Das Gebet, ein Dienst? Für wen? Beten, weil ich es versprochen habe, also nicht nur aus innerem Bedürfnis heraus? - Beim Beten denken die Menschen meist zuerst an sich, das ist bei uns Christen oft nicht viel anders als bei jenen Zeitgenossen, die in Religion und Spiritualität zuerst nach einer Form der Selbstverwirklichung suchen. Gebet als Dienst, das ist eine ungewohnte Perspektive, aber sie ist ein wesentliches Element kirchlichen Betens wie z.B. des Stundengebetes. Es lohnt sich, über das Besondere dieses Betens nachzudenken.
Herwig Gössl (33), Pfarrer von Hannberg und Weisendorf bei Erlangen (6 000 Katholiken), Erzdiözese Bamberg, war bereit, aus seinen Erfahrungen mit dem Stundengebet zu erzählen. Mit ihm sprach P. Werder SDS, Fotos: P. Soczynski SDS.
WB: Welche Rolle spielt für Sie Spiritualität in Ihrem Leben, in Ihrem Berufsalltag?
Herwig Gössl: Für mich war schon immer die Feier der Eucharistie sehr wichtig, was jetzt natürlich auch berufsbedingt noch an Bedeutung gewonnen hat. Auch das Stundengebet ist mir wichtig. Ich sehe aber die große Gefahr, dass das Ganze äußerlich erstarrt und innerlich nicht mitwächst. Es ist ein Dienst, den man tut, aber die innere Beteiligung, das gläubige Dabeisein geschieht nicht immer zur eigenen Zufriedenheit.
WB: Wie bringen Sie das Stundengebet in Ihrem Pfarrers-Alltag überhaupt unter?
Herwig Gössl: Ja, das ist wirklich eine gute Frage. Konkret sieht das bei mir so aus, dass ich am Morgen nach dem Aufstehen eine Zeit dem Stundengebet widme, Laudes (Morgenlob), Lesehore (Geistliche Lesung), also bevor überhaupt etwas losgeht, der Rest dann eben am Abend. Dazwischen ist wenig Zeit, vor allem die Regelmäßigkeit fehlt, denn jeder Tag ist anders strukturiert. Aber die Zeit am Morgen ist mir gewiss und die am Abend auch, selbst wenn ich da natürlich manchmal schon erschöpft bin, aber ich halte daran fest, auch wenn es dann schon mehr ein Vorlesen ist.
WB: Das heißt, es ist dann manchmal ein „für Gott vorlesen“.
Herwig Gössl: Ja, aber auch, wenn es dann nur noch das ist, so ist doch die Zeit dafür reserviert. Das ist nicht optimal, aber mehr bleib manchmal nicht übrig.
WB: Was tun Sie dafür, dass das Gebet doch lebendig bleibt?
Herwig Gössl: Mir ist die Verbindung zum Kloster Einsiedeln sehr wichtig. Ich habe dorthin gute Kontakte. Die Mönche beten nicht das monastische, sondern das römische Stundengebet, d.h. im wesentlichen wie der Weltpriester. Das ist eine sehr schöne Verbindung. Ich fühle mich da mit ganz konkreten Menschen verbunden, wenn ich das Stundengebet bete. Das ist mir sehr wichtig, gerade auch beim Durchhalten, wenn es manchmal schwer wird. Es ist ja nicht so, dass das Stundengebet für mich immer eine große geistliche Bereicherung darstellt. Ich weiß nicht, ob es das überhaupt gibt, dass jemand das Stundengebet immer so als große Bereicherung erfährt. In diesen eher schwierigen Phasen ist es einfach schön zu wissen, man ist miteinander verbunden. Deshalb fahre ich auch in der Regel einmal im Jahr nach Einsiedeln, um diese Verbindung nicht absterben zu lassen.
Immer wieder passiert es auch, dass ein Psalmwort, das man schon hundertmal so mitgebetet hat, plötzlich ins Schwarze trifft, eine ganz persönliche Lebenssituation berührt.
WB: Bleiben sie dann bei diesem Wort stehen?
Herwig Gössl: Gedanklich bleibe ich dabei stehen, aber ich vollende dann doch das Gebet wie es vorgesehen ist. Wenn etwas ins Herz trifft, bleibt man ja dabei, auch wenn die Worte weiterfließen.
WB: Es gehört also einfach auch dazu, das ganze Pensum zu beten, ganz gleich, ob ich jetzt gerade ganz drin sein kann oder nicht.
Herwig Gössl: Ja, das würde ich schon sagen. Es ist ja nicht nur meine Privatfrömmigkeit, es ist für mich auch Gottesdienst. Ich kann ja auch nicht die Messe einfach abbrechen, wenn mich dabei etwas persönlich berührt.
WB: Es geht Ihnen also nicht nur um Ihre persönliche Befindlichkeit.
Herwig Gössl: Nein, nicht nur. Deswegen ist mir das Stundengebet allein auch ein bisschen zuwenig, aber die Zeit, mich eine halbe Stunde hinzusetzen für ein stilles Gebet, diese Zeit nehme ich mir zu selten. Ich halte solche Zeiten über das Stundengebet hinaus für wichtig, Zeiten in denen meine Empfindungen mehr ihren Platz finden können, in denen ich dabei verweilen kann.
WB: Das Stundengebet ist also eine Form von Gottesdienst, das mag noch eingehen, dass aber bei einem Gottesdienst meine Gefühle und Befindlichkeiten nicht das Wichtigste sind, das können heute sicher viele nicht verstehen.
Herwig Gössl: Beim Stundengebet fühle ich mich als Mitbeter der ganzen Kirche, in diesem Bewusstsein gehe ich in der Regel auch in dieses Gebet. Das ist nicht nur eine Kraftquelle für mich, sondern ich bete es auch für andere mit, als Gebet der Kirche. Für andere, die vielleicht nicht beten können oder die vielleicht solche Empfindungen haben wie sie in den Psalmen angesprochen werden wie z.B. Zorn oder Trauer oder Krankheit, die ich jetzt nicht habe - das bringe ich mit vor Gott. Es ist wie bei der Eucharistiefeier, die ich ja auch für alle mitfeiere. So sehe ich das Stundengebet. Es ist ein Gebet der Kirche für die Menschen, in das ich mich einklinke, in das ich mit einstimme.
Es ist auch das Gebet Jesu. Auch diese Dimension steckt in diesem Gebet, er hat ja selbst diese Psalmen gebetet. Es ist auch ein Beten mit ihm.
WB: Für die Menschen. Haben sie dabei bestimmte Menschen vor Augen?
Herwig Gössl: Ja, sicher. Oft sind es Menschen aus der Pfarrgemeinde. Man bekommt ja doch viel mit an Freude und Leid. Da ist das Psalmengebet dann schon ein Reichtum: Was da an Leben drin steht, das erleben Menschen heute noch genauso wie vor 3000 Jahren. Auch die Glaubensprobleme sind angesprochen, die viele Menschen haben oder die man ja selber auch manchmal hat.
WB: Insofern ist für Sie das Stundengebet einfach auch ein Dienst.
Herwig Gössl: Ein Dienst, den ich versprochen habe. Wenn ich gelegentlich zu einer Diakonenweihe komme, dann höre ich es ja wieder, und dann denke ich daran, dass ich das auch selber versprochen habe.
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WB: Fühlen sie sich umgekehrt mitgetragen, wenn sie daran denken, dass Ihr Gebet das Gebet der Kirche ist, dass immerhin noch viele andere in diesem Sinne beten?
Herwig Gössl: Ja, wie soll ich sagen, ich fühle mich wohl dabei, wobei „Wohlfühlen“ jetzt nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal für´s Beten ist, aber dadurch, dass ich mich dieser Gemeinschaft der Betenden anschließen kann, fühle ich mich irgendwo getragen. Wenn mir darüber hinaus dann auch noch Einsichten geschenkt werden, dann freue ich mich darüber. Aber es ist nicht so, dass ich dauernd mit dieser Erwartung hingehe, denn dann würde ich eben so und so oft enttäuscht. Das wäre schlimm, dann würde ich es wahrscheinlich aufgeben, weil das zu wenig ertragreich wäre. So erlebe ich es.
WB: Noch einmal: Für viele ist es nur schwer nachvollziehbar, dass Beten Sinn macht, auch wenn es mir selbst gerade nichts bringt.
Herwig Gössl: Das liegt natürlich auch daran, dass das kirchliche Bewusstsein sehr stark im Schwinden ist bzw. schon verschwunden ist. Was Kirche von ihrem Selbstverständnis her ist, das können ja viele nicht mehr verstehen. Das betrifft dann auch das Gebet oder genauso die Eucharistiefeier, zu der man hingeht, „wenn man es braucht“. Ich sage manchmal zu den Brautleuten: Was meinen Sie wie das traurig wäre, wenn die Leute nur in den Gottesdienst kämen, wenn sie es brauchen. Was wäre das für ein Trauerspiel, wenn nur solche kämen, die es jetzt gerade brauchen, die in irgendeiner Notsituation sind. Dass man einfach da ist füreinander und für Gott, füreinander vor Gott, dieses Bewusstsein ist nicht da. Deshalb ist auch das Wesen des Stundengebetes, aber auch noch manches Andere in der Kirche für viele Menschen heute so unverständlich.
Gebet für und mit jungen Menschen
WB: Der Weltgebetstag für geistliche Berufe steht dieses Jahr unter dem Leitwort: „Weil Du mir wertvoll bist … Berufungen ins Gebet nehmen“. Wie weit nehmen Sie die Sorge um Berufungen in ihr Gebet?
Herwig Gössl: Ich habe Bezug zu einigen Priesterkandidaten. Ihre Fragen und Probleme beschäftigen mich sehr. Auch die jungen Leute in der Pfarrgemeinde. Man kann ja Berufungen nicht machen, aber den Herrn immer wieder bitten, dass er doch vielen das Herz öffnen möge, damit sie hören. Ich denke, dass er viele ruft und sie hören es nicht, weil so vieles laut ist um sie herum. Wenn Jugendliche sich abwenden, ohne Grund, wenn sie mit Kirche keine schlechten Erfahrungen gemacht haben, aber einfach weg sind, weil Freunde oder die ganze Umgebung sie wegzieht wie ein Magnet - da denke ich dann: warum? - Das wird dann zum Gebet.
WB: Gibt es in Ihren Gemeinden Formen, in denen sie dieses Anliegen in ihr Gebet hineinnehmen?
Herwig Gössl: Wir haben seit zwei Jahren wieder den monatlichen Gebetstag für geistliche Berufe eingeführt mit einer Anbetung nach dem Abendgottesdienst und das ist auch von den Leuten angenommen worden. Wir haben in diesem Anliegen auch schon zweimal Gebetsnächte gestaltet in Zusammenarbeit mit der Diözesanstelle Berufe der Kirche, was dann die Gläubigen selbst in die Hand genommen haben.
WB: Also da ist doch eine Offenheit in den Gemeinden da.
Herwig Gössl: Grundsätzlich schon, aber ich weiß nicht wie es wäre, wenn ein junger Mann sagen würde, ich möchte Priester werden, wieweit die Offenheit in der Familie dann da wäre. Gerade auch durch die Erfahrungen, dass in den letzten Jahren einige ihr Amt aufgegeben haben, haben viele Eltern einfach Angst, dass ihr Kind diesen Weg gehen könnte und eventuell ähnlich Schiffbruch erleiden würde. Da ist eine große Skepsis da, auch bei den guten Kirchgängern. In den Medien wird ja Kirche in der Regel ebenfalls unter negativen Vorzeichen abgehandelt.
WB: Wie sehen Sie dann die Zukunft der Berufungen, was ist zu tun?
Herwig Gössl: Man muss jungen Menschen die Möglichkeiten geben, Kirche zu erleben wie sie ist, nicht wie sie in den Medien dargestellt wird und auch nicht als Großunternehmen mit tollen
Freizeitangboten, sondern wirklich als Ort, wo man zu Christus finden kann, wenn man sich einlässt. Jugendliche einladen zu einfachem Gebet. Wir haben das im Advent gemacht, einmal in der Woche am Abend eine Stunde. Es kommen schon einige, und vielleicht findet mancher da für sich persönlich einen Zugang und lebt bewusster als Christ. Vielleicht hört er auf diese Weise, wenn der Herr ihn ruft; anders, glaube ich, geht es nicht. Alles andere wäre Werbung, aber für diesen Beruf kann ich nicht werben wie für andere.
WB: Es geht also nicht nur darum, für junge Menschen zu beten, sondern auch mit ihnen.
Herwig Gössl: Da waren für mich auch die Weltjugendtage eine gute Erfahrung. Ich bin ja sonst nicht besonders begeistert von solchen Großveranstaltungen, aber ich habe gesehen, wie sich die jungen Leute schon in den Vorbereitungstagen in großen Gruppen auf das Gebet, auf die intensive geistliche Atmosphäre einlassen konnten. Später bei einem Jugendausflug kam die Rede auch auf den Zölibat und ein Mädchen meinte, sie könne nicht verstehen, wie man so leben könne. Da antwortete ein anderes Mädchen, das bei den Weltjugendtagen dabei war: „Seit ich in Rom war, kann ich das verstehen.“ Das heißt nicht, dass sie jetzt einen kirchlichen Beruf ergreifen will, aber sie hat ein Verständnis dafür entwickelt. Nur auf diese Weise kann man Menschen aufschließen für dieses Leben, für diese Berufung. Durch Diskussionsrunden kann ich das nicht erreichen.
Buchhinweis:
Gisbert Greshake, Priestersein in dieser Zeit, Theologie - Pastorale Praxis - Spiritualität
440 Seiten, Verlag Herder, Freiburg 2000, ISBN 3-495-27802-2, DM 49,80
Rainer Birkenmaier, Gott öffnet Türen, Priesterberufung ins Gespräch bringen
Broschüre mit 26 Seiten, zu beziehen über die Diözesanstellen Berufe der Kirche oder direkt beim Zentrum für Berufungspastoral Freiburg,
Schoferstr. 1, 79089 Freiburg, Fax: 0761/3890669
Gianfranco Ravasi, Du hörst doch mein Rufen? Mit Psalmen beten
130 Seiten, Verlag Neue Stadt, München 1999, ISBN 3-87996-502-1, DM 19,80
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