„Bittet also den Herrn der Ernte…“ (Mt 9,38)

„Stellenanzeige“ für die Mitarbeit am Reich Gottes

Von Claudio Ettl, München

„Wir suchen eine/-n engagierte/-n Mitarbeiter/-in… Wir erwarten… Wir bieten…“ Woche für Woche füllen solche Angebote mit Stellenbeschreibungen, Anforderungsprofilen und Verdienstaussichten die Zeitungsseiten. Je mehr eine Branche boomt, desto größer scheint der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften. 
Über weite Strecken sind auch die Evangelien nichts anderes als „Stellenausschreibungen“ - Anzeigen, mit denen um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geworben wird. Schon zur Zeit der Urgemeinde entsprach das Angebot an Arbeitskräften keineswegs der besonderen Bedeutung der Aufgabe. Daran hat sich seither wenig geändert. 
Das Schriftwort Mt 9,35-38 steht beim Thema „geistliche Berufe“ immer wieder im Mittelpunkt. Das Bild von der großen Ernte und den wenigen Arbeitern (Mt 9,37f/Lk 10,2) scheint dabei besonders geeignet, die derzeitige Situation zu beleuchten. Wer es jedoch nur als Klage über einen (tatsächlichen?) Mangel an geistlichen Berufungen versteht, angesichts dessen nur noch Beten helfe, übersieht seine Grundaussage. Mt 9,35-38 ist kein resignativ-jammernder Text, sondern enthält zentrale Aussagen über Merkmale und Konsequenzen der Nachfolge Jesu. Diese betreffen nicht nur kirchliche Berufe im engeren Sinne, sondern alle Christinnen und Christen. 

1. Nachfolge? - Mit-Gehen und Nach-Machen! (Mt 9,35)
Unser Text bildet gleichsam ein Scharnier zwischen zwei wichtigen Teilen des Mt-Evangeliums: Während in den Kapiteln 5-9 von Jesu Predigt und seinem Wunderwirken die Rede war, kommen nun die Jüngerinnen und Jünger stärker in den Blick. So erhalten sie nach ihrer Berufung in einer längeren Rede Jesu ihre „Arbeitsaufträge“, die sich mit der Kurzformel „Verkündigen und Heilen“ zusammen fassen lassen. Mitarbeit am Reich Gottes meint also nichts anderes als das, was Jesus selbst vorbildlich tut (vgl. 9,35 mit 10,2-8). Nachfolge heißt Mit-Gehen und Nach-Machen. 

2. Trotz beklagenswerter Umstände - Kein Jammern! (Mt 9,36)
Bei seinem Wirken in Galiläa wird Jesus mit dem beklagenswerten Zustand der Menschen konfrontiert (Mt 9,35f). „Sie waren wie Schafe ohne Hirten“, mit diesem in der Bibel häufiger begegnenden Bild (Num 27,17; Ez 34,5f u.öfter) bezeichnet Matthäus ihre Orientierungslosigkeit. Doch ist Jesu Reaktion darauf weder Ärger, noch Resignation oder gar larmoyante Klage. Er empfindet vielmehr Mitleid - der griechische Text spricht wörtlich davon, dass es ihm „an die Nieren“ geht. Nachfolge muss die Menschen im Blick haben, sie ist Sendung und Mission.

3. Große Ernte und wenige Arbeiter - Jetzt ist die Zeit! (Mt 9,37)
Bevor die Jünger ihre Instruktionen erhalten, werden sie, wieder mit Hilfe eines Bildes, schonungslos über die Situation und das Ziel ihrer Mission aufgeklärt. Die Metapher der Ernte steht für das endzeitliche Gericht, das Gott als Herr der Geschichte halten wird (Jes 24,13; 27,12). Im Munde Jesu erhält dieses ursprünglich zukünftige Bild jedoch einen besonderen, präsentischen Akzent. Die Zeit der Ernte ist jetzt, in der Gegenwart. Mit dem Anbruch der Gottesherrschaft, den Jesus verkündet, hat die Ernte begonnen. Zugleich klingt jedoch im Erntebild ein unangenehm-bedrohlicher Aspekt an: Jetzt ist die Zeit der Entscheidung und des Gerichts gekommen! Deshalb drängt die Zeit, was durch den Kontrast zwischen der großen Ernte und den wenigen Arbeitskräften zusätzlich unterstrichen wird.

4. Mitarbeit am Reich Gottes - Arbeiter sein und um Arbeiter bitten! (Mt 9,38)
Beim Gebet um zusätzliche Arbeitskräfte wäre nach jüdischem Verständnis an Engel Gottes (vgl. Mt 13,39!) oder an Gott selbst zu denken (letzterer wird aber als Herr der Ernte bezeichnet). An unserer Stelle sind es wohl die Jünger, die dadurch jedoch in einer seltsamen Spannung zu stehen scheinen: einerseits sollen sie Gott um die Aussendung von Erntearbeitern bitten, andererseits sind sie selbst diese Arbeiter. 
In der Gebetsaufforderung an die Jünger wird die besondere Bedeutung des Gebetes für die Nachfolge sichtbar: Was Jesus schon in der Bergpredigt des Matthäus formulierte, wird hier noch einmal wiederholt: Gebet und Bitte sind die Basis der missionarischen Arbeit der Jünger. Nachfolge Jesu lebt also aus der bittenden Hinwendung zu Gott. Freilich ist damit nicht ein passives Bitten gemeint, das alles göttlichem Handeln überlässt. Christliches Gebet ersetzt nicht menschliches Handeln, vielmehr bildet es seine Grundlage.

Mt 9,35-38 ist gleichsam eine Stellenanzeige, die ohne Beschönigung Größe und Schwierigkeit wie mutmachende Perspektiven der Arbeit am Reich Gottes benennt.

Claudio Ettl, geb. 1967, ist Diplom-Theologe und derzeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für neutestamentliche Exegese an der Universität München beschäftigt. Außerdem Tätigkeit in der Erwachsenenbildung.