Pflichtzölibat

Von P. Anselm Grün, Benediktiner der Abtei Münsterschwarzach

Eigene Erfahrungen
Wenn ich als Ordensmann einige kritische Bemerkungen zum Pflichtzölibat mache, möchte ich vorher ausdrücklich feststellen, dass ich das Charisma der Ehelosigkeit hoch schätze. Seit 37 Jahren bin ich Ordensmann. Natürlich gab es auch in meinem Ordensleben Phasen, in denen ich mich nach einer Frau gesehnt habe. Aber immer wenn ich diesen Wunsch zu Ende gedacht habe, spürte ich, dass das ehelose Leben im Orden für mich stimmig ist. Wenn ich heiraten würde, würde ich wesentliche Seiten meiner Person nicht leben. Für mich ist Ehelosigkeit ein wichtiger Weg, spirituell lebendig zu bleiben. Ehelosigkeit ist aber für mich nur zu leben, wenn ich meine tiefste Heimat in Gott habe, wenn ich in guten menschlichen Beziehungen lebe und wenn mir mein Leben Raum lässt für Phantasie und Kreativität. Wenn das Leben Frucht trägt, dann ist die Sexualität auch integriert. Denn Sexualität will vor allem Fruchtbarkeit.
Seit zehn Jahren begleite ich Priester und Ordensleute, die für drei Monate zu uns ins Recollectiohaus kommen, weil sie entweder ausgebrannt sind, oder in Konfliktsituationen stehen oder weil sie sich fragen, ob sie die Ehelosigkeit des Priesters noch weiterhin authentisch leben können. 

Wechselnde Zustimmung 
Wir müssen das Charisma der Ehelosigkeit und den Pflichtzölibat unterscheiden. Das Charisma der Ehelosigkeit ist in der Kirche seit den ersten Anfängen hochgeschätzt worden und soll auch in Zukunft lebendig bleiben. Das Charisma ist in der Kirche ein Stachel, der sicher dazu beigetragen hat, die mystische Dimension des Christentums zu vertiefen und auch die wahre Bedeutung der Sexualität zu bedenken. Im Anfang war das Priesteramt nicht mit dem Zölibat verbunden. Das geschah im Laufe der Kirchengeschichte, mit wechselndem Erfolg. Immer wieder wurde der Zölibat den Priestern eingeschärft. Das ist auch ein Zeichen dafür, dass es immer wieder Probleme damit gab. Anspruch und Wirklichkeit klafften immer wieder auseinander. 
In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts wurde der Zölibat von der Bevölkerung hochgeschätzt. Das war für viele Priester eine gute Stütze. Eine andere Stütze für die Ehelosigkeit der Priester war die Situation im Pfarrhaus. Da lebte der Pfarrer mit dem Kaplan und der Haushälterin zusammen. Manchmal waren noch andere Personen Glieder der Gemeinschaft im Pfarrhaus. Heute leben viele Pfarrer allein in einem großen Haus. Und der Zölibat wird nicht nur von der kritischen Presse, sondern auch von vielen frommen Christen in Frage gestellt. So fühlt sich der Priester in seiner Ehelosigkeit nicht mehr von der Gemeinde getragen. 


Für die freie Entscheidung
Von meiner Erfahrung mit Priestern plädiere ich dafür, den Zölibat frei zu stellen. Für viele Priester ist die Ehelosigkeit eine geeignete Lebensform, ihren Dienst in der Gemeinde mit vollem Engagement zu leisten. Allerdings muss man dann die Voraussetzungen bedenken, damit die Ehelosigkeit authentisch gelebt werden kann. Die Ehelosigkeit wird ihm nur gelingen, wenn er eine gesunde Lebenskultur entwickelt, wenn er einen intensiven spirituellen Weg geht und wenn er gute menschliche Beziehungen erlebt. Für andere Priester wäre es sinnvoll zu heiraten. Wenn der Zölibat freigestellt wäre, gäbe es nicht mehr die heimlichen Beziehungen zwischen Priestern und Frauen, die vor allem die Frauen sehr verletzen. Denn auf Dauer kann man keine heimliche Beziehung leben. Eine sexuelle Beziehung will immer auch Öffentlichkeit. Manche Priester verbrauchen sehr viel Energie, um ihren Zölibat leben zu können. Sie kreisen ständig um dieses Problem. Diese Energie fehlt ihnen für ihre Aufgabe als Seelsorger. Die Freigabe des Zölibats wäre insgesamt für die Kirche ehrlicher. Sie wäre frei von dem Vorwurf, nach außen hin den Zölibat zu verteidigen und dann doch den manchmal ungelebten Zölibat zu decken. 

Mehr Berufungen
Vor allem aber wäre es für die Kirche gut, wenn sie auf diese Weise mehr priesterliche Berufungen hätte. Denn ein Teil der Anwärter zum Priestertum gibt diesen Weg wegen der Zölibatsprobleme wieder auf. Viele gute Pastoralreferenten könnten zum Priester geweiht werden. 
Ich kenne viele Priester, die ihre Aufgabe sehr gerne erfüllen. Sie kennen keinen besseren Beruf, in dem sie ihre vielen Begabungen so kreativ einsetzen können, wie den Priesterberuf. Aber sie werden blockiert durch ihre Auseinandersetzung mit dem Zölibat. Sie haben in der Jugendarbeit die schönen Seiten des Priesteramtes gesehen. Daher haben sie sich für diesen Beruf entschieden. Aber sie haben den Zölibat nicht bewusst bedacht. Sie haben ihn nur in Kauf genommen und gehofft, dass sie ihn schon irgendwie leben können. Doch dann geraten sie in Schwierigkeiten. 
Allerdings muss man auch zugeben, dass mit der Freigabe des Zölibates nicht alle Probleme gelöst sind. Denn auch die Priesterehe bringt Probleme mit sich. Das zeigt die hohe Scheidungsrate evangelischer Pfarrer. Aber insgesamt würde eine Atmosphäre von Offenheit und Ehrlichkeit entstehen, in der das Charisma der Ehelosigkeit nicht nur für Ordensleute - für die steht die Ehelosigkeit gar nicht in Frage - , sondern auch für Priester neue Faszination ausüben könnte.