Vom Bilderverbot zur Ikone Gottes

„Dem Evangelium (d)ein Gesicht geben“ lautet 2003 das Thema der Berufungspastoral in Deutschland. Dr. Rainer Birkenmaier, Direktor des Zentrums für Berufungspastoral, Freiburg, gibt dazu eine biblische Reflexion.

Am Anfang der Bibel steht ein striktes Bilderverbot: „Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgend etwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde..“ (Ex.20,4) Es scheint sogar so zu sein, dass Israel das einzige Volk der vorchristlichen Geschichte war, das in seiner Gottesverehrung auf jegliches Bild verzichtet hat. Der Tanz um das goldene Kalb zeigt, dass es die Versuchung sehr wohl gab, den Gott Israels auch in den gängigen Götterbildern zu verehren. Dem Gott der Bibel dürfen Menschen nicht ihr Gesicht geben! Hinter dem Jahresthema muss man, wenn man einmal statt „Evangelium“ „Gott“ einsetzen würde, ein großes Fragezeichen machen, zunächst jedenfalls. Und doch bleibt der Gott der Bibel nicht gesichts- und gestaltlos. Er selbst gibt sich ein Gesicht in verschiedener Hinsicht.

Der Mensch als Bild Gottes
In der Schöpfung gibt es ein authentisches Bild Gottes, das Gott selbst gemacht hat: der Mensch! „Lasst uns den Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. ... Gott schuf also den Menschen als sein Abbild, als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“ (Gen 1,24.27). Die deutlichste Spur Gottes ist der Mensch in seiner Personalität, die zur Liebe fähig ist. Der Mensch kann und muss in gewisser Weise Gott in dieser Welt darstellen. Er kann das aber nur, wenn er ganz an ihn rückgebunden ist und mit ihm im Bund lebt.

Gott gibt sich ein „Gesicht“ in seinem Handeln

Man kann darüber hinaus den wahren Gott „erkennen“ an dem, was er tut und wie er handelt. Damit gewinnt er Profil und „Gesicht“, so dass z. B. der fromme Beter der Psalmen häufig vom „Angesicht Gottes“ spricht. „Herr, lass dein Angesicht über uns leuchten!“ (Ps 4,7) Oft vermisst der Gläubige, dass Gott sein – vertrautes – Gesicht ihm zeigt. Ijob klagt: „Warum verbirgst du dein Angesicht und siehst mich als deinen Feind?“(13,24). Wenn die Menschen dann aber wieder das gnädige Handeln Gottes finden, treten sie mit Jubel vor sein Angesicht (vgl. Ps 100,2). Der handelnde Bundesgott JHWH ist also kein gesichts- und namenloses höheres Wesen. 

Die Gesalbten Gottes
Das Handeln Gottes gibt sich hinein in die konkrete Geschichte der Menschen. Das Grunddogma der Bibel ist: „Jahwe ist König“ (vgl. die Königspsalmen). Neben ihm gibt es keinen, der über dieses Volk bestimmen kann. Und doch entsteht – gegen den Protest des Propheten - ein irdisches Königtum. Vom König wird sogar gesagt: „Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt.“ (Ps 2,7; vgl. auch Psalm 110). Im

 „gesalbten“ König nimmt das Königtum Gottes Gestalt an. In der politischen Wirklichkeit waren die König Israels aber zum Teil fast das Gegenteil. Beim Propheten Ezechiel findet sich im 34. Kapitel eine Abrechung mit den „Hirten“, die nicht – wie es ihre Aufgabe wäre – für das Volk sorgen, sondern das Volk für eigene Interessen ausbeuten und ihre Macht missbrauchen. Hier wird eine Spannung sichtbar: Berufene „gesalbte“ Menschen, z. B. die Priester und die Könige, haben die Aufgabe, auf diesen Gott hinzuweisen. Aber sie können auch den Blick auf Gott verstellen. Es braucht das irdische „Gesicht“ Gottes, aber es liegt darin auch eine Gefährdung.

Christus die wahre Ikone Gottes
In Christus hat Gott endgültig ein „Gesicht“ angenommen. Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, seine Ikone in dieser Welt (vgl. 2 Kor 4,4). Jesus sagt von sich selbst: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14,9). Er ist ein wahres Abbild, der nicht verstellt, sondern enthüllt. Er ist völlige Transparenz auf den Vater hin. Wer von nun an sich ein Bild von Gott machen will, muss auf Jesus schauen. Wir brauchen kein neues Gottesbild, kein anderes Gesicht Gottes, sondern nur den freien Blick auf Jesus und durch ihn auf seinen Vater.

Aufgabe der Berufenen
Die Kirche trägt gleichsam diese „Ikone“ Gottes durch die Jahrhunderte. Die Vergegenwärtigung Christi geschieht durch die Berufungen; das ist ein wunderbarer Vorgang: in menschlichen Worten und Zeichen schenkt der Erlöser reale Zeichen seiner Gegenwart: Er ist unter uns im verkündeten Wort, in den eucharistischen Gaben, aber auch in ganz anderer Weise im Armen. Auch im Zeichen der Ehe gibt er ein Zeichen seiner Treue zu seiner Braut, der Kirche. Der Dienst des Weiheamtes repräsentiert Christus als das lebensspendende und einende Haupt der Kirche. Die Ordensberufungen verweisen auf sein konkretes Leben und auf die Berufung der Kirche, ganz und ungeteilt Christus zu gehören. Jede Berufung hat unter einem ganz bestimmten Gesichtspunkt ein „Mehr“ an Christusähnlichkeit. Erst zusammen bilden sie das ganze Bild Christi, in dem Gott der Welt begegnen will.

Berufungspastoral
Das Evangelium ist nicht ein totes Buch oder eine abstrakte Lehre. Christus selbst erwählt sich Menschen, die sein Evangelium in dieser Zeit sichtbar machen. Er verteilt souverän, wie dies durch die einzelnen geschehen soll: durch Charismen, Lebensformen, Dienste und Ämter. Berufungspastoral bedeutet, (jungen) Menschen herauszufinden helfen, in welcher Berufung sie Christus darstellen dürfen. Diese Darstellung kann nur dann gelingen, wenn sie sich persönlich ganz hinein geben. Bei Funktionären „funktioniert“ das Evangelium nicht. Das Evangelium will persönlich eingefärbt werden; aber es darf nicht beliebig auf das Maß der eigenen Person verkürzt werden: Christus soll unverfälscht zur Darstellung kommen.