Evi Röhrl

Eine Powerfrau im Pfarrhaus

Für den Dienst als Pfarrhausfrau braucht es eine große innere Souveränität
Früher war es oft die Schwester des Pfarrers, die für den Pfarrhaushalt zuständig war. Das ist heute nur noch selten der Fall. Die Pfarrhausfrau könnte heute auch die Frau des Pfarrers sein, ist es aber nicht. Das erfordert ein Gespür für Nähe und Distanz, eine innere Freiheit. Wo sie gegeben ist, wird die Beziehung für alle Beteiligten, auch für die Gemeinde, zu einer Bereicherung. P. Werder SDS besuchte Frau Röhrl, Pfarrhausfrau in Oberlauterbach, Diözese Regensburg.

Der Einstieg
„Anfangs bin ich dem Pfarrer nachgelaufen wie ein Dackel, heute habe ich das nicht mehr nötig“, so schildert Frau Röhrl (36) ihren Weg im Dienst als Pfarrhausfrau, den sie jetzt schon zehn Jahre ausübt. Natürlich setze sie sich auch gern mit dem Pfarrer in die erste Reihe, aber sie kenne heute genug Leute in der Gemeinde, zu denen sie sich auch gerne hinsetze oder diese würden sie ebenso an ihren Platz einladen. Da habe sie keine Probleme, sie sei nicht auf das Ansehen des Pfarrers angewiesen, sie habe heute in der Gemeinde ihr eigenes Ansehen. Aber das ist nicht kritisch gegen Pfarrer Schießl (44) gemünzt, gerne erzählt sie, wie er sie „angeworben“ hat. In ihrer Heimatpfarrei in Straubing sei Schießl Kaplan gewesen. Irgendwann habe er sie gelegentlich mit großem Schalk darauf angesprochen, ob sie nicht seine Pfarrhaushälterin werden wolle. „Ich wusste nicht recht, wie ich jetzt dran bin, da habe ich ihn eines Tages einfach gefragt, ob er das ernst meine, was er mir dann bestätigt hat.“ Zwar sei sie frei gewesen, aber sie habe noch daheim gewohnt und sei beruflich als Steuerfachgehilfin tätig gewesen, da habe der Haushalt keine so große Rolle gespielt. „Deshalb habe ich gezögert, aber dann sagte ich mir: Versuchen kann ich es ja mal. Und so bin ich in den Dienst eingestiegen und mit Pfarrer Schießl hierher nach Oberlauterbach gezogen.“

Über das Pfarrhaus hinaus
Zuerst sei es nicht leicht gewesen, nicht wegen der Haushaltführung, sondern weil sie niemand gekannt habe und der Haushalt alleine habe sie nicht ausgefüllt. „Es war mir zu wenig, zu warten bis der Pfarrer zum Kaffee kommt.“ Aber dann hätten sich immer neue Kontakte und Aufgaben ergeben. „In diesen `Angeboten´ sah ich bald auch ein Zeichen dafür, dass Gott mich schon hier haben will“, so formuliert sie ihre Überzeugung, dass sie nicht zufällig hier gelandet ist, sondern einer Berufung folgt. Als die Frau eines Unternehmers starb, sprang sie „vorübergehend“ im Büro ein, daraus ist ein fester Auftrag für einige Stunden pro Woche geworden. In einer großen Familie, in der die Mutter starb, freuen sich die Kinder, wenn sie sie regelmäßig besucht, im Kindergarten ist sie als Aushilfe tätig. Bald fing sie auch an, Kinder als Tischmutter auf die Erstkommunion vorzubereiten, daraus ist dann eine Jugendgruppe entstanden; mit den inzwischen 17/18 jährigen Jugendlichen trifft sie sich auch heute noch. 

Das Pfarrbüro in Oberlauterbach ist sowieso ihre Aufgabe, ebenso gelegentlich Bürosprechstunden in den Gemeinden Niederlauterbach und Gebrontshausen, die zum Pfarrverband gehören, zusammen etwa 
l 600 Katholiken. „Bei diesen Bürostunden komme ich mit den Menschen oft auch in einen tieferen Kontakt. Wenn z.B. jemand wegen eines Todesfalles ins Pfarramt kommt und der Pfarrer ist nicht da, dann nehme ich alles auf. Bei diesen Gesprächen erlebe ich mich dann manchmal auch als Seelsorgerin“, so schildert Evi Röhrl eine ihrer wichtigen Aufgaben. 

Das Miteinander
Aber über all diesen Aufgaben vernachlässigt sie Thomas, wie sie „ihren“ Pfarrer persönlich anspricht, nicht. Da ging es zuerst auch einmal darum, sich besser kennen zu lernen, sich aneinander zu gewöhnen. Frau Röhrl: „Am Samstagmorgen beispielsweise ist er überhaupt nicht gesprächig. Damit konnte ich anfangs nicht umgehen, bis ich ihn darauf ansprach. Da gestand er mir, dass ihm zu dieser Zeit der Sonntag ziemlich durch den Kopf gehe, vor allem natürlich die Predigt. Damit war die Sache geklärt.“ Im Haushalt versuche sie, alles zu regeln, damit er soviel Zeit wie möglich für seine Aufgaben zur Verfügung habe. „Aber wenn ich etwa im Pfarrbüro aufgehalten werde, macht auch er für uns beide den Kaffee, da gibt gar kein Problem“, so schildert sie die unkomplizierte Art ihres Umgangs miteinander. Aber es gebe auch Anlässe, zu denen sie besondere Wertschätzung erfahre: „Wenn ich Geburtstag habe, richtet er den Frühstückstisch, auf dem dann auch Blumen stehen, oder er lädt mich einmal nach den Feiertagen, wenn nicht soviel los ist, in ein Konzert ein.“
Anfangs hätten sie auch Teile des Stundengebets miteinander gebetet, aber dann habe er doch gemerkt, dass er sich zu diesem Gebet lieber allein zurückziehe. „Ich kann zwar auch auf meinem Zimmer beten, aber für mich ist es wichtig, dass ich spüre, wie mein Glaube in die Tat hineinfließt“, so Evi Röhrl zu ihrer ganz persönlichen Spiritualität. Aber das gemeinsame Tischgebet gehöre auf jeden Fall immer dazu.
Abends, wenn er von Sitzungen zurück
komme, erzähle er ihr in der Regel davon und es könne schon sein, dass er sich da auch einfach Frust von der Seele rede. Aber es könne auch sein, dass sie bloß am Fernsehen einen Film miteinander anschauten. „Das ist dann sehr schön, aber umgekehrt sind wir auch nicht aufeinander angewiesen, so dass wir uns frei fühlen können. Auch ich bin manchmal abends weg und wenn ich zuhause bin, sitze ich nicht da und warte nur darauf, bis Thomas endlich heimkommt“, so die Pfarrhausfrau. Gelegentlich werde sie um dieses Verhältnis beneidet. Es könne schon mal sein, dass eine Ehefrau zu ihr sage: „Wenn ich wieder auf die Welt komme, mache ich es auch wie du. Du bist frei und ihr habt euch die Achtung voreinander bewahrt“. Sie wisse ja nicht wie das sei, aber offensichtlich gehe die Achtung voreinander im Alltag von Ehe und Familie manchmal verloren, interpretiert sie ganz vorsichtig solche Äußerungen.

Im Frieden mit sich selbst
Aber für diese Freiheit zahle sie ja auch einen hohen Preis, sie verzichte auf Intimität in ihrer Beziehung, gebe ich zu bedenken. „Ja, das ist wahr, aber dafür bekomme ich auch viel. Es ist schön, wenn ich von den Leuten hin und wieder eine Anerkennung erhalte z.B. für den Kirchenschmuck oder wenn die Kinder in der Familie, die ich regelmäßig besuche, zu mir herrücken“, so ihre Antwort. „Das heißt, dass Sie Kinder mögen und vielleicht auch selber gerne Kinder hätten“, wende ich ein. Ganz souverän antwortet sie: „Gewiss, aber dazu gehören zwei, und bisher ist der Richtige eben noch nicht gekommen. Aber ich bin frei, wenn ich morgen heiraten möchte, dann kann ich das, für heute aber ist es gut, so wie es ist. Im übrigen sollte das auch für die Pfarrer so sein“, ergänzt sie ohne Umschweife ihre eigene Erfahrung.
Und wie sehen die Leute das Verhältnis von Pfarrer und Pfarrhausfrau? Natürlich sei das für die Menschen ein Thema und aus manchen Andeutungen könne sie entnehmen, dass bei manchen schon die Phantasie durchgehe und sie überlegten: Was machen die beiden wohl, wenn sie am Abend zusammen sitzen? Aber damit könne sie leben, sie brauche sich nichts vorwerfen und deswegen könne sie da auch gelassen bleiben. Sie verhalte sich auch in der Öffentlichkeit nicht anders als zuhause, „so wie ich ihn hier mit `Du´ anrede, so mache ich das auch draußen“.

Berufung
Dass sie in ihrem Dienst eine Berufung sieht, erwähnte sie schon, aber sie ergänzt diesen Gedanken. Berufung sehe sie darin auch deswegen, weil sie neue Fähigkeiten bei sich selbst entdeckt und weiterentwick-elt habe; sie sei freier und selbstsicherer geworden. Darin könne sie den Weg Gottes mit ihr sehen. Berufung ist für sie auch Ausdruck individueller Verschiedenheit und Einmaligkeit: „Das ist mein Weg, der zu mir passt, den nicht jede andere Frau auch gehen könnte.“ Da klingelt das Telefon, aber diesmal geht es nicht um die Pfarrei, Bekannte rufen wegen einer Steuerfrage an.

Pfarrer Schießl

Die andere Perspektive

Ich habe mich bewusst um eine Pfarrhausfrau bemüht, die voll angestellt ist. Als Pfarrer bin ich so ausgebucht, dass ich nicht die Zeit und Energie habe, mich auch noch ganz oder auch nur teilweise um den Haushalt zu kümmern. Dazu kommt, dass auch für Frau Röhrl dieser Dienst damals nur vorstellbar war, wenn sie in Vollzeit einsteigen konnte. Ein weiterer Aspekt ist meine Erfahrung in meiner Kaplanszeit in Straubing. Damals hatte ich eine Zugehfrau und da habe ich schon gemerkt, dass es nicht schön ist, wenn die Wohnung leer ist, wenn ich nach Hause komme. Es ist etwas wert, dass wir uns austauschen können, andererseits ist es aber auch so, dass ich oft unterwegs bin, zumal seit ich auch noch in der Gemeindeberatung tätig bin, so bleibt einfach nicht viel freie Zeit. Das war anfangs natürlich auch für Frau Röhrl nicht einfach, aber inzwischen hat sie auch neue Freundschaften gefunden, wo sie dann auch gerne hingeht. Dennoch bin ich mir bewusst, dass ich mit ihrer Anstellung auch eine Verpflichtung eingegangen bin, d.h. dass ich mir einfach auch immer wieder für sie Zeit nehme. Freilich ist sie „nur“ meine Angestellte, aber eine gute menschliche Beziehung ist für mich gut und ich denke, dass sie auch ihr gut tut. 

Frau Röhrl engagiert sich auch gern in der Gemeinde und da kann es schon sein, dass es mal eng wird, auch hier im Haus alles zu erledigen. Aber das kann ich akzeptieren und dann helfe ich eben auch mal im Haushalt mit, ich poche dann nicht darauf, dass dies hier alles Vorrang hat. 
Ich schätze an Frau Röhrl besonders ihr freundliches und ruhiges Wesen, auch ihre Diplomatie, wenn sie mir mal einen Tipp gibt in dieser oder jener Angelegenheit in der Gemeinde, sie ist ein ehrlicher und offener Mensch.