Bischof Dr. Joachim Wanke, Erfurt

Priester einer evangelisierenden Kirche

Auf dem Symposion „Priester im 21. Jahrhundert“ im Dezember 2002 in Paderborn hielt Bischof Dr. Joachim Wanke, Erfurt, ein viel beachtetes Referat. P. Werder SDS fasst einen Schwerpunkt des Referates zusammen.

Bischof Wanke ist die missionarische Dimension der Kirche in Deutschland ein besonderes Anliegen. Bekannt ist sein Brief, der auch als Anhang in die Erklärung der deutschen Bischöfe „Zeit zur Aussaat - Missionarisch Kirche sein“ vom November 2000 Eingang gefunden hat. Dort schreibt Wanke: „Unserer katholischen Kirche in Deutschland fehlt etwas. Es ist nicht das Geld. Es sind auch nicht die Gläubigen. Unserer katholischen Kirche in Deutschland fehlt die Überzeugung, neue Christen gewinnen zu können“.

In einer Vorbemerkung zum Referat betonte Wanke: „Eine evangelisierende Kirche wird als ganze evangelisierend sein - oder überhaupt nicht“. Insofern gilt das, was er zum „Anforderungsprofil des Priesters in einer evangelisierenden Kirche“ sagte, zugleich auch für alle Christen. Ein Aspekt seines Referates soll im Folgenden herausgegriffen und in einer Zusammenfassung dargestellt werden: „In wacher Zeitgenossenschaft leben“.

Krise des christlichen Selbstbewusstseins

Verbreitet sei die Sichtweise, so Wanke, die derzeitige Entwicklung als eine Verfallsgeschichte des Christentums in unserem Land zu lesen. Dem entspreche ein Kulturpessimismus in der Gesellschaft, nach dem überhaupt alles nur bergab gehe; auf der andern Seite gebe es einen Zivilisationsoptimismus, der die Probleme gern bagatellisiere. Für das Christsein bedeute das, dass ihm der Cha-rakter des Selbstverständlichen genommen sei.
Den Kernpunkt der Verunsicherung als 
Christen und als Kirchen sieht Wanke in der sprunghaften Zunahme der Erfahrung, dass es neben dem Christentum auch andere Religionen bzw. säkulare Lebensdeutungen gibt. Wanke machte diese Erfahrung in einem sehr anschaulichen Bild deutlich: „Ein Ehemann entdeckt, dass es außer seiner Frau noch tausend andere liebenswerte Frauen gibt. Die Ursprungserfahrung einer Liebe, die sein Ja und seine anhaltende Treue zu dieser einen konkreten Partnerin begründet, verwandelt sich in eine Kontingenzerfahrung: Hier stehe ich - aber ich könnte auch ganz anders!“

Reaktionen auf die Verunsicherung
Bischof Wanke wörtlich: „Wir spüren im Innenraum der Kirche, wie diese hier kurz skizzierte geistige Horizontveränderung viele Gläubige verunsichert. Die einen antworten darauf so: Festhalten an allem, was die alten Sicherheiten stützen kann! In der Tat: Wer nur das Eigene kennt, wird dieses für das Einzige halten. Das nenne ich den Dogmatismus der Wenig-Gereisten (nach einem Ausdruck von Oscar Wilde: „dogmatism of the untravelled“), der Rückzug in ein geistiges Ghetto, der Weg der Abschottung, des geistigen Mauerbaus. Das hat freilich auf Dauer gesehen keine Zukunft.
Die (oft mit großem Einsatz und unter vielen Opfern erkauften) Freisetzungen des Menschen zu größeren Handlungsmöglichkeiten liegen m.E. in der Intention der Geschichte Gottes mit uns Menschen. ... Gott mutet uns aus gutem Grund Freiheit zu. Was nicht in Freiheit gedeiht, gedeiht überhaupt nicht! ...
Andere freilich schütten angesichts der Herausforderungen der Gegenwart das Kind mit dem Bad aus. Sie machen die Freiheit zur Beliebigkeit. Es ist - im Unterschied zum `Dogmatismus der Wenig-Gereisten´ die Beliebigkeit derer, die überall schon gewesen sind, die aber nichts mehr `erfahren´. Sie sind unfähig zum Erkennen des Eigenen, weil das Fremde ihnen nichts mehr zu sagen hat.“

Den Balanceakt wagen
Worauf es heute ankommt, formuliert Bischof Wanke so: „Für eine evangelisierende Kirche braucht es Priester (aber eben auch andere Christen), die die Freiheit nicht wegen des in ihr enthaltenen Risikos verketzern, die den Balanceakt eines Glaubensweges wagen, der Zumutungen bereit hält, der mit Irritationen und gelegentlichen Überforderungen verbunden sein wird. Es wird zum Profil eines Priesters morgen gehören, seinen Gottesglauben angesichts der Vielfalt anderer, durchaus respektabler Lebensentwürfe zu leben, religiöser wie nichtreligiöser. Der Priester wird ertragen müssen, dass der christliche Glaube angesichts der anderen Religionen und Weltanschauungen nicht von vornherein privilegiert ist. Er wird lernen müssen, seine Entschiedenheit für Gott angesichts andersartiger Entschiedenheiten tiefer und besser zu begründen. ... Kurz: Der Priester als Zeuge Gottes, der wie Paulus von sich sagen kann: `Der alte Paulus lebt nicht mehr, und mein neues Leben ist so durch und durch von Christus bestimmt, dass ich sagen kann: In mir lebt Christus. Noch lebe ich als sterblicher Mensch, aber mein wirkliches Leben besteht im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sein Leben für mich gegeben hat´ (Gal 2,20 Übers. K. Berger/Ch. Nord).