Wir sind Kirche 
– auch in der Schule

von Prof. Dr. Heribert Hallermann, Würzburg

Angesichts verbreiteter Sparzwänge wird Pastoral heute fast ausschließlich als Gemeindepastoral verstanden. Andere Handlungsfelder der Kirche kommen kaum mehr in den Blick, auch solche nicht, in denen es gelingen kann, missionarisch tätig zu sein und die verschiedenen Lernorte des Glaubens miteinander zu vernetzen, wie das für die Schulpastoral gilt.

Der Begriff der Schulpastoral

Für die Schulpastoral werden ganz unterschiedliche Begriffe verwendet: Schulseelsorge, Schülerinnen- und Schülerseelsorge oder auch einfach Schulpastoral. Die deutschen Bischöfe sprechen in der Erklärung ihrer Kommission für Erziehung und Schule vom 22. Januar 1996 von der Schulpastoral als einem Dienst der Kirche an den Menschen im Handlungsfeld Schule. Mit den unterschiedlichen Begriffen sind gewisse Akzentsetzungen verbunden:

Der Begriff Schülerseelsorge hat sich in den 1950er Jahren entwickelt. Vor allem Ordensgemeinschaften hatten im Sinne katholischer Elitenbildung für Schülerinnen und Schüler von Gymnasien regelmäßig Schülerexerzitien angeboten. Nach der Konzilserklärung Gravissimum educationis 8, 1 sollten katholische Schüler so erzogen werden, dass sie in der Lage sind, das Wohl der irdischen Gemeinschaft wirksam zu fördern und sie sollten bereitet werden zum Dienst an der Ausbreitung des Reiches Gottes, damit sie in einem vorbildhaften und apostolischen Leben gleichsam zum Sauerteig des Heils für die menschliche Gemeinschaft werden könnten. Im Gefolge der Bildungsreform der 1960er Jahre endete bei den weiterführenden Schulen die enge Verbindung zwischen Schule und Pfarrgemeinde. So ging es nun darum, ersatzweise pastorale Handlungsmöglichkeiten in der Schule zu eröffnen: Schulgottesdienste, Tage religiöser Orientierung oder auch die Arbeit kirchlicher Schülerverbände konstituierten das Angebot der Schülerseelsorge. Schülerinnen und Schüler waren die Adressaten. Getragen wurde es von geistlichen Religionslehrern sowie von Ordensleuten und Laien, die als Religionslehrer tätig waren.

In den katholischen Schulen in freier Trägerschaft wurde dieses Konzept weiterentwickelt zur Schulseelsorge. Schüler, Eltern und Lehrer wurden als Schulgemeinde verstanden. Ihnen sollte im Raum der Schule Lebenshilfe aus dem Glauben vermittelt werden. Zu den Angeboten für die Schülerinnen und Schüler kamen Angebote religiöser Elternbildung hinzu. Auch Lehrerinnen und Lehrer wurden zu Adressaten pastoraler Sorge. Didaktische und methodische Ansätze der kirchlichen Jugendarbeit sowie der Erwachsenenbildung kamen bei diesem Konzept zum Tragen. Allerdings musste oft die Erfahrung gemacht werden, dass solche Versuche an die Grenzen der Eigengesetzlichkeit der Schule stießen. Trotzdem sind so manche Personalgemeinden um eine Schule und eine Ordensfrau oder einen geistlichen Religionslehrer entstanden.

Seit Ende der 1980er Jahre hat sich vermehrt der Begriff Schulpastoral eingebürgert. Die allgemeinen Grundkategorien pastoralen Handelns im Dreischritt von Diakonia, Martyria und Leiturgia sollten zur Grundlage des pastoralen Engagements in der Schule werden. In diesem Begriff kommt auch das Selbstverständnis der Kirche als Communio zum Ausdruck, in der alle Gläubigen aufgrund von Taufe und Firmung das Recht und auch die Pflicht haben, in je unterschiedlicher Weise daran mitzuwirken, dass die Kirche ihre eigene Sendung verwirklichen kann. In einer so verstandenen Schulpastoral wird die Antinomie zwischen Trägern und Adressaten überwunden: Alle Menschen, die im Lebensraum Schule vorkommen, sollen dazu eingeladen und angeleitet werden, in diakonischem Geist Verantwortung für die humane Gestal­tung des Schullebens zu übernehmen. In diesem Sinn beschreibt auch die Bischöfliche Kommission ihr Verständnis von Schulpastoral.

Grundlegung der Schulpastoral

Wenn die Kirche sich mit der Schulpastoral bewusst in den Raum der Schule begibt, dann muss sie wahrnehmen, wie es um die Schule steht: Die Schule spiegelt – und bündelt mitunter sogar – die Probleme, welche die Gesellschaft insgesamt bestimmen, wie etwa zunehmende Gewaltbereitschaft, Ausländerfeindlichkeit oder soziale Benachteiligungen. Die Schule ist für Schülerinnen und Schüler, von der zeitlichen Beanspruchung her gesehen, zum eigentlichen Aufenthaltsort geworden ist, obwohl sie nicht der alleinige Lernort für das Leben ist. Andere Lernorte wie etwa die Familie, der Freundeskreis, die Gemeinschaft in der Nachbarschaft oder auch die Pfarrei sind gegenüber der Schule ins Hintertreffen geraten. Immer mehr Schülerinnen und Schüler verweilen immer länger an der Schule. Die Schulpädagogik will jungen Menschen bei ihrer Personwerdung helfen. Ihr Ziel ist der individuelle und gesellschaftliche Zuwachs an Humanität. Daher bemüht sie sich darum, alle Formen und Elemente schulischen Bildens und Erziehens in ein Schulleben einzubetten, das der Verwirklichung dieses Zieles dient und von der Handlungsbereitschaft aller getragen wird, die am Lern- und Lebensraum Schule beteiligt sind. Dieses schulpädagogische Bemühen war ein wesentlicher Anstoß dafür, Eigenart und Aufgaben der Schulpastoral neu zu bestimmen: Die Kirche will dazu beitragen, die Schule mitzugestalten zugunsten der Menschen, die dort leben und arbeiten und ist wesentlich dem Zuwachs des Humanum verpflichtet. Die humane Mitgestaltung aller Dimensionen von Bildung und Erziehung in der Schule ist der Weg der Schulpastoral schlechthin.

Bei der Verwirklichung dieses anspruchsvollen Programms setzt das Konzil in gleicher Weise auf das Zeugnis und Vorbild des Lebens, das etwa Lehrerinnen und Lehrer in der Schule geben, wie auch auf das apostolische Wirken der Mitschüler: Durch Taufe und Firmung sind alle Christen dazu bestellt, die Heilssendung der Kirche auszuüben. Dieser Dienst von Christinnen und Christen als Kirche in der Schule hat diakonischen Charakter, wie etwa die Pastoralkonstitution GS 1 und der Beschluss der Würzburger Synode Unsere Hoffnung. Ein Bekenntnis zum Glauben in dieser Zeit Nr. 1 zeigen: Anteilnahme, einfaches Dasein, die Offenheit für die Freuden, Sorgen, Hoffnungen und Nöte der Menschen, Zuhörenkönnen und Schweigenkönnen, Solidarität und diakonischer Dienst, und in all dem und durch all das ein lebendiges Zeugnis geben von dem Gott, der uns liebt und der uns im Antlitz des anderen sein eigenes Antlitz aufscheinen und erkennen lässt, das ist der Weg, der uns auch in der Schule zu gehen aufgetragen ist.

Aufgaben und Handlungsfelder der Schulpastoral

Konkrete Formen und Modelle der Schulpastoral gibt es in großer Zahl: Das Schülercafé, die Hausaufgabenbetreuung, Besinnungswochenenden, Frühschichten und Pausenmeditationen; Infobörsen, Kontaktvermittlung zu kirchlichen Gruppen und Aktivitäten, Beratung, Begleitung und Reflexion; Krisengespräche und Vermittlung bei Streitfällen; Gottesdienste, Mitgestaltung von Schulfesten; Fortbildung für Schülermitverwaltungen, die Arbeit der Schülerverbände usw. Es geht aber nicht um eine Schulpastoral nach Rezeptbuch: Vielmehr soll mit Blick auf die jeweils konkrete Schule danach gefragt werden, was für diese Schule wichtig ist, wo Humanität bedroht ist und was für Menschen in diesem Lebensraum Schule Not-wendend und hilfreich sein könnte. Zum zweiten soll die Schulpastoral mithelfen, dass Grundvollzüge des Lebens entdeckt und verwirklicht werden können. So soll ein Beitrag dazu geleistet werden, dass die Schule tatsächlich zum Lebensort wird: Erfahrungen von Freude und Gelingen, von Angst und Scheitern, von Angenommensein und Geachtetwerden, von Abgelehntwerden und Alleinsein sollen entdeckt, bewusst gemacht und vom Glauben her gedeutet werden. So will die Schulpastoral Grundmuster christlicher und humaner Wertorientierung und Lebensgestaltung erschließen. Zum dritten soll die Schulpastoral Erlebnis- und Erfahrungsräume für das Lebenlernen und das Glaubenlernen bereitstellen. Der umfassende Bildungsauftrag der Schule kann um so besser erfüllt werden, als er sich in Lebens- und Handlungszusammenhängen abspielt, in denen die kognitive Dimension mit der emotionalen, der pragmatischen und der sozialen Dimension verknüpft und kultiviert werden kann. Die Schulpastoral ist kein Ersatz für anderes; ihr kommt vielmehr die Funktion zu, Brücken zwischen den verschiedenen Lern- und Lebensorten des Glaubens zu schlagen und an deren Vernetzung mitzuarbeiten.

Die verschiedenen Handlungsfelder der Schulpastoral lassen sich aus der grundlegenden Analyse der jeweiligen Schulsituation ermitteln. Sobald mit Schülerinnen und Schülern, aber auch mit den Eltern und anderen am Schulleben Beteiligten aufmerksam die Situation der Schule betrachtet wird, kommt vieles in den Blick, was im Hinblick auf das Schulleben zu verbessern wäre oder neu aktiviert werden müsste. Ergänzend könnte auch nach den Grundfunktionen der Kirche vorgegangen werden, also nach der Diakonia als der Ermöglichung von Leben und Glauben, der Martyria als dem Zusprechen von Leben und Glauben, der Leiturgia als der Feier des Lebens und Glaubens und der Koinonia oder Communio als der Weggemeinschaft im Leben und Glauben. Oder man kann sich auch an den schulstufenbezogenen Aufgaben der Schulpastoral orientieren.

Personelle Kräfte in der Schulpastoral

Wenn die Schulpastoral ein Dienst der Kirche ist, dann muss die Kirche auch die nötigen personellen Kräfte für die Schulpastoral zur Verfügung stellen. Das kann aber nicht heißen, dass jedes Bistum neue Planstellen für die Schulpastoral schaffen muss. Die Bischöfe weisen in ihrer Erklärung zur Schulpastoral diesbezüglich einen anderen Weg: Die Schulpastoral lebt wesentlich davon, dass Christen im Lebensraum Schule ihre eigene Sendungskompetenz entfalten und sich aus pastoraler Gesinnung nach ihren ganz unterschiedlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten für die Gestaltung des Schullebens engagieren; sie sind die ersten und wichtigsten Träger von Schulpastoral. Wenn im Zusammenhang der Schulpastoral also von einem Dienst der Kirche die Rede ist, dann ist mit Kirche nicht irgendjemand anders gemeint, sondern die geschwisterliche Gemeinschaft der Getauften und Gefirmten, in der alle ihre spezifische Verantwortung für die Sendung der Kirche selbst wahrnehmen und sie nicht an Spezialisten abgeben. Zu dieser geschwisterlichen Gemeinschaft gehören auch die Hirten der Kirche, also die Bischöfe und die Priester. Ihnen kommt die besondere Aufgabe zu, alle Glieder der Kirche zu diesem gemeinsamen Engagement einzuladen, sie dazu zu befähigen und dabei ermutigend und unterstützend zu begleiten.

Schulpastoral lebt wesentlich vom Engagement der Christinnen und Christen, die am Schulleben beteiligt sind: Schüler, Lehrer und Eltern, und nicht zuletzt die Seelsorgerinnen und Seelsorger in den Gemeinden. Den Religionslehrerinnen und Religionslehrern kommt aber eine besondere Verantwortung zu: Aufgrund der Missio canonica sind sie dazu befähigt und beauftragt, im Namen und in der Intention der Kirche in ihrer Schule tätig zu werden: Der Kirche geht es um einen Zuwachs des Humanum. Deshalb engagiert sie sich für die Schule und für die Menschen, die zur Schule gehören.