Priesterkandidaten

Geistlicher werden

„Da erwachte im Herrn die Leidenschaft für sein Volk -Priester für das 21. Jahrhundert“, so der Titel des Internationalen Symposions vom 16. -18.12.2002 in Paderborn. Jeweils nachmittags fanden Arbeitsgruppen statt, am Dienstag, den 17.12., zu den Themen Priesterbildung und Jüngerschule. 
Der Arbeitsgruppe B7 wurde die Frage vorgelegt: Wie wird man geistlicher / Geistlicher? Spirituelle Fundierung und Begleitung. Christian Kaiser, Alumnus im Priesterseminar Bamberg und Vorsitzender der Deutschen Seminarsprecherkonferenz, berichtet.

Begriffsklärung
Bevor genauer auf den Diskussionsstand in der Arbeitsgruppe eingegangen wird, soll eine kurze Definition des Begriffs Spiritualität folgen: Spiritualität ist „eine vom Glauben getragene und grundsätzlich die gesamte menschliche Existenz unter den konkreten Lebensbedingungen prägende `geistige´ Orientierung und Lebensform“ (Brockhaus Enzyklopädie, hrsg. von F. A. Brockhaus, Band 20, Mannheim19 1993, Seite 675). Viele Stellungnahmen in der Arbeitsgruppe lassen ein breites Verständnis des Begriffs Spiritualität erkennen.

Blickpunkt Spiritualität
Um einen besseren Einblick in den Sachverhalt zu gewährleisten, versuche ich, die Beiträge der Teilnehmer/-innen in drei Kategorien einzuordnen.
- Beobachtungen
Für die spirituelle Ausbildung im Seminar zeichnet der Spiritual verantwortlich. Dieser befindet sich in einer schwierigen Situation, da er Mitglied des Seminarkollegiums ist, das über die Eignung der Kandidaten zu befinden hat, an sich aber nichts Relevantes preisgeben darf. Obwohl die postmoderne Gesellschaft längst Einzug gehalten hat, auch bei Seminaristen / Alumnen, mangelt es in dieser Zeit nicht an geistlichen Erfahrungen. Diese suchen heutzutage in neuen Frömmigkeitsformen nach einem zeitgemäßen Ausdruck. Dagegen fällt es vielen Seminaristen / Alumnen schwer, über ihren eigenen Berufungs- und Lebensweg öffentlich zu sprechen. Zur spirituellen Begleitung im Seminar gehört auch die existentielle Frage des Zölibats. Dieser wird von unterschiedlichen Referenten/-innen in speziellen Vorträgen zwar oft thematisiert, so z. B. an Einkehr- oder Besinnungstagen, in allgemeinen Gesprächen unter direkt Betroffenen aber weitgehend tabuisiert.
- Auswertung
Bei der spirituellen Begleitung hat die Vertrauensbasis zwischen dem 

Spiritual und den Seminaristen / Alumnen allerhöchste Priorität; hinzu kommt eine sensible Einstellung auf den einzelnen Kandidaten. Die geistlichen Elemente werden durch Deutung im Licht des Evangeliums für das tägliche Leben fruchtbar. Hinter der Aussagelosigkeit traditioneller Gebetsformen, wie z. B. Anbetung oder Stundengebet, steht ein Desiderat an persönlichen Gebetserfahrungen. Dem Sprechen von, zu und über Gott müssen eine geeignete Haltung (habitare secum = bei sich selbst zu sein) und vor allem das Hören vorausgehen. Mit spiritueller Ausbildung ist auch die Vorbereitung der Seminaristen / Alumnen auf ein zölibatäres Priesterleben verbunden; aus dem Verzicht auf Ehe und Familie entsteht Raum für andere Felder.
- Schlussfolgerungen
Grundsätzlich sind alle Beteiligten gefordert, in einem Seminar für ein Klima zu sorgen, in dem Berufungen für die Kirche wachsen können. Dabei wird der Spiritual eine große Rolle spielen. Weil geistliche Begleitung über die Zeit der Ausbildung und die Person des Spirituals hinausverweist, sollte eine ausreichende Zahl von geistlichen Begleiter/-innen vor und nach der Weihe zur Verfügung stehen. Die Vielfältigkeit neuer Gebetsformen ist ernst zu nehmen, was aber nicht heißt, dass ursprüngliche Frömmigkeitsformen der Vergangenheit angehören müssen. Im Verlauf der gestuften Ausbildung treten immer wieder Grenzsituationen und Krisenzeiten ein, die auf dem Weg zu einem geistlichen Geistlichen gedeutet und fruchtbar gemacht werden müssen. Besonderes Augenmerk ist darauf zu richten, dass ein Klima von Achtung und Ehrlichkeit im Seminar angestrebt wird, in dem tabuisierte Fragen zu Sexualität und Zölibat offen zur Sprache kommen können. Hierfür kann die Spiritualsstunde Gelegenheit bieten.

Ausblick
Nachdem die Ergebnisse der Arbeitsgruppe vorliegen, kann an dieser Stelle ein kurzes Resümee stehen: Eine Aufgabe christlicher Spiritualität liegt wohl darin, aus der täglichen Flut von Reizen im Blick auf Jesus Christus geistliche Erfahrungen zu filtern; dazu bedarf es geschulter Begleiter/-innen, die über genug Glaubens- und Lebenserfahrung verfügen, um der Vielfalt an Berufungen gerecht zu werden. Welche Schlüsse für die Ausbildung in den Seminarien erfolgen, hängt von den Verantwortlichen auf den Entscheidungsebenen ab.
Im Rahmen der Veranstaltung war die Arbeitsgruppe B 7 für das Thema geistliche Ausbildung und Spiritualität ein würdiges Instrument zum Meinungsaustausch. Mein besonderer Dank gilt dem Erzbistum Paderborn und H. H. Regens Dr. Peter Klasvogt für die freundliche Einladung. Abschließend darf ich den Titel des Symposions nach meinem Empfinden neu fassen: „Da stieg in mir die Leidenschaft für meinen Gott“.