Träume von Gott 

Die Berufung Samuels

Die Geschichte der Berufung Samuels (1 Sam 3,1-10, vgl. den Text auf S. 22) spricht heute viele an, die auf der Suche nach ihrer Berufung sind, aber auch jene, die andere bei dieser Suche begleiten. Barbara D. Leicht vom Kath. Biblewerk Stuttgart legt die Stelle aus.

Suchen, fragen, tasten
Er ist geübt darin, aufmerksam und bewusst zu leben. Er achtet auf seine Träume. Er weiß, dass darin Botschaften stecken können, die am Tag nicht bei ihm „ankommen“ (können). Aber diesmal lassen ihn seine Träume ratlos zurück. Immer wieder schreckt er nachts hoch. Immer der gleiche Traum. 
Und auch sein geistlicher Begleiter weiß keinen Rat. Es dauert, bis dem älteren, erfahrenen Mann deutlich wird, dass in diesen Träumen ein Anruf Gottes ist, ein Anruf an den jungen, noch unerfahrenen Mann.

Die biblische Erzählung von der Berufung des Samuel, der später der erste große Prophet Israels werden wird, ist kein Text, der von einer wunderbaren Berufung erzählt, in der alles klar ist und Samuel mit einem Schlag seinen Weg vor sich sieht. Nein, es ist eine Erzählung von Suchen und Fragen, Tasten und in die Irre gehen. Sie erzählt von einem jungen Mann, der immer wieder davon träumt, dass er gerufen wird. Zweimal läuft er zu seinem Begleiter, weil er meint, dieser rufe ihn. Aber der schickt ihn wieder schlafen. Erst beim dritten Mal wird der Begleiter hellwach und erkennt, dass in den Träumen Gott zu Wort kommt. Und so rät er jetzt dem Jungen: Geh wieder schlafen. Aber wenn du ein viertes Mal gerufen wirst, dann sage: Rede, Herr, dein Diener hört.

Der biblische Text hat drei Schwerpunkte: 
- Die Geschichte einer Berufung, der Berufung Samuels,
- die Geschichte einer geistlichen Begleitung
- und die Geschichte eines äußerst hartnäckigen, immer wieder überraschenden Gottes. 

Träume, die aufhorchen lassen
Eigentlich scheint alles klar zu sein. Samuel, geboren nach einer langen Zeit des Wartens und Betens, wird aus Dankbarkeit bereits als Kind von seinen Eltern Gott geweiht und zum Heiligtum in Schilo gebracht. Schilo ist zu dieser Zeit, der Vor-Königszeit in Israel, ein bedeutendes Kultzentrum, Aufbewahrungsort der kostbaren Bundeslade, dem Heiligtum Israels vor dem Bau des Tempels in Jerusalem. 
Hier in Schilo wird Samuel von Eli, einem erfahrenen Priester erzogen. Der ältere Mann wird zu seiner Ansprechperson und zu seinem Begleiter.
Dass Gott durch Träume spricht, ist in der Bibel nichts Ungewöhnliches. Vielfach wird davon erzählt, von Josef zur Zeit der Geburt Jesu (Mt 1 und 2), von Jakob, der im Traum eine Himmelstreppe sieht (Gen 28). Träume, nicht nur nächtliche Träume, auch Tagträume, Sehnsüchte können den Weg weisen, wo die eigene Bestimmung liegt, die im Sinn Gottes für mich ist. 

Aber Samuel erkennt die Bedeutung seiner Träume nicht. Denn „in jenen Tagen waren Gottes Worte selten“. Und der Anruf Gottes ist keine Berufung in einer überwältigenden Vision, in der von vornherein alles klar zu sein scheint; so überwältigend, dass Menschen keine andere Wahl haben (- obwohl selbst in solchen Berufungen Gott gewöhnlich noch so viel Raum gibt, dass die Berufenen Einspruch erheben können, Mose tut dies sogar fünf Mal! -). Gerade bei Samuel wird deutlich, dass Gott auch leise spricht, oft „undeutlich“ für den Menschen. Es benötigt einen Weg der Aufmerksamkeit, des Suchens, Tastens, auf dem der Mensch allmählich offen wird, reift auf seine Bestimmung hin.
Dabei ist es für Samuel völlig selbstverständlich, mit Eli über seine nächtlichen Erfahrungen zu sprechen. Er braucht einen Gesprächspartner.

Wach werden
Es ist nicht nur eine Erzählung über eine Berufung, es ist auch eine Erzählung über geistliche Begleitung. Eli, ein erfahrener Priester, der den Jungen erzieht, kennt ihn gut. Dennoch erkennt auch Eli die ersten beiden Male die Bedeutung der Träume des jungen Mannes nicht. Erst beim dritten Mal „dämmert“ es Eli.

Eli hat nicht sofort eine Antwort parat. Er geht ein Stück des Suchens zusammen mit Samuel. Die Bibel erzählt hier, dass auch (erfahrene) geistliche Begleiter nicht perfekt sind, sie können sich irren. Auch sie suchen und fragen. Geistliche Begleitung meint gemeinsam einen Weg gehen, im Gespräch bleiben, über Erfahrungen, Träume reden zu können, die über den Alltag hinaus gehen.

So kommen Eli und Samuel auf den Weg. Es ist schließlich Eli, der Samuel darauf hinweist, dass der Ruf von Gott kommen könnte.

Ein hartnäckiger Gott
Ich weiß nicht, ob Samuel oder Eli aufmerksamer hätten sein können, oder gewesen wären, wenn „in jenen Tagen nicht Worte des Herrn selten“ gewesen wären. 
Aber dann hätte die Bibel nicht von der Hartnäckigkeit Gottes erzählt, der es immer wieder versucht, immer wieder zu Wort kommt, in der Unruhe, im Traum, im Gespräch und darauf setzt, dass irgendwann Menschen wach werden, für sich selbst, für ihr Leben und für Gott. Gott bleibt hartnäckig, auch wenn Menschen zunächst bei seinem Anruf „schlafen“.

Barbara D. Leicht, Dipl.-Theologin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Katholischen Bibelwerk e.V. in Stuttgart. Langjährige vielfältige Erfahrung in der religiösen Erwachsenbildung und Publikationen im Bereich der biblischen Theologie, praktischen Bibelarbeiten, Frauen und Spiritualität..