Das Abenteuer der NachfolgeZweite EntscheidungVon Dr. Dieter Eckmann, Tübingen |
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Risiko Lebensentscheidung Menschen tun sich schwer mit Entscheidungen. Und dies um so mehr, weil Leben auf Entwicklung angelegt ist und niemand von vornherein sagen kann, ob die Bedingungen einigermaßen stabil bleiben, getroffene Entscheidungen durchzuhalten. Soziologie und Psychologie zeigen bzw. erklären, dass Menschen mit ihrem Lebensentwurf vielfach scheitern - und dies in wachsender Tendenz. Ohne eine genaue Beleuchtung dieser Problematik vorwegzunehmen, drängt sich allerdings ein bestimmter Eindruck auf: Wie viel Aufmerksamkeit wird dem „Anweg" einer Entscheidung, der Entscheidungsfindung beigemessen, gerade bei der Wahl eines kirchlichen Berufes - und hier insbesondere bei der Lebensentscheidung Priestertum. Pastoralpsychologische Elemente in der Priesterausbildung, Angebote geistlicher Begleitung etc. sollen Motivationen klären und zu einer möglichst reifen Entscheidung befähigen. Ohne deren Bedeutung schmälern zu wollen, fällt doch das Ungleichgewicht zu den eher spärlichen Überlegungen und Unterstützungen auf, die für den langen Zeitraum nach dieser Entscheidungsfindung vorliegen bzw. angeboten werden. Zudem ist davon auszugehen, dass die Lebensentscheidung zum Priester heute mehr denn je bedeutet, sich auf ein Berufsprofil einzulassen, das sich in einer fortwährenden Ausdifferenzierung und Wandlung befindet - und eben damit weiterführende und vertiefende Entscheidungen notwendig mit einschließt. Neben einer qualifizierten Persönlichkeitsarbeit in der Seminarausbildung sind gerade die in den ersten Berufsjahren aufkommenden Konflikte höchst bedeutsam: so etwa Enttäuschungen über die Grenzen eigener Kräfte, das Zerplatzen von Visionen pastoraler Arbeit, nicht selten auch Erfahrungen, dass trotz intensivem Einsatz vieles nicht gelingt oder bewältigbar ist sowie das Verschwinden des anfänglichen Hochgefühls im pastoralen Alltag. Dies lässt die ersten Berufsjahre (und nicht nur diese!) zu einer Zeit werden, die eine Bearbeitung ursprünglicher Motivationen verlangt. Als Lern- und Bearbeitungsaufgabe für den Einzelnen werden immer wieder anstehen: die erfahrene Differenz zwischen dem, der er sein sollte (gemäß seinen Ich-Idealen) und dem, der er tatsächlich ist (gemäß seinem Real-Ich); die Integration des Zölibats mit all den damit zusammenhängenden Brüchen und Neuanfängen; das Sich-Bemühen um eine Lebensform, die weniger das Zugeständnis an die Gegebenheiten als vielmehr Ausdruck schöpferischer Integration darstellt. „Zweite Entscheidung" Was ist nun gemeint mit einer „Zweiten Entscheidung"? Wie kann sie strukturiert sein? Zunächst: Mit einer solchen weiteren Entscheidung soll ernst genommen werden, dass sich die Wahrheit eines Lebensentwurfs in einen lebenslangen Reifungsprozess eingebettet weiß. Eine „Zweite Entscheidung" wird dann bedeuten, eine erste Entscheidung, die in der Regel noch stark von Idealen und Wunschvorstellungen durchsetzt war, aber dennoch eine erste Zugehörigkeit zu einem bestimmten Lebensentwurf auszudrücken suchte, noch einmal zu präzisieren. Die einer ersten Entscheidung oftmals innewohnende Unsicherheit und Zielfixiertheit sammelt sich so gesehen erst in einer „Zweiten Entscheidung". Vergleichbar der reflektierten Innenseite einer ersten Entscheidung geht es ihr um einen - oft ernüchternden und zuweilen schmerzlichen - Durchbruch zu einem vertieften Verständnis seiner selbst, der eigenen Situation und letztlich auch der Beziehung zu Gott. Einfacher gesagt: So wie Christsein ein Weg ist und ein lebenslanges Christ-Werden bedeutet, hat auch Priestersein einen Wegcharakter und bedeutet ein fortwährendes Priester-Werden. Dabei wird es wichtig sein, jene gewissermaßen neu zu einer Entscheidung herausrufende Situationen - wie etwa eine Krise, eine (damit zusammenhängende) Krankheit, die Situation des Ausgebrannt-Seins etc. - nicht isoliert anzugehen, sondern sie in den Gesamtzusammenhang des Lebens einzuordnen, so zum Beispiel gerade als Schlüsselsituationen oder Wendepunkte der eigenen Entwicklung. Gerade die religiöse Haltung bzw. der Glaube wird hier einen wichtigen Beitrag leisten können. Wesentliche Elemente einer derartigen Neuentscheidung werden sein: 1. Sich der Situation stellen Damit ist gemeint, der momentanen Problematik nicht zu entfliehen, aufbrechende Emotionen, Abwehr- und Verdrängungsmechanismen ernst zu nehmen etc. 2. Erfassen der Wirklichkeit und seiner selbst Hier ist ein Wechsel der Aufmerksamkeit von außen nach innen beabsichtigt, d.h. vom alltäglichen, oft extrovertierten Wirken zu einer nach innen gerichteten Erforschung des Seins. Angezielt sind weniger Lösungen, als die Entdeckung von Entwicklungsthemen. Christlicher Glaube verwurzelt diesen Schritt in Gott, womit die Lebensgeschichte nicht nur Reifungsgeschichte ist, sondern auch Berufungsgeschichte: „Was sagt die Krise über mich und meine Beziehung zu Gott aus?" 3. Versöhnung mit der eigenen Geschichte und mit Gott Damit ist ein sehr wichtiges Element angesprochen, bei dem es darum geht, sich mit der Vergangenheit - gerade auch emotional – auszusöhnen sowie den eigenen Anteil der jetzigen Situation wahrzunehmen. 4. Loslassen als Einwilligen in die Abschiedlichkeit der Existenz Hier ist etwa an das Loslassen von Idealisierungen anderer Lebensformen zu denken, von möglichen Kompensationsformen sowie von Aspekten des Selbst-ideals. Letztere können beispielsweise sein: immer zur Verfügung stehen müssen, keine Schwäche zeigen dürfen, für alles zuständig und verantwortlich sein müssen. |
5. Entscheiden als Akt des Vollzugs auf Gott Damit ist ein neuer Entscheidungsakt auf dem Fundament einer persönlichen Beziehung und Freundschaft zu Jesus Christus gemeint. Dieser Schritt steht somit eindeutig unter der Perspektive, dass das Gelingen des Lebensentwurfes nicht allein vom Können des jeweiligen Menschen abhängt. Menschlich gesehen wird es nicht um Vollkommenheit gehen, sondern um Ganzheit: Das jeweils lebensgeschichtlich Mögliche - einschließlich dessen, was im Vertrauen auf Gott darüber hinaus lebbar ist - ist zu suchen und anzustreben. Eine genaue Darstellung dieser fünf Elemente einer „Zweiten Entscheidung" verbietet sich hier in der Kürze, weswegen ich auf mein Buch hinweisen möchte, das am Ende dieses Artikels angegeben ist. Dort werden die einzelnen Elemente eingehend erläutert und es finden sich eine Menge an Anregungen für die pastorale Begleitung von Menschen in derartigen Krisensituationen. Wichtig bei allem wird sein, dass es zu einer wirklichen Neuentscheidung kommt. Über eine oft angemahnte und geforderte Begleitung in bestimmten Lebensphasen hinaus geht es letztlich also um einen neuen Entscheidungsakt, nicht um ein weiteres Modell von Krisenverarbeitung oder Vergangenheitsbewältigung. Eine geistliche Begleitung, menschlicher Beistand wird allerdings auch hier unabdingbar sein. Revision? Natürlich wird es immer wieder Situationen geben, dass Priester zu ihrem Bischof bzw. Ordensoberen kommen und um ein Ausscheiden aus dem priesterlichen Dienst anhalten: so etwa, wenn sich bei dem Betreffenden immer mehr die Überzeugung verdichtet, dass seine derzeitige Lebenssituation oder der pastorale Auftrag zu einer für ihn unerträglichen Last wird. Die Ehrlichkeit des jeweiligen Priesters sowie die Mitbrüderlichkeit und Fürsorgepflicht des Bischofs bzw. Ordensoberen werden gemeinsam dazu beizutragen haben, auf dem Boden einer reflektierten Neuentscheidung eine der jeweiligen Situation entsprechende Perspektive zu finden. Nicht zuletzt wären auch Wege aufzuzeigen und zu begleiten, wie die Revision als Teil der gebrochenen Lebensgeschichte bewältigt werden kann, ohne daran zu zerbrechen. Allerdings - und das bleibt in diesem Zusammenhang zu betonen - wird das ausschließliche Augenmerk auf die Alternative „Vertiefung oder Revision" zu kurzschlüssig sein, hat doch die Revision selber ihre Geschichte, welche dort bereits beginnt, wo der jeweilige Mensch aufhört, am gewählten Lebensentwurf weiterzubauen und ihn lebendig zu halten. Auch bedeutet eine „Zweite Entscheidung" keineswegs, die ursprüngliche Entscheidung als hinfällig anzusehen - vgl. den sakramentalen Charakter der Priesterweihe! - und in dieser Weise als überholbar zu betrachten. Tatsache dürfte ebenso sein, dass viele Entscheidungen gerade deswegen revidiert werden, weil das Potential der Krise als Infragestellung und Erschütterung des Lebenskonzepts hin zu mehr menschlicher und geistlicher Substanz ungenutzt bleibt. Das Abenteuer der Nachfolge Vielleicht wird sich in Zukunft noch verstärkter zeigen, dass die Lebbarkeit christlicher Lebensentwürfe gerade mit einer solchen „Zweiten Entscheidung" steht oder fällt. Auf jeden Fall wird eine derartige Neuentscheidung einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das eigene priesterliche Selbstverständnis und so unmittelbar auf die Pastoral haben. Ohnmachts- und Krisenerfahrungen nämlich nicht wegzuschieben, sondern sie als Durchbruch zu einem vertieften Verständnis seiner selbst und der Beziehung zu Gott zu verstehen und zu bearbeiten, wird auch den Blick weiten auf die Nöte und Grenzerfahrungen der Menschen insgesamt. Nicht zuletzt können Ohnmachtserfahrungen die Hybris, alles im Griff zu haben, entlarven und den jeweiligen Menschen als den offenbaren, der er in Wahrheit ist: ein Mensch, der sich Gott zur Verfügung stellt, sich aber die Fruchtbarkeit seiner Arbeit von ihm schenken lassen muss. Sich dem Wirken dieses Gottes zu überlassen und die Irritationen und Wachstumskrisen, welche damit verbunden sind, anzunehmen, das ist wahrlich ein Abenteuer. Vielleicht muss unsere bisherige Identität - oder das, was wir fälschlicherweise dafür halten - erst gründlich angekratzt werden, bevor sein Wesen und seine Wirklichkeit sich in uns nach und nach umsetzen. So geht es beim Abenteuer der Nachfolge tatsächlich weniger um ein Gehen auf befestigten Wegen (die wir uns selber vielleicht noch ausdenken), sondern um ein Schwimmen in tiefen Gewässern. Nicht wenige werden aber die Erfahrung machen: Es trägt mich wirklich dieses Wasser - und das um so mehr, wenn ich mich nicht treiben lasse, sondern in Bewegung bleibe… Der Autor Dr. Dieter Eckmann (40) war nach seiner Priesterweihe zwei Jahre Vikar, dann sechs Jahre in der Theologen- und Priesterausbildung der Diözese Rottenburg-Stuttgart tätig. 2002 Promotion zum Dr. theol in Erfurt, zur Zeit Habilitationsstudium in Pastoraltheologie. Kontakt: Dr. Dieter Eckmann, Weißdornweg 14/125, 72076 Tübingen Das Buch zum Thema: Dieter Eckmann, Zweite Entscheidung. Das Zurückkommen auf eine Lebensentscheidung im Lebenslauf 390 Seiten, St. Benno-Verlag, Leipzig 2002, Reihe: Erfurter Theologische Studien, Bd. 84, ISBN 3-7462-1578-1, € 24,00 |
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