Paul M. Zulehner zu den Ergebnissen seiner Priesterstudie PRIESTER 2000© (vgl. S. 16-17)

Keine falschen Schlüsse!

Grundstimmigkeit
Zwei Drittel der befragten Priester sind mit ihrem Dienst und ihrem Leben „grundstimmig“. Grundstimmig nennt die Studie PRIESTER 2000© einen Priester, der beruflich zufrieden ist, sich wieder für den Priesterberuf entscheiden würde, und der auch einem jungen Menschen raten würde, Priester zu werden.
Dieses Ergebnis hat nicht nur überrascht, sondern wurde sehr rasch auch kirchenpolitisch benützt. Wenn die Priester so grundstimmig sind, dann könnten ihnen im Zuge der - wegen des bedrängenden Priestermangels notwendigen - seelsorglichen Strukturreformen zusätzliche Aufgaben zugemutet werden. Die ohnedies grundstimmigen Priester könnten mehr Pfarreien übernehmen. Zudem sei es unnötig, sich über den mit dem Priesteramt verbundenen Zölibat Gedanken zu machen. 
Beide Folgerungen werden den komplexen Ergebnissen der Studie nicht gerecht. Vielmehr lassen sie befürchten, dass die Grundstimmigkeit der Priester falsch gedeutet und aus ihr schädliche Folgerungen abgeleitet werden.

Zölibat: Wertschätzung und fehlende Unterstützung

Beispiel Zölibat: Laut Umfrage stimmt es zwar, dass eine satte Mehrheit der befragten Priester viele gute Gründe für das ehelose Leben haben. Zugleich aber meinen sie, dass die abverlangte Lebensform (neben der Angst, der „hohe“ Beruf könne sie überfordern) es nicht wenigen jungen Menschen schwer mache, den Weg zum Priesterberuf einzuschlagen. Vor allem meinen die meisten Priester, dass es in der Kirche hinsichtlich des Zölibats eine Doppelbotschaft gebe: die Kirchenleitung erwarte seine Annahme, das Kirchenvolk wie die moderne Kultur leiste aber keinerlei Unterstützung dabei. Nicht wenige Priester meinen deshalb auch, dass junge Menschen auch dann den Zölibat nicht annehmen würden, wäre er freigestellt: Denn sie fänden dabei keinerlei Unterstützung. Nicht der Zölibat belastet daher die Mehrzahl der Priester, sondern das Fehlen der Unterstützung.

Entlasten statt belasten
Beispiel Berufszufriedenheit: Die Grundstimmigkeit bietet keinerlei Anlass dazu, Priestern im Zuge des Umbaus der Seelsorgestrukturen noch weitere Belastungen zuzumuten.
Die aufgedeckte Grundstimmigkeit ist nämlich der Ausdruck eines labilen Gleichgewichts zwischen wahrgenommenen Stärken im priesterlichen Dienst, erlittenen Belastungen im persönlichen und kirchlichen Leben sowie vielfältigen menschlichen und spirituellen Verarbeitungsressourcen. Zum Zeitpunkt der Umfrage haben die Stärken und die spirituellen Kräfte die wahrgenommenen Belastungen der Priester sichtlich bei einer großen Zahl ausgeglichen. Noch?

Es gibt Gründe zu vermuten, dass zumal im Zuge des Umbaus der pastoralen Kirchenstrukturen (auf Grund des wachsenden Pfarrermangels) sich der Akzent innerhalb der Stärken merklich verlagert. Die Hauptstärke, von der viele Priester leben, ist die seelsorgliche Begleitung von Menschen entlang ihrer Lebensgeschichte, von der Wiege bis zur Bahre. Sobald aber die neuen Raumordnungspläne vollendet sein werden, werden die Priester nicht mehr Seelsorger an der Seite der Menschen sein, sondern den Großteil ihrer Kraft und Zeit mit dem Management großer Seelsorgeeinheiten verbringen. Damit wird die Balance zwischen Stärken (Gratifikationen) und Belastungen (Irritationen), die zur Zeit bei den meisten Priester zu Gunsten der Gratifikationen ausschlägt, in Richtung der Irritationen verschoben werden. Das wird vorhersehbar ihre Grundstimmigkeit verringern.

Fürsorgepflicht für Priester
Die Kirche, die von Gott berufene Männer für den priesterlichen Dienst annimmt, übernimmt mit deren Weihe eine Fürsorgepflicht. Hauptverantwortlich dafür ist und bleibt der Ortsbischof. Gerade Bischöfe müssten auf Grund ihrer Fürsorgepflicht verhindern, dass die immer weniger und zugleich älter werdenden Priester immer mehr belastet werden. Seine Pflicht ist Sorge um Entlastung. 

Vielleicht ist das eines der wichtigsten Ergebnisse der Studie, die Strukturen der Kirche so zu gestalten, dass der priesterliche Dienst menschlich zumutbar bleibt und Freude machen kann. Es ist dabei unzulässig zu meinen, Spiritualität sei ein Ersatz für eine priesterfreundliche Kirchenpolitik - etwa mit der Formel: Man muss die Spiritualität der Priester stärken, damit sie die Strukturreform aushalten können. 

Für die Priester sorgen heißt, sich um mehr Priester zu sorgen
Statt Arbeitsräume der Priester ständig auszuweiten und die Arbeit der Priester zu entpersonalisieren wird es dringend notwendig sein, dass es für die nach wie vor vorhandenen gläubigen Gemeinden mehr Priester gibt. Dafür kann - was ja schon immer geschehen ist, gebetet werden; es lässt sich auch noch mehr und zielsicherere Werbung für den Priesterberuf machen; was weniger weiterführt ist, noch mehr Priester aus anderen pastoralen Kulturräumen zu importieren. Was aber, wenn das alles zu keiner Mehrung der Priesterzahlen und damit zur Entlastung der Priester führt? Dann kann die Kirche gar nicht anders, als nach anderen Lösungen auszuschauen. 

Mehr dazu in: Zulehner, Paul M.: „Ihr ladet den Priestern Lasten auf“ (nach Lk 11,46). Priester im Kirchenumbau. Weitere Folgerungen aus der Studie RIESTER 2000©, Ostfildern 2002 (in Vorbereitung).