Priesterkandidaten

Stärken und Schwächen


Auf dem internationalen Symposion „Priester für das 21. Jahrhundert“ in Paderborn vom 16. - 18. 12.2002 fragte Prof. Dr. Isidor Baumgartner in einem Grundsatzreferat nach den Stärken und Schwächen der Priesteramtskandidaten (PAK). Baumgartner ist seit 1999 Prof. für Caritaswissenschaft an der Universität Passau, zuvor dort 24 Jahre Prof. für Pastoraltheologie. 
P. Werder SDS berichtet.

Seelische Gesundheit

Als erstes Ergebnis seiner Studien stellte Baumgartner fest: Im Hinblick auf die seelische Gesundheit liegen die PAK im Durchschnitt der Bevölkerung. Konkret: 68% der PAK befinden sich im Normalbereich. Das heißt, angehende Priester bilden keine Problemgruppe mit einer besondern Anfälligkeit für psychotische oder neurotische Störungen.

Stärken und Schwächen
E Innerhalb dieser Bandbreite des Gesunden unterscheiden sich die PAK nach Baumgartner vom Durchschnitt der Vergleichsgruppe der gleichaltrigen Männer in folgender Weise.
O Sie sind eher introvertiert, ihnen liegt die Innerlichkeit mehr als die Durchsetzung und die Geselligkeit.
O Sie sind eher emotional sensibel, d.h. sie können nicht so gut mit Belastungen umgehen. In Belastungssituationen zeigen sie sich überwiegend auf sich selbst zurückverwiesen, d.h. sie reagieren eher mit Selbstkritik, mit Schuldgefühlen oder Deprimiertheit. Sie trauen sich weniger eigene Entscheidungen zu und lehnen sich gerne an andere an.
OIm Hinblick auf die Verträglichkeit ziehen sie die Harmonie der Kontroverse und dem Widerspruch vor, sie können auch einmal auf ihr Recht verzichten. 
E Aus diesen Beobachtungen zieht Baumgartner folgende Schlüsse:
O Die erhöhte Introversion, Innerlichkeit ist eine gute Voraussetzung für einen geistlichen Weg, die Gefahr liegt im Einzelgängertum.
O Die erhöhte Sensibilität und Entscheidungsunsicherheit macht die PAK als Pastoralmanager nicht besonders geeignet. Diesem Aufgabenbereich stehen sie denn auch in realistischer Selbsteinschätzung skeptisch gegenüber.
O Die größere Verträglichkeit ist eine gute Voraussetzung für die Pastoral, aber diese Tugend darf nicht Ausdruck einer Schwäche sein, jemand muss im Inneren auch sagen können: ich könnte auch anderes.

Berufs- und Selbstbild
Deutlicher als an diesen Eigenschaften zeigt sich nach Baumgartner das Profil heutiger PAK allerdings daran, wie die PAK den Priesterberuf sehen, was sie persönlich bewegt, diesen Weg zu gehen, wie sie sich selber sehen. Hier machte er folgende Beobachtungen:
- PAK bilden unter den Theologiestudierenden die religiös intensivste Gruppe, es reizt sie die Faszination „Gott“, sie haben offenkundig einen Sinn für das Heilige. Baumgartner wörtlich: „Bei den PAK findet sich die kostbare Gabe einer `Gottesleidenschaft´ (Bischof Bode)“. Den zweiten Satz in diesem Zitat könnte man allerdings auch als kritische Anmerkung dazu verstehen: „Könnte sich durch Begleitung diese Gottesleidenschaft weiter entfalten in eine Leidenschaft für den Menschen, was könnte man sich von einem Priesteramtskandidaten mehr erwarten?“.
- Neun von zehn Kandidaten setzten Aufgaben in der Liturgie und Verkündigung an die erste Stelle, 43 % schließen andere Aufgabenfelder aus. Gemeindebildung und Diakonie sind jeweils bei 30 % im Blick, der Leitungsdienst ist bei einem Großteil der PAK nicht oder nur wenig im Blick. Hier müsse man sich, so Baumgartner, wohl im Hinblick auf die notwendige Leitungskompetenz in großen Seelsorgeeinheiten für die Zukunft auf ein beachtliches Konfliktpotential einstellen.
- PAK schätzen ihre Fähigkeiten im Vergleich mit anderen Theologiestudierenden gering ein. Das betrifft vor allem die Bereiche Führung und Kommunikation. Lediglich in der Empathie, andere zu begleiten, zu unterstützen, personnahe Situationen zu gestalten, haben sie durchschnittliches Zutrauen zu sich selbst.
- Die PAK weisen von allen Theologiestudierenden den höchsten Wert an traditionaler Orientierung auf, d.h. angesichts der gesellschaftlichen Komplexität suchen sie nach Sicherheit.
- 81 % der PAK empfinden, dass Priester zuwenig Zeit für Seelsorge haben. Sie erleben die Tätigkeiten der meisten Priester als massive Überbelastung. Es gebe heute nicht mehr so sehr die Angst des Theologen vor der Kirche als bevormundende Institution wie vor 20 Jahren, stellte Baumgartner fest, heute sei es die Angst vor der Überforderung durch die real existierenden pastoralen Strukturen.

Fazit des Referenten
Welche Priester haben wir in den nächsten Jahren zu erwarten? Menschen, die in einer intensiven Religiosität ihre Hauptaufgabe darin sehen, das Evangelium aufzuschließen, so dass es zur freudigen Überraschung wird (Bischof Wanke). Das ist der kostbarste Schatz.
Die schlechte Nachricht zum Schluss: PAK haben voraussichtlich mehrheitlich nicht ihre Stärken als künftige Pastoralmanager, sondern mehr als Priester überschaubarer, personenbezogener, konventioneller Gemeinden. Baumgartner süffisant: „Wenn Sie jetzt nicht Generalvikar sind, ist ihnen vielleicht auch dies eine gute Nachricht“.