|
Fünf Personen gehören zur Lebensgemeinschaft im Pfarrhaus von St. Vinzenz in München-Neuhausen: (V.l.n.r.)Wendelin Lechner (35), Kaplan im Pfarrverband St. Vinzenz - St. Clemens, Ludwig Sperrer (33), Kaplan in Christkönig, München-Nymphenburg, Jutta Beer (27) und ihr Mann Andreas (32), Pastoralreferent im Pfarrverband St. Vinzenz - St. Clemens, mit Sohn Ludwig Kaspar (5 Monate). Entstanden war der Gedanke an eine Form gemeinsamen Lebens schon in den Jahren des Theologiestudiums, als die drei Männer noch im Priesterseminar wohnten. Dort gibt es schon seit vielen Jahren sogenannte „Lebensgruppen“. Die drei Freunde Lechner, Beer und Sperrer machten sich damals schon Gedanken, wie sie einmal im Dienst das Grundanliegen dieser Gruppen, in einem größeren Gemeinwesen Orte des persönlicheren Austausches zu bilden, verwirklichen und ausbauen könnten. Diese Freundschaft und dieser Gedanke blieb auch erhalten, als Beer den Weg zum Beruf des Pastoralreferenten einschlug und heiratete. Seit dem Einzug von Kaplan Sperrer im September 2001 ist die Gemeinschaft vollständig. Der WEGBEREITER besuchte die Gemeinschaft.
Gespräch: P. Werder SDS
Fotos. P. Soczynski SDS
Leben konkret
WB: Die vielleicht spannendste Frage zuerst: Wer kocht, wer macht den Haushalt?
Andreas Beer: Zuerst überlegten wir, ob wir eine Haushälterin brauchen, aber dann entschieden wir uns dazu, es einfach mal alleine zu probieren. Jetzt gibt es eine Mischung aus „jeder für sich“ und „eine/r für alle“. Das lässt sich gut regeln, denn es gibt bei uns keine gemeinsamen Räume wie in einem Kloster, sondern Wendelin und Ludwig und wir als Familie haben jeweils unsere eigene Wohnung.
Die gemeinsamen Punkte im Alltag sind zunächst die Mahlzeiten, vor allem das Mittagessen. Von Dienstag bis Freitag kommen wir reihum in einer der drei Wohnungen zu Mittag zusammen. Und der Hausmann oder auch die Hausfrau bereitet vor, kauft ein, kocht. Das geht sehr gut. Am Morgen läuft es etwas anders, da bleiben wir als Familie für uns, Wendelin und Ludwig beten gemeinsam das Morgenlob und frühstücken zusammen. Am Abend ist die Meditation um 17.30 im Meditationsraum ein wichtiger gemeinsamer Punkt.
Ludwig Sperrer: Aber das Leben besteht nicht nur aus dem Alltag. Am Abend kann es sein, dass einmal zwei oder drei miteinander ins Kino gehen, am Sonntagnachmittag kann auch die ganze Familie Beer an einer gemeinsamen Unternehmung teilnehmen. So etwas weiten wir dann gelegentlich auch in den freien Montag hinein aus. Dann steht öfter ein Besuch bei einem der drei Freunde auf dem Programm, die schon im Priesterseminar zu unserer Lebensgruppe gehört hatten: Ein Pfarrer in Mittenwald, ein Kaplan in Garmisch Partenkirchen, ein Redakteur bei „Christ in der Gegenwart“ in Freiburg.
Andreas Beer: Aber daraus machen wir keine feste Regel, wir haben schon festgestellt, sobald wir für die freien Zeiten feste Regelungen vorsehen wollen, klappt es nicht mehr. In unserer kleinen Gruppe können wir diese Dinge leicht von Fall zu Fall absprechen.
Wendelin Lechner: Unsere Lebensgemeinschaft ist also keine Mini-Ordensgemeinschaft. Unsere Flexibilität ist auch unsere Stärke, aber ganz ohne Prinzipien und feste Zeiten, an die sich jeder hält, soweit es geht, ginge es auch nicht. Eine feste Regel aber ist monatlich ein Sonntagnachmittag, an dem sich unsere Lebensgemeinschaft und die drei Freunde im Karmel von Dachau mit Schwester Veronika Schmitt treffen. Diesen festen Termin gibt es schon seit sechs Jahren.
Was bringt es - für die Pastoral?
WB: Und was bringt die Gemeinschaft für die pastorale Zusammenarbeit?
Ludwig Sperrer: Auch wenn ich in einer andern Gemeinde tätig bin, merke ich, dass ich von Ideen mit profitiere.
Andreas Beer: Als eine Bereicherung erfahre ich die tägliche gemeinsame Meditation, die das Alltagsgeschäft, das ja manchmal auch zermürbend sein kann, durch die Stille wohltuend unterbricht und auffängt. Oft sagen wir doch am Abend nach der Meditation: „Diese halbe Stunde Ruhe war jetzt ganz wichtig, das hat jetzt gut getan“.
Wendelin Lechner: Ich denke, dass sich auch mein privater Lebenshintergrund immer auch auf meine Arbeit auswirkt, auf mein pastorales Gestalten; ich hoffe auf jeden Fall, dass da immer eine Transparenz da ist. Dabei ist noch nicht klar, inwiefern sich das auch einmal ganz konkret auswirken kann. Träume und Vorstellungen gibt es da schon: Was kann so eine kleine Gemeinschaft, und wir verstehen uns durchaus als eine geistliche Gemeinschaft, wenn auch im weiteren Sinne, für Spuren hinterlassen in der Pfarreiarbeit? Das ist noch ein Weg, der vor uns liegt, aber in diese Richtung möchte ich denken. Vorläufig geht es aber noch um ganz konkrete Konzepte, z.B. für die Firmvorbereitung im Pfarrverband, das jetzt Andreas und ich im Wesentlichen miteinander entwickelt haben.
Ludwig Sperrer: Ich möchte noch mal auf den Ideenaustausch zurückkommen. Der ist vor allem für Andreas und Wendelin angesagt, die im gleichen Pfarrverband arbeiten, da falle ich etwas heraus. Aber so wertvoll für uns so etwas wie eine pastorale Bildungsgemeinschaft ist, wichtiger ist für mich der menschliche Rückhalt, Heimat, geistliche Heimat.
WB: Und er findet damit Zustimmung von allen.
… für das geistliche Leben?
WB: Und was bringt die Gemeinschaft für das spirituelle Leben?
Wendelin Lechner: Wir sind kein Orden, wir sind ein Kind der diözesanen Ausbildung, d.h. wir kennen uns alle, außer Jutta, vom Priesterseminar her, wir waren da schon in der Lebensgruppe zusammen, waren ein Freundeskreis, das liegt jetzt auch schon acht Jahre zurück. Ich denke, wir haben zwei Wurzeln, da ist zum einen etwas Benediktinisches, Abt Odilo von St. Bonifaz hat uns lange Zeit begleitet. Dieser Kontakt besteht noch immer, so gibt es jedes Jahr ein Wochenende mit Abt Odilo im Kloster Andechs. Die andere Wurzel ist der Karmel und die Karmelspiritualität.
WB: Was meint „Karmelspiritualität“?
Andreas Beer: Ich will eine Antwort versuchen. Es ist in erster Linie die Entdeckung der Meditation, des Gebetes der Ruhe, das Bemühen, von den Worten wegzukommen. Es geht darum, wie es Theresa eben sagt, Gott als Freund zu entdecken, Jesus als Freund, es geht um diese Beziehung, die ich ihm widme, gerade auch im schweigenden Gebet, sich Zeit nehmen, verweilen beim Freund. |
Wendelin Lechner: Ich kann das Gesagte nur unterstreichen. Karmelspiritualität meint das absichtslose Verweilen bei Gott, kontemplatives Beten; das wollen wir lernen bei Theresa von Avila und Johannes vom Kreuz. Da ist Schwester Veronika für uns wichtig, als jemand, die uns das Denken, die Erfahrungen dieser Heiligen übersetzt. Dabei gehen wir an die Schriften so heran, dass jeder etwas vorbereitet; aber dann geht es darum, nicht einfach zu referieren, sondern auch mitzuteilen: was sagt mir das jetzt ganz existentiell für mein Leben, freut mich das, ärgert mich das? Und darüber tauschen wir uns dann aus. Gerade beim letzten Mal war es wieder sehr praktisch: Theresa beschreibt einige Gebetsschritte und spricht dann beim Gebet der Ruhe über die Gedankenstürme, die da einem auch kommen und wie man dann umgehen kann mit den Seelenkräften, wie sie es nennt. Das ist eine relativ konkrete Erfahrung, die jeder hat und mit der man auch umzugehen lernen muss. Diese Spiritualität prägt auch die Gestaltung unserer täglichen Abendmeditation, in der die Stille ein wesentliches Element ist: Lied zum Beginn, ein Schrifttext wird vorgelesen, 20 Minuten Stille, Lied zum Abschluss.
Unterschiede als Bereicherung
WB: Hat ein Mittagessen so viel Platz, dass sich jeder einbringen kann? Wie geht es da Ihnen, Frau Beer?
Jutta Beer: Es ist schon klar, dass nicht jeder immer so viel dran kommt wie er es vielleicht gerade bräuchte. Ich kann jetzt nur für mich sprechen. Ich finde es eher wohltuend, wenn die drei Männer da sind und ich dann nicht nur die ganzen Geschichten im Kopf habe, die den kleinen Ludwig betreffen, da bin ich dann froh, dass ich auch mitkriege, was „draußen“ passiert, dass ich teilhabe an etwas, was eigentlich auch so meins ist; durch die Jugendarbeit war ich ja auch immer wieder in den Pfarreien drin.
Wendelin Lechner: Ja, das ist ja auch für mich eine Horizonterweiterung, wenn ich erlebe wie ihr Familie werdet. Es ist spannend, das auch hautnah mitzuerleben, nicht nur bei einem gelegentlichen kurzen Treffen, wenn zum Beispiel eure Augen so klein sind, weil die Nacht halt wieder einmal sehr kurz war.
Was mir aber noch ganz wichtig ist, in diesem Gespräch zu sagen: Jeder ist seinen eigenen Weg gegangen, Andreas ist dann aus der Schiene „Priesterwerden“ ausgestiegen, hat geheiratet und ist Pastoralreferent geworden. So ist unsere Gemeinschaft jetzt auch berufsübergreifend und darin kommt eine große Wertschätzung der neuen pastoralen Berufe zum Ausdruck.
Andreas Beer: Das sehe ich auch so. Ich verstehe mich nie so als Pastoralreferent im Unterschied zum Priester, ich verstehe uns in erster Linie als Seelsorger, klar jeder mit seinem Profil und seinem Aufgabenbereich, aber als solche, die gemeinsam versuchen, in der Gemeinde, was voranzubringen, Seelsorge zu machen.
Gut für den Gefühlshaushalt
Wendelin Lechner: Wir haben sicher auch den Vorteil, dass wir uns schon lange kennen, wir kennen unsere Stärken und unsere Schwächen, wir können miteinander umgehen, auch mit Konflikten, das halten wir aus.
WB: Aber es kann auch eine Herausforderung sein, wenn man sich schon so gut kennt, es besteht ja auch die Gefahr, dass man den andern in eine bestimmte Schublade steckt, daraus können auch handfeste Konflikte entstehen.
Wendelin Lechner: Ja, das ist wahr, aber ein Schuldkapitel war jetzt noch nicht notwendig.
Ludwig Sperrer: In diese Richtung geht vielleicht ein bisschen mein Gedanke. Ich finde es auch in unserer Zeit, in der man von so vielen Priestern hört, die auch scheitern, auch auf Grund des Alleinseins, dass es immer mehr an der Zeit ist, dass man eben nicht nur für sich allein dahinlebt, sondern dass man sich um Aspekte von Gemeinschaft bemüht. Ich habe mir unter Gemeinschaft schon auch immer wieder vorgestellt, dass man hier auch Korrektur erfährt, und das ist auch so. Diese Korrektur ist wichtig, dass man gerade als einzelner nicht beginnt, schrullig zu werden, oder dass man nicht mehr auf sich schauen würde. Es tut gut, wenn man ein Problem hat, dass man auch darauf angesprochen wird, dass man sich nicht am Mittagstisch beim Suppenlöffeln den Kopf zermartert, sondern dass man das einfach jemand erzählen kann; oder dass mir der Wendelin ansieht, dass mir heute die Mundwinkel herunter hängen und dass er fragt: „Du, was ist los?“. Das ist wichtig, um nicht in Suchten zu verfallen, die das Leben nicht tragen.
WB: Vita Communis ist eine Form, zölibatär zu leben. Können Sie sagen, dass in dieser Vita Communis, ein Stück weit wenigstens, erlebbar wird, was schließlich für unser aller Gefühlshaushalt wichtig ist: Wahrgenommensein, Geborgenheit, Zuhausesein?
Wendelin Lechner: Genau das.
Ludwig Sperrer: Das kann ich nur unerstreichen.
Zölibat
WB: Wäre das überhaupt ein Modell, wie Zölibat heute plausibel werden könnte?
Ludwig Sperrer: Als Begründung für den Zölibat sicher nicht, aber um den Zölibat plausibel in unser Zeit zu leben, ist es glaube ich schon ein Weg, den die Menschen eher verstehen können. In vielen Gesprächen mit Freunden, die jetzt mit dem, was wir machen, überhaupt nichts zu tun haben, habe ich gemerkt, dass die das interessant finden. Die bekommen ja die Probleme, die Priester haben, über die Medien auch mit und sie merken, dass das ein Weg ist, der in dieser Weise ganz sinnvoll sein kann.
Wendelin Lechner: Ich würde prinzipiell sagen, dass nicht jeder, der sich für ein zölibatäres Leben entscheidet, automatisch zum Scheitern verurteilt ist, das wäre sicher eine falsche Weise, den Zölibat zu sehen, auf der anderen Seite würde ich es jedem wünschen, dem sich eine solche Möglichkeit auftut, das auch auszuprobieren.
WB: Verbinden Sie mit Ihrer Vita Communis ein Anliegen, wollen Sie damit etwas erreichen?
Wendelin Lechner: Also ich bin immer vorsichtig, weil ich nicht hochstapeln möchte. Wir alle wissen, dass die Situation von Glaube und Kirche nicht unbedingt rosig ist, dass es um das geistliche Leben nicht besonders gut steht - , aber das weiß ich gar nicht so genau -, nein, es bleibt einfach das schlichte Zeugnis: Es macht Sinn, ja sogar Spaß, als Priester zu leben, wenn man sich eine solche Kultur aufbauen kann.“
|