Ein Netz weben, das hält

von Maria-Anna Leenen

 

Kurz vor der 8.00-Uhr-Messe schnell noch einen Anruf. Kaum ist das Messgewand ausgezogen, steht schon die 1.Vorsitzende der kfd mit wichtigen Fragen in der Sakristei. Beim anschließenden Kaffee bleibt der letzte Schluck regelmäßig in der Tasse, denn der nächste Termin drängt. Und abends nach der wieder endlosen Kirchenvorstandssitzung bleibt oft nur noch der Wunsch, so schnell wie möglich ins Bett zu fallen.

Priesterliches Leben in der Gemeindearbeit ist heute in der Regel geprägt von druckvoller Arbeitsbelastung und erhöhten Anforderungen.

Der Abbruch, oder manchenorts besser: Zusammenbruch des volkskirchlichen Milieus und die Veränderungen in den pastoralen Strukturen fördern zudem Unsicherheit und Frustration bezüglich der eigenen Vorstellungen vom priesterlichen Leben, vom eigenen Priesterbild. Sinnvoll gestaltete freie Zeit und die damit verbundene Erholung sind ein Bereich, der hilft, Belastungen standzuhalten.

Der andere, wichtigere, ist das Gebet. Ohne das Hören auf und Sprechen zu dem, in dessen Dienst der Priester steht, sind die Aufgaben nicht zu bewältigen. Der Reichtum der Gebetsweisen aus den vergangenen Jahrhunderten ist groß, eine persönliche Auswahl nötig.

Die uralte und millionenfach erprobte und den Betenden zutiefst im Kraftzentrum Gottes haltende Gebetsform des Stundengebetes erweist sich dabei als ein goldenes Halteseil über die Abgründe eines hektischen Alltags. Es schafft und hält die notwendige Verbindung zu Gott, die allein befähigt, die priesterlichen Aufgaben im täglichen, manchmal ermüdenden Auf und Ab zu erfüllen.

Ein verborgener Schatz

In der 3. öffentlichen Sitzung des II.Vatikanums (4.12.1963) wurde die Konstitution über die Heilige Liturgie ‚Sacrosanctum Concilium‘ verabschiedet. Die Konzilsväter beschrieben damals das Stundengebet eher als „eine der Kirche obliegende Pflicht“ (85) und mahnten das ordnungsgemäße „Verrichten“ an. (98). Auch wenn sie ebenfalls den „vollen Genuss“ ansprachen (90), in den alle kommen sollen: Das Bewusstsein von der Schönheit und vom geistlichen Reichtum dieses Gebetes ist in den Jahrzehnten danach auf breiter Basis verschwunden. Eine Möglichkeit der Erfahrung des faszinierenden Kraftstroms, des Lichtbogens geisterfüllter Gemeinschaft mit Gott und mit allen, die ihn suchen, ist verschüttet und versteckt. Das Stundengebet ist heute ein verborgener, ja regelrecht vergrabener Schatz in einer nach den Perlen der Gotteserfahrung suchenden Welt. Es lohnt sich, dieses kostbare Juwel wiederzufinden.

Ein dichtes Netz weben

In seinen wesentlichen Formen reicht das Stundengebet bis in die Zeit der Urkirche zurück. Schon Jesus und seine Jünger, vor allem der Zwölferkreis, beteten zu bestimmten Stunden des Tages. (vgl. Apostelgeschichte 3,1; 10,3.9.30) Doch auch sie waren damit Glieder in einer Kette, tauchten als gläubige Juden ein in die Gebetstradition ihres Volkes. Über Jahrhunderte hinweg hatten schon vor Beginn der Kirche die Beter der tehillim, der Psalmen und des großen Hallel den Lobpreis Gottes gesungen oder dem Unbegreiflichen ihr Leid geklagt.

In diesen unfassbaren Chor, in den alle Himmel stürmenden Ruf nach Gott, schwingt sich auch der heute Betende ein. Seine Stimme jubelt mit den Millionen Stimmen, die vor ihm riefen, seine Klagen schließen sich den Wehrufen der Klagenden aller Zeiten an. Selbst wenn das Stundengebet allein gebetet wird, in Trockenheit und Müdigkeit, niedergeschlagen und ohne Schwung: hineingewebt in dieses Netz beginnen über Zeit und Raum hinweg Quellen an Kraft und Mut neu zu fließen.

Doch nicht nur der gewaltige Chor der Beter aller Epochen stimmt bei jeder Hore ein. Auch die Zeitspanne des jeweils Einzelnen, der sich – vielleicht mühsam und stolpernd – durch Hymnus, Psalmen und Lesung kämpft, ist eingeborgen in den großen Aufblick von Laudes, Sext oder Vesper. Zum Vater durch den Sohn im Heiligen Geist - der immer gleiche Impuls der dreifaltigen Liebe zieht und lockt den kleinen, endlichen Menschen in den nicht zu fassenden, nicht zu begreifenden, ewigen Gott. Meine Vergangenheit, meine Gegenwart, meine Zukunft, sie tauchen auf und kommen vor im Tanz der Antiphonen und Psalmverse. Meine Freuden, meine Sorgen, meine Hingabe und meine Lauheit spiegeln mir Lesung und Responsorium zurück, und alles ist umgeben vom heiligen Spiel der unerbittlichen Barmherzigkeit eines Gottes, der 24 Stunden lang, Tag und Nacht, sich um mich sorgt, sich nach mir sehnt.

Nicht zuletzt die Wolke der Zeugen, die leuchtenden Vorbilder der Heiligen, deren Fest- oder Gedenktage eingestreut als sternfunkelnde Aufmunterung im Jahresverlauf erscheinen, helfen dem Beter sich zu vergewissern und zu glauben an die Güte dieses Gottes.

Struktur als Hinweis auf das Heil

Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde: der Beginn am Morgen macht den Charakter des Stundengebetes als Lob Gottes sofort deutlich. Und schon der rein strukturelle Aufbau - vor allem von Laudes und Vesper – hilft, den Sinn christlichen Daseins zu verinnerlichen. Die Abfolge der einzelnen Elemente entspricht der christlichen Heilsordnung und Heilshoffnung. Im einleitenden Hymnus gesammelt und konzentriert und auf Jahreszeit oder Festkreis eingestimmt, wird der Beter aufgeschlossen für die anschließende Psalmodie. Hier ist Vers für Vers Raum für jede menschlich nur denkbare Situation. Und selbst wenn dem einzelnen Beter nie eine der angesprochenen Gegebenheiten entsprechen sollten, im großen Rund der Menschheitsfamilie ist immer jemand, auf den der Jubel oder die Klage des Psalms zutrifft. Und auch allein in der Kammer hinter verschlossenen Türen beten ja alle mit, betet das Gottesvolk füreinander. „Der Psalm ist Preislied des Gottesvolkes, Verherrlichung des Herrn, Lobgesang der Gemeinde, Rufen der ganzen Menschheit, Beifall des Weltalls, Stimme der Kirche, wohlklingendes Bekenntnis des Glaubens, Ganzhingabe an die göttliche Macht, selige Freiheit, Ruf des Glücks, Widerhall der Freude. Der Psalm besänftigt den Zorn, behebt den Kummer und erleichtert den Gram. Waffe bei Nacht, Lehre am Tag. Schild in der Furcht, Festfeier in Heiligkeit. Abbild der Stille, Pfand des Friedens und der Eintracht. Am Tages-anfang klingt der Psalm auf, am Ende des Tages hallt er wider.“ (Ambrosius, Lektionar I/5,135)

Die folgenden Lesungen wollen konkret als Verkündigung des Gotteswortes verstanden werden. Auch wenn die Evangelien hier ausgenommen sind, ist der Tisch des Wortes doch reich gedeckt.

Während die kleinen Horen Terz, Sext und Non kurzen Erinnerungen gleichen – ähnlich den Stoßgebeten zwischen Terminen – dürfen die Zwillinge Laudes und Vesper als Wortgottesdienste verstanden werden. Als Höhepunkte innerhalb dieser Horen erhebt sich darum nun das Benedictus und das Magnificat als Zeugnis gebendes Danklied von der schon jetzt begonnenen Erlösung der Welt. In der Freude und im Lob nun ganz auf den Erlöser ausgerichtet, leuchtet als tiefster Goldgrund des Heilsplanes das Erbarmen des Vaters auf. In der zuversichtlichen Hoffnung darauf darf der Beter nun seine Bitten aussprechen. Im Vaterunser, in den Worten Jesu selbst, wird zum Schluss der alles umgreifende Bogen über Zeit und Raum noch einmal sichtbar, spürbar: Mensch und Welt sind eingeborgen in den ewigen Strahlenglanz göttlicher Liebe. Antwort darauf kann nur Dank und Lob sein.

Mit weit geöffnetem Blick beten

Um die Tiefe und den Reichtum des Stundengebetes auszuschöpfen und nicht der Versuchung zum stereotypen „Herunterbeten“ zu erliegen, bedarf es manchmal, vor allem am Anfang, einiger Anstrengung.

Sich einzulassen auf den vorgegebenen Rhythmus; ein gutes Maß zu finden für Tempo und Pausen; sich die Zeit zu nehmen, einzelnen Psalmversen oder der Lesung „hinterher zu horchen“ – wer beginnt, nur eine Hore lang in Ruhe und sehr bewusst zu beten, erwischt meist schon den rotgoldenen Faden der göttlichen Spur zwischen den Seiten des Stundenbuches. Mit sozusagen weit geöffnetem Blick die Worte wahrzunehmen und ihren Nachhall, das Echo der Seele (Ignatius von Loyola) im eigenen Herzen zu spüren, sensibilisiert allmählich für die allgegenwärtige Präsenz des Herrn. Christus kommt täglich, ja stündlich mehr in den Blick, erweist sich als unversiegbare Kraftquelle und lässt Belastungen des Dienstes leichter und konstruktiver (er)tragen.

Selbst wer nur eine Hore regelmäßig achtsam wachsam beten kann, erfährt – quasi pars pro toto – die wachsende tief froh machende Verbindung zum Herrn.

So wertvoll und reich, so kostbar und fruchtbringend können Laudes und Vesper, können die kleinen Horen, können Komplet und Lesehore gebetet werden, dass klar wird: So einen Schatz darf niemand für sich behalten. Und es wäre für die heute so dringend notwendige Erneuerung geistlichen Lebens in den Gemeinden einen Versuch wert, das Stundengebet vorsichtig auszuprobieren. Aber auch hier gilt: der Versuchung zum „Herunterbeten“ widerstehen und in Ruhe, sensibel für die den Horen innewohnenden Rhythmus und Anspruch mit wachsamem Gespür für den verborgenen Schatz anbieten.