Cityseelsorge

Mit uns kann man reden

Der GesprächsLaden in Würzburg macht Kirche für alle zugänglich.

In vielen größeren Städten gibt es heute die so genannte Cityseelsorge. Das ist ein Gesprächsangebot, das im Innenstadtbereich leicht zu erreichen ist. Qualifizierte Seelsorger/-innen haben für alle Anliegen ein offenes Ohr. Der/die Ratsuchende kann anonym bleiben, die Kosten werden vom Träger der Einrichtung übernommen.

In Würzburg gibt es seit 1994 ein solches Angebot, das sich „GesprächsLaden" nennt und von der Diözese und vom Augustinerorden getragen wird. Die Einrichtung verzeichnete im Jahr 2002 an 199 Öffnungstagen 1123 Gespräche. 12 Frauen und Männer arbeiten ehrenamtlich mit, zwei sind hauptamtlich angestellt, alle haben eine Ausbildung in Gesprächsführung. Im Bild auf dieser Seite: Alfred Pötter, Pfarrer einer 2000-Seelen-Gemeinde, der drei Stunden pro Woche für die Besucher da ist. Der WEGBEREITER informierte sich.

Ein guter Ort

Hier fällt man mit der Tür ins Haus, wie in einem Laden eben, wo man nach dem Eintritt auch gleich vor den Waren steht. Nur dass es hier keine Waren gibt, hier warten Menschen, die den Besucher freundlich empfangen und für ein Gespräch Zeit haben. Und wie ein Geschäft gewährt auch der GesprächsLaden gleich von außen Einsicht durch die Glastür, durch das Schaufenster. Wer will, kann also noch vor seinem Eintritt sehen, wer da auf ihn wartet, ein Schild mit Bild an der Tür gibt Auskunft über Name und Beruf des/der Gesprächspartner/-in.

In der belebten Fußgängerzone der Würzburger Innenstadt befindet sich der GesprächsLaden neben der Augustinerkirche am Anfang einer Reihe kleiner Läden am Dominikanerplatz. Wer hier reingeht, wird nicht gleich als fromm oder hilfsbedürftig angesehen, die vielen Menschen, die hier vorbeikommen gewähren Schutz und Anonymität.

Der „Laden" selbst hat nichts alt-ehrwürdiges an sich, er lässt auch nicht an eine Arztpraxis denken, nüchtern, aber freundlich eingerichtet, mit Keramikkunst an der einen und Holz an der anderen Wand, erinnert er eher an ein kleines, modernes Büro. Nach hinten öffnet sich der Raum zu einer zweiten Ebene, die durch Grünpflanzen abgetrennt ist. Frau Maiwald, Pastoralreferentin und stellvertretende Leiterin des GesprächsLadens, erklärt das Raumangebot und damit zugleich wichtige Aspekte des Konzepts: „Als wir 1994 begannen, war es uns wichtig, auch ästhetisch zu denken, dass es hier würdevoll ist und Stil hat. Es ging uns von Anfang an darum, eine Einrichtung zu schaffen, die einladend ist. Da wollten wir uns von vornherein von manchen kirchlichen Besprechungszimmern absetzen". Und Pfarrer Pötter ergänzt: „Es soll nicht gleich nach Weihrauch riechen, wenn jemand hereinkommt." Dabei diene der erste Raum der Begrüßung, so Dorothea Maiwald, die zweite Ebene des Raumes sei geeignet zur Klärung der Gesprächsabsicht des/der Besucher/-in und für ein erstes gegenseitiges Vertrautwerden. Wenn es sich zeige, dass das Vertrauen und der Bedarf für ein vertieftes Gespräch da sei, werde es in einem eigenen Raum im Untergeschoss weitergeführt. „So kann der/die Besucher/-in selbst entscheiden, wieweit das Gespräch gehen soll", so die stellvertretende Leiterin.

P. Jochen Wawerek, der Leiter des GesprächsLadens, hebt auf die unmittelbare Nachbarschaft zur Augustinerkirche ab. Diese Kirche sei keine Touristenkirche, sondern eine Gebets- und Beichtkirche. Aus der Beichtnachfrage sei ja auch die Idee zu dieser Einrichtung entstanden; es habe sich einfach gezeigt, dass über die Beichte hinaus der Bedarf nach Gesprächen immer größer werde. Zudem sei diese Kirche der Raum zur Meditation, der eigentlich zu einem solchen Angebot gehöre. P. Jochen scheint es geradezu zu fühlen: „Es ist auch diese Umgebung, die Atmosphäre dieses Ortes, die die Menschen Vertrauen fassen lässt. Und ich erlebe es auch selbst als einen ganz guten Ort, wo miteinander heilsame Lebensmomente erfahrbar werden können."

Personales Angebot der Kirche

Ein solches Gesprächsangebot muss von vorneherein darauf verzichten, Vorgaben zu machen, darüber sind sich alle einig, die in irgend einer Form in der Beratung tätig sind, oder wie es P. Dominik sagt: „Wenn wir etwas überstülpen wollten, wäre niemandem geholfen, und ich glaube auch, die Menschen erwarten kein Rezept." Aber wie kann dann das kirchliche Profil sichtbar werden, spielt der eigene Glaube der Berater/-innen eine Rolle, darf da im Gespräch Gott vorkommen? Oder einfach gesagt: Geht es hier um Sozialarbeit, wie sie auch eine Kommune anbietet, oder um kirchliche Seelsorge? Auf diese Frage sprudeln die Antworten nur so.

P. Jochen: „Als Seelsorge verstehe ich das hier sehr wohl, ich bin Seelsorger von Haus aus, egal was ich mache. Die Menschen wissen, dass ich Priester bin, dass ich Ordensmann bin, das Schild hängt draußen. Oft hat Gott in einem Gespräch keinen Platz, aber ich bin überzeugt, dass ich etwas von dem, was Jesus meinte, dass ich etwas von dem menschenfreundlichen Gott weitergebe, wenn ich dem Menschen freundlich begegne."

P. Dominik erzählt von seiner Erfahrung als Aidsseelsorger: „Einmal die Woche koche ich für unsere Aidskranken das Mittagessen. Das ist für mich auch Seelsorge. Das ist für mich nicht ein sozialer Job, sondern es geht einfach darum: Da kommt der Dominik, der gehört zur Kirche und wir sind ihm wichtig und dürfen dazu gehören. Und das So-wichtig-sein bekommt damit eine ganz praktische Dimension: Ich höre den Einzelnen nicht nur an, ich teile vielmehr ein Stück Leben mit ihm."

Aber wie ist das für Frau Kiesel, die nicht Priesterin und nicht Ordensfrau ist? Für sie ist ganz klar: „Ich gehöre zur Kirche und von daher kann ich genauso in Anspruch nehmen, Kirche zu sein, personales Angebot der Kirche zu sein. Und die Menschen wissen das, allein dadurch, dass ich hier im GesprächsLaden für sie da bin."

So kommt Gott ins Spiel

Das Leitwort für die Berufungspastoral lautet dieses Jahr: „Damit Gott ins Spiel kommt …" und das ist durchaus missionarisch gemeint. Ist dieses Gesprächsangebot auch eine Gelegenheit „Gott ins Spiel zu bringen", gibt es auch eine missionarische Dimension im Selbstverständnis des GesprächsLadens?

Von P. Jochen kommt die Antwort energisch: „Also wenn Sie missionarisch so verstehen wie vor 30, 40 Jahren, dass ich da hinausziehen soll und den Menschen das Wort Gottes um die Ohren hauen soll, dann verstehe ich mich nicht missionarisch. Wenn es aber um die Freiheit der Kinder Gottes geht, wie wir sie hier verkünden, dann sind wir Missionare."

Helga Kiesel antwortet ganz gelassen: „Für mich ist es selbstverständlich, dass Gott im Spiel ist. Er ist durch mich da und durch den anderen. Ich gehe davon aus, dass Gott einfach da ist. Von diesem Bewusstsein gehe ich aus, und wer hier herein kommt, der spürt das." P. Dominik schließt sich an: „Abgesehen von den ungeahnten Möglichkeiten Gottes mit dem Ratsuchenden. Wenn ich mir bewusst bin, dass ich gar nicht unbedingt der bin, der ihm einen Weg eröffnen muss, sondern dass Gott die Lösung schon in ihn hinein gelegt hat, und wenn wir das miteinander entdecken, dann wird doch Gott ins Spiel gebracht."

Dorothea Maiwald bringt einen Grundsatz zur Sprache: „Ein Wort, das uns von Anfang an wichtig war, stammt aus dem Bericht von der Heilung des blinden Bartimäus bei Jericho im Markusevangelium Kapitel 10, die Verse 46 - 52. Jesus fragt den Blinden: `Was soll ich dir tun?´ Da bleibt die Verantwortung beim Hilfsbedürftigen selbst und Jesus bleibt in der achtenden Haltung. So kann der Bedürftige seine Selbstachtung wieder finden. In dieser Haltung Jesu wollen auch wir unseren Besuchern begegnen. Dieses Wort Jesu ist ein Grundwort, mit dem wir unseren GesprächsLaden eröffnet und bekannt gemacht haben."

Cityseelsorge und Gemeinde

Ergänzen sich Cityseelsorge und der Dienst in der Gemeinde? Dazu kann Alfred Pötter viel sagen, der im Hauptberuf Pfarrer einer 2000-Seelen-Gemeinde ist. Schon im Studium habe er der Pastoralpsychologie besondere Aufmerksamkeit geschenkt und in der Seelsorge habe er festgestellt, dass viele einfach auch die persönliche Begegnung suchen. Er fühle sich sehr wohl an diesem Ort, er erlebe den Dienst im GesprächsLaden als Ergänzung zur Gemeindearbeit und als wichtige persönliche Bereicherung, mehr noch: „Die Tätigkeit hier hat mich im Grunde noch mehr sensibilisiert für den Einzelnen, für seine Nöte, hat mich selber noch mehr eingeladen, genauer hinzuschauen und einfach den Einzelnen noch besser wahrzunehmen."

Aber auch in der Gemeinde sei ihm das persönliche Gespräch immer schon wichtig gewesen. Vor allem organisiere er seine Arbeit langfristig, so dass er auch Spielraum habe, wenn jemand unvorhergesehen um ein Gespräch bitte. So habe einmal ein Jugendlicher am Karsamstagnachmittag beichten wollen, weil seine Mutter ihn geschickt habe. Da habe er zuerst mit ihm Kaffe getrunken und dann seien sie miteinander spazieren gegangen. „Da war ich heilfroh, dass ich alle meine Dinge geregelt hatte, dass ich für die Osternacht alles fertig hatte", erinnert sich Pötter.

Sind die Erfahrungen im GesprächsLaden eine Ermutigung, auch in der Gemeinde bewusster auf Fernstehende zuzugehen? Ganz ruhig, aber entschieden gibt Pötter zur Antwort: „Mir gefällt der Begriff `Fernstehende´ absolut nicht, es ist für mich ein Reizwort." Er erlebe die so genannten `Fernstehenden´ oft als die Näherstehenden, weil sie sich intensiv über ihr Leben und auch über ihr Leben mit Gott Gedanken machten, weil sie auf der Suche seien.

P. Jochen bringt es auf den Punkt: „Mir ist das Wort wichtig, dass die Kirche für die Menschen da ist und nicht die Menschen für die Kirche, dass es nicht darum geht, die Menschen in die Kirche zu bringen, sondern die Kirche zu den Menschen. Das ist Seelsorge, das ist missionarisch, und wenn wir hier für die Menschen da sind, dann glauben wir, dass genau das passiert."