Priestermangel

Weitergedacht

Prof. Dr. Paul M. Zulehner, Wien, und Bischof Fritz Lobinger, Südafrika, denken über einen ganz neuen Weg aus der Krise des Priestermangels nach.
Eine zusammenfassende Darstellung des neuen Modells gibt Zulehner in der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ Nr. 42/2002. Auszüge aus diesem Artikel, die der WEGBEREITER mit freundlicher Genehmigung des Herderverlages übernimmt, beschreiben im Folgenden die wesentlichen Aspekte des neuen Modells.

Bisherige Lösungsvorschläge
Es gibt bislang drei praktische Lösungsvorschläge, den drastischen Priestermangel zu verarbeiten, einen traditionellen, einen pragmatischen und einen reformistischen. 
- Traditionell: Das Gebet um mehr herkömmliche Priester aus der Gruppe eheloser akademisch gebildeter Männer soll verstärkt werden. Es sollen Priester aus priesterreichen Gegenden in priesterarme gehen; die Berufungspastoral und - als Teil von ihr - die Werbung für kirchliche Berufe soll intensiviert werden.
- Pragmatisch: (Hauptamtliche) Laien (und Diakone) übernehmen (zur Not) presbyterale Aufgaben. Als Begleitmaßnahme wird die Größe der Seelsorgeräume der verfügbaren Zahl von Priestern angepasst.
- Reformistisch: Die Gruppe, aus der Priester genommen werden, soll durch Änderung der Zulassungsbedingungen (Geschlecht, Ausbildung, Lebensform) vergrößert werden. Dadurch könnten die fehlenden Geistlichen rasch ersetzt werden.

Zwei Priestertypen

Wir machen einen vierten Vorschlag: Nicht die fehlenden Priester sollen rasch ersetzt werden, vielmehr soll der herkömmliche Priestertyp durch einen zweiten Priestertyp ergänzt werden. Inspiriert sind wir bei diesem Vorschlag durch die paulinischen Gemeindeberichte. Diese kennen gleichfalls zwei Priestertypen: einen gemeinde-gründerisch-missionarischen Typ - Paulus selbst - und in den einzelnen Gemeinden einen gemeindeleitenden, gottesdienstvorstehenden Typ - die Presbyter etwa in Korinth. Wir schlagen daher vor, diese beiden Priestertypen „Pauluspriester“ und „Korinthpriester“ zu nennen.
Das sind die entscheidenden Unterschiede zwischen den beiden Typen: Korinthpriester werden für priesterliche Aufgaben in jener Gemeinde bestellt, aus der sie kommen, und sie existieren immer als ein Team, nicht als Einzelne. Der erste Schritt ist dabei nicht die Suche nach einer Priesterberufung, die im Herzen der Einzelnen aufbricht, sondern es ist die Gemeinde, die gemeindeerfahrene Personen sucht (viri probati = bewährte Männer), die sie für das Priesteramt erwählt und die der Bischof in einem Gottesdienst in ein gemeindliches Presbyterium hineinweiht. Sie stehen der Eucharistiefeier vor und leiten aus deren Mitte her die Gläubigen, indem sie die Gemeinde, die sie erwählt hat, in der Spur des Evangeliums halten.

Pauluspriester wiederum wissen sich zunächst als Person zum Priesteramt berufen und werden dann zu einer amtlichen Aufgabe bestellt. Ihr Auftrag ist es, mit dem anvertrauten Evangelium Gemeinden zu gründen sowie gegründete Gemeinden und deren „Korinthpriesterteam“ zu begleiten.
Zu den beiden Priestertypen gibt es unterschiedliche Zugänge und Voraussetzungen. Die Pauluspriester kommen nach wie vor aus der Gruppe der ehelosen, akademisch gebildeten Männer (und in einer nicht bestimmbaren Zeit auch wohl der Frauen). Dieser Typ des Priesteramts wird zumeist hauptamtlich ausgeübt.
Die Korinthpriester hingegen kommen aus einem anderen Umfeld. Im Mittelpunkt steht jetzt die Gemeindeerfahrung, was sie in diesem und nur in diesem Sinn zu „viri probati“ macht. Möglich ist, dass sie verheiratet sind. Sie werden in ein gemeindliches Presbyterium hineingeweiht, in dem es vielleicht in unbestimmter Zeit auch Frauen geben wird; ihre Ausbildung ist wie ihre Fortbildung berufsbegleitend, die Ausübung dieses Priesteramtes ist im Normalfall ehrenamtlich.

Entspannung der Zölibatsdebatte
Die katholische Kirche könnte dann auch für die leidige Zölibatsdebatte einen überraschenden Ausweg finden. Sie braucht einerseits den Pflichtzölibat nicht aufheben. Dieser bleibt für die Pauluspriester bestehen. Andererseits gibt es daneben auch verheiratete Priester, aber eben eines anderen Typs. Die Lösung liegt daher nicht in der (liberal konzipierten) Freistellung des Zölibats, sondern in der (pastoral begründeten) Entwicklung des neuen Typs von Korinthpriestern. Das ergibt eine gewisse Wahlfreiheit für die ehelose Lebensform. Auf diesem Weg könnte dann auch eine entängstigte Zölibatspolitik erfolgen. Nach allen vorliegenden Studien wäre derzeit die Freistellung des Zölibats für Weltpriester zugleich dessen Abschaffung. So überrascht es nicht, dass in der griechisch-katholischen Kirche von den Weltpriestern mehr als 97 Prozent verheiratet sind.

Stärkung der Gemeindeentwicklung
Dieser Vorschlag, mit dem Priestermangel produktiv umzugehen, indem man ein Amt weiterentwickelt, hat einen weiteren Vorteil. Würden wir heute an die Stelle der fehlenden (ehelosen) Priester „viri probati“, in Ehe, Familie und Beruf bewährte Männer, setzen, wäre das mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit keine Förderung der längst in vielen Pfarreien noch ausstehenden inneren Gemeindeentwicklung. Korinthpriester soll es unserer Ansicht nach nur in gut entwickelten Gemeinden geben, die für die Grundvollzüge ihres Lebens und Wirkens handlungsfähige Arbeitsteams ausgebildet haben. Sie leben dann aus eigener Kraft und nicht durch das Wirken des zu ihnen gesandten Priesters. Pauluspriester wiederum sollten nicht nur Presbyterien von Korinthpriestern begleiten, sondern zugleich auch bevorzugt in weniger entwickelte Gemeinden geschickt werden. Dort könnten sie sich gemeindegründerisch betätigen, indem sie den Umbau von versorgten in selbstsorgende Gemeinden - vielleicht in Zusammenarbeit mit einer guten Gemeindeberatung - vorantreiben.

Kommentar
Von P. Konrad Werder SDS

Dem Vorschlag von Zulehner/Lobinger liegt die Vision einer selbst sorgenden Gemeinde zu Grunde. Zu einer solchen Gemeinde gehört auch, dass sie selbst nach Kandidaten für das Priesteramt Ausschau hält. Das wird heute auch von vielen Verantwortlichen in der Kirche angemahnt, aber sie machen oft nur wenige Aussagen zu Gestalt und Lebensform des Priesters, geschweige denn, dass sie über mögliche Veränderungen ein Wort verlieren.
Davor scheuen Zulehner/Lobinger nicht zurück. Sie denken kompromisslos von der Gemeinde her. Diese hat ein Recht auf die sonntägliche Eucharistie und überhaupt auf die Feier und den Empfang der Sakramente und sie hat ein Recht auf Priester und Seelsorger, die ihr räumlich und menschlich nahe sind. Um diese Rechte zu gewährleisten, rüsten sie das Priesteramt von Bedingungen radikal ab, die ein Hindernis für den Zugang zu diesem Amt darstellen oder eine abgehobene Stellung zur Folge haben könnten; radikal heißt, sie gehen weit über die übliche Forderung nach Abschaffung des Pflichtzölibats hinaus: auch auf die akademische Ausbildung könnte verzichtet werden, ebenso auf die Ausübung des Amtes als Vollzeitberuf und als Alleinverantwortlicher; um so konsequenter soll dieser Priester aus der Gemeinde hervorgehen und gemeindetauglich sein: die Gemeinde wählt ihn aus, und zwar nach dem entscheidenden Kriterium „Gemeindeerfahrung“, wozu dann wohl auch „Glaubenserfahrung“ gehört.
Der Bischof weiht die Kandidaten, d.h., dass auch er seine Zustimmung geben muss. So käme es zu einem neuen Zusammenwirken von Gemeinde und Bischof, in dem beide Seiten wirklich ernst genommen würden.

Probleme sehe ich darin, dass leicht zwei Klassen von Priestern entstehen könnten, einmal wegen der Unterschiede in der Ausbildung, aber auch, weil ein Aufstieg vom Korinthpriester zum Pauluspriester für Verheiratete nicht möglich wäre. Ich sehe auch die Gefahr, dass der Zölibat zur Voraussetzung für eine kirchliche Karriere würde, was gewiss für seine Glaubwürdigkeit nicht förderlich wäre. 

Wesentlich scheint mir der Ansatz bei der Gemeinde. Sie sollte nicht nur symbolisch beim Ritus der Priesterweihe gefragt werden, ob die Kandidaten „würdig“ sind, sie sollte in einem geregelten Verfahren wirklich befragt werden. Ebenso gibt natürlich der Bischof sein Urteil ab. So würde nur jemand geweiht, der im Konsens von Gemeinde und Bischof zugelassen würde. Das wäre eine ganz neue Zugangsbedingung, die mit Sicherheit zu neuen Qualifikationen von Priestern führen würde. Wahrscheinlich entstünde so auch eine neue Dynamik in der Welt der kirchlichen Berufe. Wenn es „nur“ um diese Zulassungsbedingung ginge, dann könnte auch ein Pastoralreferent ohne weiteres, aber auch ein Gemeindereferent oder Diakon, wenn er die nötigen Zusatzqualifikationen erwirbt, Priester werden, auch wenn er verheiratet wäre. So entstünde eine Ausfächerung des Amtes mit verschiedenen Profilen, ohne dass eine ungute Über- oder Unterordnung entstünde, weil die Stufen durchlässig wären. Und die Profile könnten wirklich geschärft werden, weil nicht der Beruf als solcher immer wieder nach dem Priesterberuf schielen müsste, wenn der einzelne sich frei entscheiden kann. 
Das Zulehner/Lobinger-Modell und viele andere Überlegungen zur Weiterentwick-lung der Berufe der Kirche hängen davon ab, ob sich die Kirche traut, Veränderungen am Pflichtzölibat vorzunehmen oder ihn ganz aufzuheben. Da dies heute und morgen wohl nicht der Fall sein wird, wird noch mancher bedenkenswerte Reformvorschlag wieder in der Schublade verschwinden.