„Ich habe eine Gemeinde mit 3000 Leuten im Alter von 3 bis 20 Jahren" |
|
Pater Hubert Veeser ist Salvatorianer und als Schulseelsorger tätig am Ordensgymnasium Bad Wurzach und am Bildungszentrum St. Konrad in Ravensburg, das einen Kindergarten und alle Schularten umfasst. Der WEGBEREITER hat ihn besucht und über seine Berufung und seine Aufgabe Auskunft bekommen.
WEGBEREITER: Schulseelsorger - wolltest du das denn schon immer werden. P. Hubert Veeser: Das kann ich nicht sagen, denn als ich studierte und dann zum Priester geweiht wurde, da war diese Schulseelsorge im engeren Sinn kaum ein Begriff. Natürlich wurde an Schulen Seelsorge betrieben – sei es durch Ordensleute an Ihren Internaten und Gymnasien oder durch Pfarrer oder Religionslehrer und –lehrerinnen, die es oft verstanden haben im Religionsunterricht und darüber hinaus sehr engagiert junge Leute anzusprechen und zu begeistern. Aber die Schulseelsorge als pastorales Feld ist noch nicht so alt. Als ich dann aber gefragt wurde ob ich mir die Aufgabe als Schulseelsorger vorstellen könnte, habe ich sofort ja gesagt – die Aufgabe hat mich sofort interessiert und begeistert.
WB: Wie hat sich dann die Schulseelsorge an deinen Schulen entwickelt? P. Hubert: An unserer Ordensschule ist die Schulseelsorge wichtig geworden, als wir Anfang der 90er Jahre das Internat als wichtigen Ort der Glaubensweitergabe geschlossen haben. Mitbrüder haben dann die ersten Anfänge gemacht und mit der Schulpastoral am Salvatorkolleg begonnen. Das Bildungszentrum St. Konrad hatte seit seiner Gründung in den 70er Jahren immer schon einen Priester als Schulseelsorger. Aber auch an vielen anderen Orten wurde in den letzten Jahren die Schule als ein Ort entdeckt, wo man jungen Leuten begegnen und sie ansprechen kann. Und gleichzeitig merken wir auf der anderen Seite, dass es immer schwieriger wird, junge Leute in den Gemeinden anzutreffen und anzusprechen. Vor allem da politisch verstärkt Ganztagsbetreuung und –angebote gefordert werden, kommt der Schule als Lebensraum für die Kinder und Jugendlichen eine immer größere Bedeutung zu – und so wird sie auch für die Pastoral immer wichtiger.
WB: Welche Stellung hast du dann an der Schule?P. Hubert: In St. Konrad bin ich nur als Seelsorger präsent, aber am Salvatorkolleg habe ich auch einen kleinen Auftrag an Religionsunterricht. Dies ist mir aber auch wichtig. So bin ich als „normaler" Kollege im Lehrerkollegium und kenne so die Sorgen und Schwierigkeiten des Lehrerkollegiums viel besser. Ganz selbstverständlich kann ich so bei Konferenzen und in Schulgremien dabei sein. Gelegentlich kann es freilich zu Konflikten führen, wenn die Rolle des Lehrers und des Seelsorgers zusammenfallen, aber primär nehmen mich Schüler und Lehrer als Seelsorger wahr.Im Religionsunterricht eines Kollegen hat jedenfalls auch schon ein Fünftklässler, der ganz neu an der Schule war, auf die Frage, was es denn für verschiedene Aufgaben an der Schule gebe, den Schulseelsorger gleich zusammen mit Schulleiter und Hausmeister genannt.
WB: Wie sieht deine Arbeit konkret aus?P. Hubert: Zunächst gibt es da eine Reihe von regelmäßigen Veranstaltungen:Da sind natürlich: Schul-, Stufen- und Klassengottesdienste und besondere Impulse in der Advents- und Fastenzeit. Eine große Chance und ein wichtiger Teil meiner Arbeit sind Besinnungstage, an denen sämtliche Klassen des Salvatorkollegs der Jahrgangsstufen 5, 7 und 10 teilnehmen. Auch für die Abiturienten gibt es ein entsprechendes Angebot. Besinnungstage dauern zweieinhalb Tage und dienen zunächst dazu, das Miteinander der Schulklassen zu stärken ; so schaffen sie Raum für eine altersspezifische Auseinandersetzung mit Lebens- und Glaubensfragen der Jugendlichen. In dieser gemeinsamen Zeit von Schülern, Lehrern und Seelsorger kann ich Impulse geben und wir kommen ins Gespräch, wie es sonst im Schulalltag natürlich nur schwer möglich ist. Die Besinnungstage sind eine feste Institution, die auch die Schüler sehr schätzen, und oft sind sie Erfahrungen, an die sich auch Ehemalige noch gerne erinnern. Für mich als Begleiter sind sie auf der anderen Seite natürlich sehr anstrengend. Ein beliebtes außerschulisches Angebot ist in den Pfingstferien die jährliche Fahrt nach Taizé. Es ist einfach wichtig zu erleben, dass es eine ganz große Zahl von Jugendlichen gibt, die geistlich auf der Suche sind und denen die Atmosphäre von Taizé gefällt. Etwa alle zwei Jahre gibt es eine Fahrt nach Temesvar in Rumänien, wo wir ein soziales Zentrum der Salvatorianer unterstützen. Die handwerkliche Arbeit und die Möglichkeit, Land und Leute kennen zu lernen, spricht besonders auch Schüler an, die sonst nicht unbedingt im kirchlichen Rahmen anzutreffen sind.
WB: Ihr habt dann auch noch eine Gruppe von Schülermentoren an der Schule?P. Hubert: Ja, ein wichtiger Aspekt an unserer Schule sind „KSJ-Schülermentoren/-innen für die kirchliche Jugendarbeit". Es gibt einen Stamm von Schülern/-innen die bei der „Kath. Studierenden Jugend" diese Ausbildung absolviert haben. Sie ist vergleichbar mit einem |
Jugendgruppenleiterkurs, aber auf die speziellen Bedürfnisse und Aufgaben an der Schule zugeschnitten. Die Schüler/-innen werden befähigt, soziale und religiöse Angebote an der Schule und in der Jugendarbeit verantwortlich zu gestalten. Im Schulalltag ist das dann beispielsweise die Mitarbeit bei Besinnungstagen und vielen anderen Angeboten, Aktivitäten und Projekten, die das Schulleben bereichern und vor allem für die Mentoren auch eine wertvolle Erfahrung sind.
WB: Bist du auch als Seelsorger für persönliche Gespräche angefragt?P. Hubert: Ja, auf jeden Fall. Unsere Schüler hier im ländlichen Bereich haben zum großen Teil ein gutes privates Umfeld, aber natürlich gibt es auch viele persönliche Sorgen und Probleme: Da gibt es Schulängste oder Schwierigkeiten in der Klassengemeinschaft aber auch Sorgen in der Familie.Besinnungstage sind ein wichtiger Ort, um Schwierigkeiten in der Klasse anzusprechen. Immer wieder suchen aber auch Schüler und Eltern ein persönliches Gespräch oder eine Begleitung über länger Zeit. Eine Ausbildung in geistlicher Begleitung und Gesprächsführung ist mir da eine große Hilfe. Und es ist natürlich schön, wenn man einen nächsten Schritt gemacht oder eine Perspektive gefunden hat.
WB: Wird deine Aufgabe von Lehrern mitgetragen?P. Hubert: Selbstverständlich, sonst wäre sie überhaupt nicht möglich. Es besteht natürlich die Gefahr, dass der Schulseelsorger so etwas wie das religiöse Alibi an der Schule ist. Ich erfahre aber an beiden Schulen viel Interesse und Engagement von Seiten der Kollegen und Kolleginnen, aber auch von den Eltern.Es gibt auch Gremien, in denen dieses gemeinsame Engagement zum Ausdruck kommt: die „Theologische Kommission" in Ravensburg bzw. der „Arbeitskreis Schulgemeinde" in Bad Wurzach. Das ist jeweils ein Kreis aus Eltern, Lehrern und Schülern, die sich 2-3- mal im Jahr treffen um gemeinsam zu überlegen, was für uns als kirchliche Schule wichtig ist und wie das religiöse Profil unserer Schule umgesetzt werden kann.
WB: Was ist für dich die besondere Chance in deiner Arbeit?P. Hubert: Man sagt ja, dass ein Gemeindepfarrer in der Regel 90% seiner Zeit nutzt um sich mit 10% der Gottesdienstbesucher zu beschäftigen. Da ist die Aufgabe eines Schulseelsorgers natürlich etwas ganz anderes. Ich sage immer mit einem Schmunzeln: Wenn ich meine beiden Schulen zusammennehme, dann habe ich eine Gemeinde mit 3000 jungen Leuten im Alter von 3 bis 20 Jahren, vom Kindergarten bis zum Abitur. Und nicht selten gibt es Gottesdienste mit einem Gottesdienstbesuch von 100%.Aber Spaß beiseite, Tatsache ist, dass ich bei Besinnungstagen, Klassengottesdiensten und auch freien Angeboten in der Regel Jugendliche vor mir habe, von denen nur wenige regelmäßige Gottesdienstbesucher sind. Darum ist es dann auch notwendig von der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen auszugehen. Bei Besinnungstagen kann ich beispielsweise nicht gleich mit kirchlichen Themen ins Haus fallen. Hier werden primär zwischenmenschliche Themen diskutiert, wobei es mir aber auch immer wichtig ist, darauf aufbauend auch eine spirituelle Dimension des Lebens zur Sprache zu bringen. Ich meine im Lauf der Jahre sogar eine zunehmende Offenheit für religiöse Praxis und spirituelle Formen zu spüren. Jugendlichen die in den Gottesdienst gehen „müssen" werden immer weniger – und bei denen, die wenig religiöse Praxis haben gibt es durchaus so etwas wie eine Neugierde für religiöse und vorreligiöse Formen – und das halte ich für eine ganz große Chance.
WB: Ist deine Aufgabe dann modellhaft für die Zukunft?P. Hubert: Natürlich wird ein Priester als hauptamtlicher Schulseelsorger wohl – leider – immer die Ausnahme bleiben. Es wird ja auch für unserer Ordensgemeinschaft sehr schwierig werden, meine Aufgaben langfristig weiterzuführen.Aber es gibt ja zum Glück auch viele Beispiele, wo engagierte Lehrer und Lehrerinnen auf beeindruckende Weise Schulpastoral betreiben. Ich glaube, ein wichtiger Punkt ist, dass Schulpastoral an der Schule ein Gesicht bekommt, dass da jemand ist, der ansprechbar ist und verantwortlich diese Aufgabe vorantreibt. Freilich muß dieses Anliegen sowohl kirchlicherseits als auch von Seiten der Schulleitung ideell und finanziell unterstützt werden. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass Schulpastoral Zukunft hat. Es ist, wenn man es so sagen möchte, „modellhaft" im Lebensraum Schule junge Menschen mit unserer christlichen Botschaft anzusprechen. In dieser Aufgabe gibt es so viele Anknüpfungspunkte mit dem Leben junger Menschen, dass hier eine missionarische Chance entsteht, die ich sonst kaum irgendwo sehe – und dieser missionarische Aspekt ist doch ein existenzieller Aspekt für eine Kirche die Zukunft haben will.
WB: Hast du für dich auch noch neue Perspektiven für deine Arbeit?P. Hubert: Wir in Bad Wurzach sind dabei, das kleine Kloster bei der Wallfahrtskirche Gottesberg in einen kleinen geistlichen Begegnungsort umzugestalten. Hier wird es dann leichter möglich sein, jemanden einzuladen und dann vielleicht auch noch verstärkt persönliche Begleitung und geistliche Angebote anzubieten. Ich könnte mir vorstellen, dass das auch noch ein ergänzendes und vertiefendes Angebot für die Schulpastoral werden könnte. |