Das Kino im Kloster Alpirsbach, Diözese Rottenburg-Stuttgart

Wie mein Lichtspielhaus zum Gotteshaus wurde

Michael Graff über seine Berufung zum Kinopfarrer

 

Mitten im Schwarzwald „hinter den sieben Bergen" hat ein katholischer Gemeindepfarrer vor wenigen Jahren eines der besten deutschen Kinos in Gang gebracht: Subiaco. Inzwischen gibt es nicht nur das „Mutterhaus", das Kino im Kloster in Alpirsbach, sondern Filialen in Schramberg und Freudenstadt. Weit über 50 ehrenamtliche Filmvorführer sorgen dafür, dass pro Jahr gut 2000mal für mehr als 35.000 Zuschauer gespielt wird. Stolze Zahlen, doch kommt dabei Gott ins Spiel, wie das Leitwort der Berufungspastoral 2004 formuliert? Wie versteht der 55jährige Priester und Kinopfarrer Michl Graff seine ungewöhnliche Berufung?

Bekehrung zum konkreten Bild

Da ich dem Leser zuliebe nun nicht in meiner Kindheit anfangen will - kasperletheaterspielend, gedichteschreibend, bunten-abend-veranstaltend und ebenso vergnügt heilige-messe-mit-backoblaten-spielend - machen wir es so: Den eigentlichen Kick zum Kino bekam ich schon Ende der 70er Jahre - ich war bereits einige Jahre im Priesteramt und arbeitete als Tagungsleiter in der Diözesanakademie in Stuttgart-Hohenheim mit Schwerpunkt Kunst und
Theologie. Es war mein Ärger über die damalige TV-Jesus-Serie von Zeffirelli, die mich als Theologen um die Früchte meiner Aufklärungsarbeit zu bringen drohte. Im Gespräch mit einem Filmemacher lernte ich, dass man keinen Film aus Gedanken machen kann, sondern Bilder braucht, Gesichter, Landschaften, konkrete, anschauliche Dinge also, die wir Theologen elegant weg-denken und weg-predigen. Diese Bekehrung zum konkreten Bild und mein erwachender Respekt vor den Filmemachern war der entscheidende Punkt. Viele Jahre später konnte ich als Filmreferent an der Fachstelle Medien in Stuttgart in der ganzen Diözese „Kinokreise" aufbauen, und als ich vor fast zehn Jahren nach Alpirsbach kam - mit einer halben Stelle Gemeindepastoral und einer halben Stelle Filmarbeit (zunächst im wöchentlichen Pendelverkehr nach Stuttgart), da ergab es sich dann step by step.

Mit dem Programmkino zum Erfolg

Zunächst kam ich als neuer Pfarrer 1993 in Alpirsbach an mit  einem - für die Leute rätselhaften - Auftrag in der kirchlichen Filmarbeit, irgendwo in Stuttgart. Um rasch zu zeigen, was ich da so treibe, begann ich im „Pfarrsaal im Kloster" mit gelegentlichen 16mm-Vorführungen. „Sister Act" war der erste Film, und viele Neugierige kamen. Bald gelang es, die von mir initiierte jährliche „Herbsttagung der katholischen Filmarbeit" aus der Akademie Weingarten nach Alpirsbach zu locken, wozu man professionelle Projektionstechnik brauchte, zunächst mit leihweisem Fachpersonal von außen. Doch rasch waren die ersten Jugendlichen der Kirchengemeinde als Helfer dabei. Zwei Jahre später kaufte ich von meinen Ersparnissen die technische Grundausstattung. Die ersten 35mm-Filme liefen im Pfarrsaal noch selten, zunächst nur einmal im Monat, nichtgewerblich gegen eine milde Gabe („Spendentöpfle") der Besucher. Doch der Besuch stieg und stieg, und zum 10.April 1997, nach knapp zwei Jahren Probezeit und viel gesammeltem Know-How konnte ich Subiaco als ganz legitimes gewerbliches Programmkino eröffnen. Inzwischen war auch unser Team gewachsen. Der Übergang war also nur noch eine Verwaltungs- und Werbefrage. Der Rest wirkt märchenhaft in einer Zeit, in der viele kleine Kinos schließen mussten. Ausgerechnet in einem kleinen Flecken wie Alpirsbach wuchs unser Kino dank seiner konsequenten Programmpolitik zu einem Jahr für Jahr preisgekrönten Kino heran.

Kunst und Kirche, Kultur und Extravaganz

Immer wieder fragen Gäste nach dem Namen „Subiaco". Leute mit kurzem Lateinunterricht tippen auf ein lateinisches Wort, andere auf eine interessante Abkürzung. In Wirklichkeit bezieht sich der Name auf das kleine Städtchen Subiaco unweit von Rom. Dort war ich mit meinen Eltern als Kind bei unserer einzigen und herrlichen Italienreise, und ich liebte damals dieses hübsche Höhlenkloster bei Subiaco mehr als die postkartenbekannte Peterskirche und das ganze Rom. Das ist bei mir heute noch so. Im vierten Jahrhundert hatte Subiaco nur einen Einwohner, Benedikt von Nursia, dessen radikaler Singlehaushalt aus einer Höhle bestand, der Santo Speco. Der Name Subiaco verweist somit auf die Ursprünge unseres Klosters, in dem bis zur Reformation Benediktinermönche lebten, die nicht nur gestaltetes Christentum, sondern auch Kultur ins Kinzigtal brachten. Das Kino im Pfarrsaal befindet sich im ehemaligen Speisesaal des Abtes, und das kinotechnisch so wichtige kleine Fensterchen für die Projektion war einst die Öffnung fürs Lavabo: Vor dem Essen, nach dem Essen, Händewaschen nicht vergessen. Mit etwas Fantasie steht zu vermuten, dass einst in unserem  Kino auch das fahrende Volk, Sänger und Gaukler ihre Künste als Dankeschön für Kost und Logis zur Aufführung brachten. Jedenfalls bringe ich über die Begriffserklärung vieles zusammen: Kunst und Kirche, den Geist der Benediktiner und den Spleen des Kinopfarrers.

Ernste Gesichter in Zeiten der Spaßgesellschaft

Manche meinen ganz ahnungslos, Subiaco sei - was das Publikum betrifft - eine besondere Art von Jugendarbeit. Weit gefehlt. Die Altersstreuung ist sehr gesund, sicher gesünder als in manchem Multiplex-Kino, wo man stark auf Jugendliche und Popcorn setzt und eines späten Tages einsieht, dass Kino keine Generationenfrage ist. Bei unserer Filmauswahl findet sich ein bunter Mix der Generationen, allerdings in spezifischer Mischung: interessierte, anspruchsvolle vergleichsweise gebildete Leute, die sich nicht nur unterhalten wollen, sondern oft ganz gezielt ernste, traurige Filme besuchen. Beim Schramberger Narrenumzug - kurz nachdem wir dort unsere Filiale eröffnet hatten - gab es über uns den Witz: „Subiaco: geh
lustig rein - komm traurig raus". Als Pfarrer hat es mich nicht nur amüsiert, sondern auch nachdenklich gemacht. Vielleicht würden Außenstehende unsere Gottesdienste ähnlich charakterisieren. Vielleicht ist die Frohbotschaft in Zeiten der Spaßgesellschaft wirklich nicht an
lachenden Gesichtern zu erkennen. Einer der gut besuchten Filme des vergangenen Jahres war todtraurig: „Mein kleines Kind". Da erzählt die Regisseurin ungemein eindringlich von ihrer Schwangerschaft mit einem todgeweihten mehrfach behinderten Baby. Ein anderes großartiges Beispiel für einen ernsten Film mit geistlicher Tiefe ist „Mystic River" von Clint Eastwood, ein düsteres, pessimistisches Werk, das von Schuld und Verhängnis erzählt und dabei leise, aber hartnäckig nach Gott fragt. Kein Trost, keine einfache Lösung, auch keine Erlösung im herkömmlichen Sinn des Wortes krönt den Film, wohl aber die Ernsthaftigkeit im Fragen. Was ist der Mensch? Und: Bin ich der Hüter meines Bruders? Und: Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Meine Berufung

In der Fastenzeit 2004 laden wir unter der Überschrift „Der Tod ist groß" zu einer ökumenischen Filmreihe mit fünfzehn Filmen zum Thema „Sterben und Tod, Abschied und Trauer" ein. Wir können uns das leisten, weil wir inzwischen einen guten Ruf als Kino haben, in dem es nicht sonderlich fromm zugeht. Unsere Gäste kommen ja nicht zur Andacht, sondern ins Kino. Sie kämen wohl kaum so zahlreich und gern, wenn sie das Gefühl hätten, heimlich
missioniert zu werden. Und doch verstehe ich mich missionarisch. Ich glaube nämlich, dass Gott der Schöpfer ganz besonders in den schöpferischen Kräften dieser Welt wirkt und spricht. Und da ich mich nun einmal ins Kino verliebt habe, versuche ich aus dieser meiner sehr persönlichen Liebe als Priester das Beste zu machen. Dabei geht es mir zum Staunen mancher Berufskollegen überhaupt nicht um das, was man so den „religiösen Film" nennt. Mir geht es zuallererst um den guten Film. Der liebe Gott macht dann mehr daraus, denn ohne seinen Geist gäbe es diese Werke nicht. Sie wollen aber auch gesehen werden. Dafür bin ich als Kinobetreiber ein Werkzeug und möchte optimal funktionieren. So verstehe ich meine Berufung.

Kunstsinn und Geschmack

Im Subiacoprogramm spielen wir Filme nicht dank ihrer Erfolgsprognose, sondern weil wir sie als Werk spielen wollen. Das Werk sucht und findet sein Publikum, mal sind es viele, mal sind es wenige. Wer Angst hat vor einem schlecht besuchten Film, darf kein Programmkino aufmachen, ebensowenig wie einer Pfarrer werden sollte, der Angst hat vor leeren Kirchenbänken. Es ist allemal besser, mit wenigen Gästen in einem guten Film zu sitzen als mit vielen in einem schlechten. Das Kasseklingeln ist jedenfalls nicht der Punkt der Zufriedenheit. Sonst hätten wir wochenlang den „Schuh des Manitu" laufen lassen. Nur: Wer von uns hätte das vorführen sollen? Wer sich bei uns engagiert, tut es ja gerade wegen unserer kompromisslosen Qualitätsentscheidung und dem wirklich ständig wechselnden Programm. Dabei spüre ich eine zweite Dimension meiner Berufung: gerade bei jungen Teammitgliedern und im Publikum Kunstsinn und Geschmack zu schulen. Dabei stehe ich auf den Schultern meiner benediktinischen Vorfahren im Kloster Alpirsbach. So wie die Mönche einst den „Hinterwäldlern" Lesen und Schreiben beibrachten, geht es heute beispielsweise auch darum, Filme lesen zu können und nicht nur gut und böse, sondern auch gut und schlecht unterscheiden zu lernen. Deshalb nehmen wir das Kinderkino besonders ernst.

Als Pfarrer kenne ich Sonntag für Sonntag das Gefühl, nur für eine interessierte Minderheit zu spielen. Ich liebe dieses Wort vom Spiel. Es verbindet in meiner Existenz Liturgie und Kino sehr genau. Ob Gott ins Spiel kommt? Ich glaube, er spielt mit mir, mit uns. Eigentlich bin ich gar nicht sein Werkzeug, sondern sein Spielzeug. Und als ich im Lauf der Jahre Gott so munter mit mir spielen ließ, wurde mein Lichtspielhaus zum Gotteshaus.

Michael Graff entwickelt mit interessierten Grupen auch eigene Kinoprojekte.

Kontakt:

Pfr. Michael Graff, Klosterplatz 2, 72275 Alpirsbach

Tel.: 07444-4148

E-mail: kino@subiaco.de; Internet: www.subiaco.de