie die verschiedenen Dienste wahrnehmen. Neulich war in unserer Abtei ein Wochenende für Ministranten und Ministrantinnen. Sie durften dann bei uns im Konventamt ministrieren. Wir Mönche waren alle berührt von dem Engagement, das die Ministranten und Ministrantinnen da gezeigt haben. Da hat man gespürt, dass sie es ernst meinen, dass sie voller Anteilnahme ministrieren. Ihre Andacht hat auch die vielen Kirchenbesucher angesteckt. Sie hatten ein Gespür für die Wichtigkeit ihres Dienstes. Wie sie gegangen sind, wie sie das Weihrauchfass geschwungen und der ganzen Gemeinde damit ihre Achtung vor der Würde jedes einzelnen zum Ausdruck gebracht haben, das entsprach dem heiligen und heilsamen Raum, in dem sie sich bewegten und den sie für die Teilnehmer erfahrbar werden ließen.

Die Gottesdienstbesucher sehnen sich heute danach, in der Eucharistie den Raum der Achtsamkeit und Stille, der Heiligkeit und Heilung zu erfahren. Und sie möchten im heiligen Mahl eins werden mit Christus und dadurch in Einklang kommen mit sich selbst und mit den Brüdern und Schwestern, die mit ihnen feiern. Damit das gelingt, muss jeder, der an der Eucharistie teilnimmt, beitragen durch seine Andacht, Achtsamkeit und Offenheit für das heilige Geschehen.