Spirituelle Initiation ErwachsenerPfarrer Leo Tanner, Jonschwil, Schweiz, geht neue Wege in der Verkündigung |
| Pfarrer Leo Tanner (49) ist seit 1980 Priester des Bistums St. Gallen. Die Erfahrungen, die er in der Seelsorge machte, führten ihn zu der Erkenntnis: Es muss neben der Einführung von Kindern und Jugendlichen in den Glauben auch eine Weitergabe des Glaubens an Erwachsene geben. Leo Tanner machte die Beobachtung: Die Glaubenskatechese beschränkt sich meist auf die Kinder- und Jugendstufe. In vielen Gemeinden gibt es wohl Weiterbildungsangebote, aber kaum Angebote, die Erwachsenen die Einführung in den christlichen Glauben ermöglichen. Hier setzt er heute in seiner Arbeit den Schwerpunkt. Seit 1987 entstanden im Anschluss an Glaubensseminare, die Tanner in vielen Pfarreien hielt, immer neue Bibelgruppen. Diese nahmen 1991 die Organisationsform eines Vereins an, der später den Namen „Bibelgruppen Immanuel“ erhielt. Seit dem Jahr 2000 engagiert sich dieser Verein auch für das Projekt „Wege erwachsenen Glaubens“ (WeG)©, das Pfarrer Tanner in den letzten Jahren zusammen mit einem Team von Seelsorgern entwickelt hat. WeG besteht im Wesentlichen aus drei Weg-Etappen, in denen es darum geht, zunächst neu zu einem persönlichen Glauben zu finden (Seminar: Glaubenserneuerung), wer will, geht dann weiter, um miteinander Gemeinde zu werden und den eigenen Platz in der Pfarrei zu finden (Seminar: Glaubensvertiefung), schließlich entdecken einige ihre Freude an der Weitergabe des Glaubens und sind bereit, dafür in der Pfarrei Verantwortung zu übernehmen (Seminare der Glaubensweitergabe). Begleitmaterial gibt Tanner im Selbstverlag „Biblische Erneuerung“ heraus. Pfarrer Leo Tanner ist zu 30 % als Pfarrer der Gemeinde Jonschwil bei St. Gallen angestellt, für die übrige Zeit ist er vom Bischof freigestellt für die Geistliche Leitung der „Bibelgruppen Immanuel“ und für die verantwortliche Leitung von WeG. Mit ihm arbeitet Theresa Herzog (48), von Beruf Juristin, zusammen. Sie ist beim Verein als Referentin angestellt und ebenfalls verantwortlich in der Leitung von WeG tätig. Der WEGBEREITER besuchte Pfarrer Tanner und Frau Herzog in Jonschwil. P. Konrad Werder SDS Es ist Hunger da Manches erinnert an die Art der „Charismatischen Erneuerung“, wenn Frau Herzog von Bibelabenden und Seminaren erzählt: das gemeinsame Singen und das freie Gebet gehören zum festen Bestandteil. Aber es ist doch etwas anderes. Pfarrer Tanner stellt klar: „Dort wie hier geht es um einen Impuls, der vom Geist Gottes ausgeht. Aber meine Erfahrungen mit Gott, die mich auf diesen Weg geführt haben, kommen nicht von dort her. Ein Unterschied liegt darin, dass wir unsere Abende stärker strukturieren, es geht um Bibelteilen, weniger um Gebetsabende bzw. Gebetstreffen wie bei der „Charismatischen Erneuerung“. Das Projekt „Wege erwachsenen Glaubens“ ist ein Pastoralkonzept, das neue Formen der Initiation, der Eingliederung finden möchte, die heute in den Pfarreien nicht mehr funktioniert. Das aber ist eine Aufgabe der Pfarreien und nicht der Bewegungen.“ Die Vision Tanners: So wie es in jeder Gemeinde einen Kirchenchor gibt, so sollte es in Zukunft auch in jeder Gemeinde eine Gruppe geben, die sich dazu berufen fühlt, sich für die Weitergabe des Glaubens an Erwachsene zu engagieren. Und weiter: „Die Glaubenseinführung wird um die Stufe der Erwachsenen erweitert, weil immer weniger Erwachsene eine persönliche Glaubenserfahrung gemacht haben und deshalb nicht wissen, um was es im Christentum geht. Mir geht es darum, so etwas in Gemeinden langfristig zu institutionalisieren.“ Worum es inhaltlich geht, das nennt ein WeG-Prospekt „spirituelle Initiation“. Leo Tanner erklärt, was damit gemeint ist: „Mit `spirituell´ meine ich eine persönliche Gotteserfahrung, eine existentielle Betroffenheit von diesem Jesus Christus. Damit verbunden ist eine Entscheidung für Jesus Christus und für die Gemeinschaft. Zum andern geht es darum, dass jemand eine Erfahrung der Befreiung macht: das Reich Gottes ist da, da kann ich aufatmen, ich werde heil. Schließlich meint „spirituelle Initiation“, dass Menschen eine Pfingsterfahrung machen, die Erfahrung der Dynamik Gottes, der Liebe Gottes, so dass die Menschen nicht mehr von außen geleitet werden – jetzt muss ich halt noch, das sollte man halt noch –, sondern dass sie aus einer inneren Freude und Begeisterung auf Grund eigener Erfahrung Zeugen sein können.“ Aber gibt es unter den Erwachsenen auch Bedarf nach einer solchen Einführung in den Glauben? Es gebe sehr wohl eine Sehnsucht nach Spiritualität, aber von vielen Formen, wie wir sie bisher in der Kirche praktiziert hätten, davon hätten die meisten Suchenden genug, meint Tanner und er verweist auf das, was er erlebt: „Wir machen die Erfahrung, dass Menschen mit neuen Formen sehr ansprechbar sind, wenn sie spüren: erstens, mir wird nichts aufgedrängt, zweitens, das hat mit meinem Leben zu tun und drittens, das befreit mich, da kann ein Heilungsprozess beginnen. Wenn sich jemand einmal überwunden hat, hinzugehen und zu hören, dann gibt es immer wieder Menschen, die wirklich neue Wege gehen.“ Es gibt eine Sehnsucht nach Spiritualität, Zulehner sagt einmal, die Sehnsucht boomt. Stimmt das oder ist das doch leicht übertrieben? Tanner vergleicht und gibt damit eine realistische Vorstellung: „Man darf sich keine Illusionen machen, aber im Verhältnis zu allen anderen Angeboten von Erwachsenenbildung sind es Zahlen, um die man uns seit Jahren beneidet. Wenn an einem Kurs 40, 60 oder 100 Leute teilnehmen und diese an acht oder zehn Abenden kommen, dann sind dies im Vergleich zu anderen Erwachsenenbildungs-Veranstaltungen sehr viele. Das sind Erfahrungen, die wir machen, und ich möchte sagen: es ist Hunger da.“ Der eigene Weg Diesem Lebensprojekt, Erwachsenen auf neue Weise zu helfen, den persönlichen Glauben zu erneuern bzw. wieder zu finden, ist das eigene Hineinwachsen in eine ganz persönliche Glaubenserfahrung vorausgegangen. Bei der Schilderung dieses Weges fängt Tanner in seiner Kindheit an. Als der Pfarrer in der vierten Volksschulklasse erzählt habe, warum er Priester geworden sei, habe er gespürt: Das sollst du auch werden. Aber er habe davon niemandem erzählt. Mit 17 Jahren, in einer Zeit der inneren Auseinandersetzung, habe er eine tiefe |
Gotteserfahrung machen dürfen. Er sei von Gott angezogen worden, habe eine Wärme, eine Liebe gespürt. Da habe er angefangen, die Bibel zu lesen, er habe sich entschieden, Priester zu werden und habe sein ganzes Leben in Gottes Hände gelegt. Tanner wörtlich: „Seit dieser Erfahrung, seit meinem 17. Lebensjahr, ist in mir die Sehnsucht da: Was ich empfangen habe, auch an Friede und Trost, an Kraft und Heilung, das möchte ich auch an andere Menschen weitergeben. Seither ist das für mich ein brennendes Anliegen.“ Später, als er schon fünf Jahre Priester gewesen sei, habe es bei einem Aufenthalt in Taizé noch mal eine solche Erfahrung gegeben: „Da ist in mir ein Lobpreis aufgebrochen und ich habe noch mal mein Leben in Gottes Hände gelegt. Damals ist auch noch mal eine tiefe gefühlsmäßige Heilung in mir geschehen.“ Aus dieser Erfahrung heraus seien dann die Glaubenskurse entstanden, aus denen dann vor drei Jahren das Konzept „Wege erwachsenen Glaubens“ herausgewachsen sei. Auch Frau Herzog ist überzeugt, dass sie nicht zufällig im Team von Leo Tanner gelandet ist, sondern dass Gott sie zu diesem Engagement geführt hat. Für sie sei der Glaube schon immer wichtig gewesen, erzählt sie. Als vor fünf Jahren ihr Mann tödlich verunglückt sei, habe sie noch mal deutlicher gemerkt, dass das wirklich der Boden ist, der sie trägt: „Damals habe ich eine starke innere Führung erlebt, sie hat mich durch das ganze Leid und Dunkel – fast gezogen.“ Aber sie habe dann auch gemerkt, dass sie wenig vom Glauben wisse und so habe sie den „Theologiekurs für Laien“ angefangen. Für eine Arbeit in diesem Kurs habe sie Leute interviewt, die aus der Kirche ausgetreten seien. Diese Gespräche hätten sie tief berührt, immer sei da eine große Sehnsucht gewesen, aber die Betroffenen hätten nicht mehr bei einer Pfarrei angeklopft, auch in der Sorge: die wissen alle Bescheid und ich habe keine Ahnung. „Bei mir ist dann so ein Wunsch aufgetaucht, man müsste ein Angebot auf die Füße stellen, bei dem die Schwelle ganz niedrig ist“, so Frau Herzog. Eines Tages habe sie als Präsidentin der Frauengemeinschaft in ihrer Heimatpfarrei einen Referenten für ein religiöses Thema gesucht, da sei sie auf Leo Tanner gestoßen. „Als er mir sein Konzept erklärte, habe ich gesehen, dass das genau das ist, was ich mir immer vorgestellt hatte. Das war der Anfang“, so erklärt Frau Herzog ihre Ankunft bei ihrer Traumaufgabe. Die Bibel „Biblische Erneuerung“ nennt Tanner seinen Verlag. Der Name des Verlages ist Programm, aber das heißt nicht, dass in jedem zweiten Satz seiner Texte und Vorträge ein Bibelvers vorkommt. Leo Tanner: „Ein biblischer Mensch ist noch nicht ein Mensch, der viele biblische Zitate auswendig kann, sondern einer, in dem das Wort Gottes Fleisch geworden ist, der Wort wird in seiner Art, zu sein, zu kommunizieren, mit Menschen umzugehen, in einem Geist der Freiheit und der Annahme.“ Für ihn ist die Unterscheidung wichtig: „Es gibt das Wort der Bibel und es gibt den Geist der Bibel. In diesen Geist der Bibel hineinwachsen, das meint `biblische Erneuerung´“. Aber in der Bibel gibt es auch Bedrohliches, z.B. die Rede vom Gericht und leicht Missverständliches, z.B. die Rede vom Opfer. Spielen solche Fragen in den Seminaren eine Rolle? „Ganz bestimmt“, erklärt Tanner, da sei dann die fachliche Bibelauslegung wichtig. Für ihn sei das Kernstück der Bibel die Abba-Erfahrung Jesu. Das sei der Auslegungsschlüssel. „Darum“ so Tanner, „ist es mein erstes Anliegen in den Kursen, die Menschen in diese Erfahrung der Liebe Gottes hineinzuführen, damit sie von dieser Sicht aus lernen, alle Arten von Bibelstellen zu interpretieren.“ Erst wenn jemand eine Erfahrung mit der Liebe Gottes gemacht habe, werde die Bibel zum Wort Gottes, in dem Gott ihn/sie persönlich anspreche. „Ich kann also nicht irgendwo hinkommen und sagen: `Die Bibel interessiert euch doch, wir machen einen Bibelkreis´; das funktioniert meist nicht“, warnt Tanner vor Enttäuschungen im Umgang mit der Bibel. Die Kompetenz der Suchenden Träger des Weges seien die Laien, sagt Tanner ganz klar, und er begründet das zunächst mit einem eher äußeren Aspekt: „Die Hauptamtlichen sind überlastet mit vielfältigen Aufgaben und leben gar nicht mehr mit den Menschen zusammen. Träger der Glaubensweitergabe aber müssen Männer sein, die am gleichen Arbeitsplatz stehen und Frauen, die miteinander einkaufen.“ Eine andere Begründung sieht er in der inneren Befähigung: „Priester und überhaupt Hauptamtliche tun sich oft schwer mit dem Bibelteilen. Oft gehen sie mehr mit dem Kopf als mit dem Herzen an die Bibel heran.“ Das führe zudem dazu, dass sich einfache Menschen schnell minderwertig vorkämen: der weiß alles und ich nicht. Deshalb gebe es keine Gruppe, die von einem Priester oder einem/-r andern Hauptamtlichen geleitet werde. Theresa Herzog macht die gleichen Erfahrungen. In den Vorbereitungsgruppen von zehn, zwölf Mitarbeitern/-innen seien durchaus auch Männer und Frauen, die selber auf der Suche sind. Aber sie brächten eine große Bereitschaft mit, einen Beitrag zu leisten, würden sich auf einen Weg einlassen, wollten eine Erfahrung machen. Sehr schnell wachse in dem Kreis eine Atmosphäre des Vertrauens und sie beginne schon am Anfang mit einem Lied und freiem Gebet und schon bald könnten sie in einfacher Weise miteinander „Bibel teilen“. Herzog: „Ich staune immer wieder wie schnell das geht, wie das die Leute anspricht. Oft kommt dann die Reaktion: `So etwas habe ich schon lange gesucht: mich mit andern zusammen mit dem Glauben zu befassen, zu erfahren, dass die anderen auch suchen und sich engagieren möchten.“ Tanner bringt es auf den Punkt: „Die Gruppenleiter müssen nicht mehr wissen als die anderen Teilnehmer, für theologische Fragen gibt es einen Fragekasten, es geht um die Kompetenz, mich ansprechen zu lassen, mein Leben zur Sprache zu bringen, in der Gemeinschaft mich zu öffnen. Das sind die Qualitätskompetenzen, die notwendig sind.“ Und diese Kompetenzen seien bei Suchenden meist mehr vorhanden als bei traditionell religiösen Leuten oder auch bei machen Priestern. Dem stimmt Theresa Herzog spontan zu: „Ich staune, welche Tiefe bei Leuten zum Vorschein kommt, die das erste Mal mitmachen, wie sie berührt werden, das ist wunderbar.“ Kontaktadresse Pfarrer Leo Tanner Kirchstr. 3 CH-9243 Jonschwil Tel.: 0041/71/9235661 E-Mail: pfarramt.jonschwil@freesurf.ch |
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