Wie entdecke ich meine Berufung? (2)
Berufung und Krise
von Dr. Wunibald Müller, Münsterschwarzach
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Kennzeichen der normativen Krise In der Auseinandersetzung mit der persönlichen Berufung hat es sich gezeigt, dass gerade Krisenzeiten in unserem Leben, in denen es innerlich zu Reibungen kommt, sich als besonders hilfreich erweisen, um mit unserer Berufung überhaupt oder aber auch neu in Berührung zu kommen. Wollen wir, dass unsere Berufung lebendig bleibt und wirklich Ausdruck unseres Selbst ist, ist es wichtig, sich unseren Krisen zu stellen und sie als eine Chance zu betrachten, mit dem Wesentlichen von uns in Kontakt zu kommen, damit aber auch mehr über unsere wahre Berufung zu erfahren und diese dann entsprechend umzusetzen. Hier wird deutlich, dass es sich bei der Berufsfindung um einen Prozess handelt, möglicherweise auch um einen lebenslangen Prozess. Bei den Krisen, die uns im Zusammenhang mit der Berufung begegnen können, handelt es sich vielfach um sogenannte normative Krisen. Dazu zählen die Identitätskrise, die in der Regel zwischen dem Vorerwachsenenalter und dem frühen Erwachsenenalter auftritt und die Krise in der Mitte des Lebens, die uns zwischen dem mittleren Erwachsenenalter und dem späten Erwachsenenalter ereilen kann. Es sind dies jene Krisen, die letztlich unvermeidbar mit unserer Existenz verbunden sind. Es sind die Zeiten in unserem Leben, in denen wir uns „zeitigen" müssen, im Sinne von absondern, entscheiden, bewerten, alles Worte, die in dem Wort Krise, das von dem griechischen Wort krinein abstammt, enthalten sind. In diesen Phasen sind wir formbarer, zugleich aber auch verwundbarer als sonst. Man kann das vergleichen mit einer Tonskulptur, die vorübergehend wieder in ihren weichen Zustand versetzt wird, um gegebenenfalls neu modelliert zu werden. Solche Zeiten der Krise und des Übergangs können zu einer sehr bewegten Zeit werden. Sie ist vergleichbar mit einer Fähre, die mich von der einen Seite des Flusses zur anderen Seite bringt. Bei entsprechenden Außenbedingungen kann es dabei sehr stürmisch werden. Ich lasse Vertrautes, Sicheres hinter mir, um mich auf Neues, Unbekanntes einzulassen. Ich lasse etwas Vertrautes zurück, ohne dass das, was dieses Vertraute ersetzen soll, schon deutlich aufgetaucht wäre. Phasen des Beendens, der Erfahrung von Dunkelheit und des Neubeginns Beenden steht sozusagen als Überschrift über dem ersten Stadium dieser Krisenzeit. Der Weg, den wir bisher mit einer gewissen Selbstverständlichkeit beschritten haben, hört plötzlich auf. In dieser Phase können Gefühle von Einsamkeit und Trauer sich breit machen. Wir sind verwirrt und unsicher. Ich erinnere mich an die Zeit, als ich meine Schule verlassen hatte. Dort war ich jemand. Die Mitschüler und Lehrer kannten mich und schätzten mich. Ich war erfolgreich und geachtet als Klassensprecher und Schulsprecher. Jetzt war ich an der Freiburger Universität einer von tausenden Studenten, ungesehen und ungeachtet. Ich fiel in ein großes Loch und wurde traurig. Ich sehnte mich zurück nach der Zeit, in der ich jemand war und nach der alten Umgebung, in der ich mich geborgen fühlte. Ich wurde geradezu depressiv und hatte zunächst große Mühen, mich in meiner neuen Welt zurecht zu finden. In diesem Stadium des Beendens ist es wichtig, sich wirklich zu verabschieden von dem, was nicht mehr ist und all die Trauer zuzulassen, die tatsächlich da ist. Der Phase des Beendens folgt eine Zeit der Erfahrung von Dunkelheit und Unsicherheit, die es gilt auszuhalten, zusammen mit den Zweifeln und der Erfahrung von Einsamkeit und Traurigkeit, die damit einhergehen mögen. Je bereitwilliger ich mich auf die Phase der Dunkelheit und Unsicherheit einlasse, desto offener werde ich dafür, mich nach Neuem aufzumachen, mich neu zu orientieren. Mit dem langsamen Neubeginn geht die Übergangsphase zu Ende. Der Anschluss zum „neuen" Leben ist geschafft. Das passiert in der Regel nicht plötzlich. Es ist eher vergleichbar mit dem vorsichtigen Abtastens eines Untergrundes, dem man nicht ganz zutraut, dass er einen auch zu halten vermag. Vorsichtig und langsam bewege ich mich nach vorne, immer auf der Hut, um mich gegebenenfalls schnell auf „sicheren" Grund zu retten. Bis ich endlich mehr und mehr diesem ungewohnten Boden traue, um schließlich mit beiden Füßen darauf zu stehen und zu gehen. Identitätsfindung und Berufung – unterschiedliche Verläufe Eine gelungene Identitätsfindung hängt unter anderem auch davon ab, wie sehr wir uns auf die mit der Identitätsfindung einhergehende Krise eingelassen haben. Das aber hat auch Auswirkungen auf unsere Berufung. Die Echtheit, Tragfähigkeit und Konstanz unserer Berufung wird mit davon abhängen, wie intensiv wir uns im Prozess der Identitätsfindung auf die damit verbundenen Krisen eingelassen haben.
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Von einer gelungenen oder erreichten Identität spricht man, wenn jemand durch eine persönliche Krise gegangen ist und dabei bisher gültige Wertvorstellungen und Einstellungen hinterfragt hat. Der Betreffende trifft verbindliche Entscheidungen, die auf seinem Fundament gründen. Sein Verhalten wird nicht länger, sowohl äußerlich wie innerlich, von den Regeln, die andere ihm vorgegeben haben, bestimmt. Seine Entscheidungen sind das Ergebnis seiner persönlich getroffenen Entscheidung und das auf der Grundlage seiner Identität. Bezogen auf unsere Berufung heißt das: gründet die Entscheidung, Priester, Ordensfrau oder Gemeindereferentin zu werden, auf dem eigenen Fundament und handelt es sich dabei nicht lediglich um die Erfüllung von außen vorgegebener Erwartungen, ist die Chance größer, dass der Betreffende seine Entscheidung auch in seinem späteren Leben durchtragen kann. Wer sich in der Phase der Identitätsfindung gerade in einer persönlichen Krise befindet, die dabei auftauchenden Probleme aber noch nicht gelöst hat und infolge dessen auch noch nicht in der Lage ist, verbindliche Entscheidungen zu treffen, kann sich in einer sogenannten Übergangsphase, auch Moratorium genannt, befinden. Es kann sich dabei um einen wichtigen, normalen und auch aus psychologischer Sicht betrachtet gesunden Prozess handeln, wenn er sich nicht über Gebühr hinzieht. Im Zusammenhang mit der Berufung gilt es diese „Testphase" einerseits nicht zu schnell abzubrechen, auf der anderen Seite aber auch nicht ewig auszudehnen. Es ist die Zeit, in der es vor allem wichtig ist, gut hinzuhören und hinzuspüren, auch mit Hilfe von anderen, was wirklich Meines ist, was ich aus einer großen Tiefe kommend als inneren Ruf in mir verspüre. Von einer sogenannten aufgesetzten Identität kann man sprechen, wenn jemand weitreichende persönliche und verbindliche Verpflichtungen eingeht und berufliche Entscheidungen trifft, ohne dass er durch eine persönlichen Krise im Sinne einer normativen Krise gegangen ist. Er lässt sich auf eine Verpflichtung ein, ohne geprüft zu haben, ob das Fundament dieser Verpflichtung wirklich sein Fundament ist. Er verhält sich wie jemand, der einen Anzug anzieht, den er über den Katalog bestellt hat, ohne vorher zu prüfen, ob ihm dieser Anzug auch passt. Er und sie laufen Gefahr - und das auch hinsichtlich ihrer Berufung -, Entscheidungen zu treffen, die sie in ihrem späteren Leben korrigieren müssen. Nach außen hin erwecken gerade sie oft zunächst den Eindruck, besonders treu „zur Sache" zu stehen. Auf dem Hintergrund einer solchen, nicht gelungenen Identitätsfindung kommt folgenden Worten des Pastoralpsychologen Hermann Stenger besonders große Bedeutung zu: Bei der Heranbildung von Priestern, Diakonen und Ordensangehörigen... hat die Sorge nicht nur der speziellen Berufung zu gelten, sondern zunächst der Entwicklung einer gefestigten Identität als Mann oder Frau und als getaufte und gefirmte Christen. Manchmal entsteht der Eindruck, dass der ´geistliche Beruf` für wichtiger gehalten wird als die menschliche und gläubige Reife, die doch Voraussetzungen für diesen Beruf sind. Öfter, als für wahr gehalten wird, werden pastorale Berufe... auf dem Sand mangelnder humaner und mangelnder gläubiger Identität gebaut." Schließlich gibt es jenen, der auf Dauer nicht fähig ist, eine eigene, verlässliche Identität zu formen. Hier spricht man von Identitätsverwirrung. In den letzten 10 bis 20 Jahren scheint die Fähigkeit, eine klare, tragfähige, ausgereifte Identität zu finden, bei vielen zunehmend beeinträchtigt zu sein. Das ist unter anderem auch darauf zurückzuführen, dass in unserer Gesellschaft die Vermittlung von verbindlichen Wertvorstellungen im Unterschied zu früher nachgelassen hat. Dazu kommt, dass die heutige familiäre Situation hinsichtlich der Erziehung und der Vermittlung von Werten nicht mehr die Konstanz aufweist, wie das früher der Fall gewesen ist. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Patchwork-Identität, in dem Sinne, dass weit mehr als früher die Identitätsfindung unterschiedlichen Einflüssen ausgesetzt ist und die Schwierigkeit, daraus eine durchgängige Identität zu bilden, größer geworden ist. Das kann auch Konsequenzen für die Berufsfindung haben, vor allem wenn Berufung als etwas verstanden wird, was für das ganze Leben andauern soll. Zu der Entscheidung stehen Ist die Identitätsfindung positiv verlaufen, dann heißt das nicht, dass die gefundene Identität und die auf ihr aufbauende Berufung endgültig, gar in Stein gehauen ist. Wichtige, noch ausstehende Veränderungen im Leben werden entsprechende Auswirkungen haben. Es handelt sich also um eine, so Hermann Stenger „relativ stabile Ich-Synthese, die weiterhin in Krisen geraten, jedoch – nach deren Verarbeitung – neu gestaltet werden kann". Doch je stärker das Fundament der Identität zum Zeitpunkt der Entscheidung, Priester oder Ordensfrau zu werden, den Beruf des Pastoralreferenten oder den der Gemeindereferentin zu wählen, ist, je besser sich die einzelnen zu diesem Zeitpunkt kennen, in all dem, was sie wesentlich ausmacht, desto größer ist die Möglichkeit, dass sie zu dieser, dann tatsächlich von ihnen getroffenen Entscheidung auch in späteren Lebensabschnitten stehen. Etwa wenn diese Entscheidung herausgefordert wird, wenn diese Entscheidung durch andere und neue Krisensituationen möglicherweise in Frage gestellt wird, wenn sie durch bestimmte Lebenssituationen möglicherweise auch einmal von dieser gefassten Entscheidung zumindest vorübergehend „abdriften". Dann ist auch die Chance groß, dass sie in diesen Situationen alles ihnen Mögliche tun, um wieder neu zu ihrer einmal getroffenen Entscheidung zu stehen. |
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