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„Weil du mir wertvoll bist ? Berufungen ins Gebet nehmen“ ist das Jahresthema im Blick auf den Weltgebetstag für geistliche Berufe. Schwester Diethelma Conze (Franziskanerin vom Kloster Oberzell, Würzburg), das 10. Jahr im Referat Geistliches Leben, Diözesanstelle Berufe der Kirche in Würzburg tätig, ist Sozialpädagogin mit Schwerpunkt Beratung und Sonderpädagogik und Supervisorin. Regina Urbon vom Volksblatt Würzburg sprach mit Sr.
Diethelma.
Regina Urbon: Mit welchen Anliegen kommen junge Menschen zu Ihnen?
Sr. Diethelma Conze: Es sind junge Erwachsene im Alter von ca. 20 Jahren aufwärts, die auf der Suche sind nach ihrem Weg, ihrer Lebensform oder sie wollen ihr Leben aus dem Glauben heraus gestalten. Da ist die Gruppe junger Leute, die aufgrund ihres jugendlichen Alters noch nicht recht wissen, wer sie sind, was sie wollen oder wie sie ihr Leben einmal für andere einsetzen können. Ein anderer Grund, Begleitung zu suchen, kann in ihrer Lebensgeschichte liegen. Sie haben z.B. wenig Bestärkung erfahren im Sinne von: Du, ich mag Dich; ich freue mich, dass Du da bist, Du bist mir wichtig. Mangelndes Urvertrauen lässt sie an sich selbst zweifeln. Außerdem gibt es die UmsteigerInnen, die mit etwa 40 noch mal neu schauen, vielleicht schon mal ein Stück Weg in einem Orden oder Priesterseminar gingen und das war's dann doch nicht. Oder die sich ganz neu orientieren, wenn sie beispielsweise im Büro oder als Krankenschwester arbeiten und sich viel ehrenamtlich in der Kirche einsetzen, satteln z.B. auf Gemeindereferenten/-referentinnen um. Oder auch junge Menschen, die zwar schon eine Entscheidung getroffen haben und jetzt auf dem Weg zur Priesterweihe oder Profess sind. Es kann aber auch um diejenigen gehen, die bisher in einem kontemplativen Orden waren und nun eine andere Form suchen, z.B. einen apostolischen Orden, weil sie da mehr mit Menschen in Kontakt kommen und ihren Beruf ausüben möchten oder auch umgekehrt. Die meisten kommen über Mundpropaganda zu uns. Die durch die Begleitung ihren Weg gefunden haben, ermutigen andere dazu.
R.U.: Kann ein Mensch wertvoll sein, ohne, dass er „benotet“ wird?
Sr. Diethelma: Er kann nicht nur wertvoll sein, sondern ist es. Nur können viele nicht so recht daran glauben. Meine Erfahrung ist, dass junge Leute sehr leistungsorientiert sind. Sie bringen häufig die Erfahrung mit: „Nicht ich bin wertvoll, sondern, was ich bringe, ist gefragt“. So ist das Selbstwertgefühl geschwächt. Das sind lange Wege, bis so ein Mensch sich selbst als wertvoll und liebenswert annehmen kann.
R. U.: Wie versuchen Sie jungen Menschen klar zu machen, dass sie wertvoll sind?
Sr. Diethelma: Ich setze da nicht beim Bewerten an, sondern in einem Langzeitprozess verwende ich viele Bausteine: In einem ersten Schritt lasse ich gerne die Schätze und die Schattenseiten im Leben entdeck-en. Oder: Was macht mein Leben wertvoll? Was macht es schwer? Beide Seiten werden ins Wort oder auch durch Malen in Farbe und Symbole gebracht. Das Negative soll nicht verdrängt, sondern mit positiven Augen angeschaut werden können. In einem zweiten Schritt gehe ich ganz bewusst auf die positiven Seiten ein. Dafür lassen wir uns lange, lange Zeit. Das Negative darf auch kommen, aber ich bestärke das Positive. Oft lasse ich dann drei Dinge am Tag aufschreiben: „Wofür kann ich heute danken?“ Oder wir meditieren den Schöpfungsbericht: „Gott sah an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut“ (Gen 1,3 1). Gott sieht mich an, was er da gemacht hat. Es ist gut! Oder ich lasse sie mit den Schatz im Acker umgehen (Matth. 13,44): Schätze, die der junge Mensch in sich entdeckt. Oder denken Sie an den Begriff „Segen“: Ich bin für jemanden ein Segen - ich fühle mich gebraucht oder jemand ist für mich ein Segen. Es braucht eine Entscheidung, mit welcher Seite - mit der lebensverneinenden oder lebensbejahenden - ich mich mehr beschäftige. Denn ich glaube an das Wort von Heinrich Spaemann: „Was ich im Auge habe, das prägt mich; dahin werde ich verwandelt. Ich komme, wohin ich schaue“.
R. U.: Aber auch das Theologiestudium oder das Studium der Sozialpädagogik endet mit Prüfungen - immer wird bewertet.
Sr. Diethelma: Sie meinen hier die Prüfungsangst und wie damit umgehen. Diesbezüglich habe ich schon verschiedentlich Exerzitien im Alltag mit Erfolg ausprobiert. Die Betreffenden stellen sich einen strukturierten Tagesablauf mit
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Lerneinheiten jeweils bis zu einer Stunde und klaren Pausen auf. Der Morgen beginnt mit einer stillen Zeit, um den kommenden Tag bewusst auf Gott hin auszurichten, wozu ich Hilfen anbiete. Am Abend wird der Tag mit einem Rück-blick, verbunden mit einem Spaziergang abgeschlossen. Dadurch wird für ausreichende Bewegung und Sauerstoff gesorgt und der Tag, so wie er war, abgegeben. In den regelmäßigen Gesprächen, möglichst wöchentlich, werden die Erfahrungen besprochen. Solche Langzeit-Vorbereitungen über Wochen oder Monate geben innere Ruhe, Sicherheit und immer wieder neuen Auftrieb. Auf diese Weise vorbereitete Examen verliefen durchwegs gut bis sehr gut. Für mich ist das so etwas wie Seelenhygiene.
R. U.: Kann ein Mensch seinen Wert nur erkennen, wenn er an Gott glaubt?
Sr. Diethelma: Meiner Meinung nach ist jeder Mensch religiös. Wenn er zu seinem tiefsten Wesen kommt, trifft er auf eine Schicht, wo er sagt: „Es ist gut“. Da erfährt er Gott, auch wenn er es gar nicht so benennt.
R. U.: Es gibt also nur eine Berufung durch Gott?
Sr. Diethelma: Ja. Wenn ein Mensch auf sich hört, auf die leisen Impulse - wenn er sich selbst gegenüber gehorsam ist - dann ist er auch Gott gegenüber gehorsam. Ich erinnere mich an eine Krankenschwester, mit der ich zu tun hatte, weil ich meinen Arm gebrochen hatte. Der Gips war zu eng und ich ging nochmals zurück ins Krankenhaus. Sie habe zwar keinen Glauben, bemerkte sie, aber jeden Tag ein gutes Werk wolle sie schon tun, und so legte sie mir einen neuen Gips an. Wir sprachen über diese positive Kraft in ihr, die für mich etwas Göttliches sei. Sie war erstaunt, dass dies etwas mit Religiosität zu tun hat.
R. U.: Beten Sie bei dieser begleitenden Arbeit?
Sr. Diethelma: Ja. Wir nehmen Berufungen ins Gebet. Wir beten, wenn es gewünscht wird oder in der Situation passt. Die Leute kommen zum Gespräch hierher: Das hat den meisten Raum. Doch die Offenheit für den Geist Gottes, er als Dritter in diesem Gespräch lässt das Gespräch zum Gebet werden. Es ist die Gewissheit, Gott ist dabei und geht mit. Ich sehe meine Rolle als Perlensucherin
(Matth. 13,46). Die kostbaren Perlen im Menschen möchte ich wahrnehmen und herauslocken damit das Echte wachsen kann. Für religiöse Menschen bedeutet das, dass sie sich dem Geist Gottes anvertrauen, täglich mit ihm in Verbindung treten, um diese leisen Impulse wahrzunehmen.
R. U.: Um was beten, bitten Sie?
Sr. Diethelma: Um Offenheit, um zu erkennen, wo der Geist Gottes hinführt, was für mich und was für den anderen dran ist, dass wir beide für die Wahrheit offen sind. Es ist ein Prozess der Menschwerdung.
R. U.: Sie begleiten Menschen ein Stück ihres Weges. Kann es sein, dass keine Entscheidung gefunden wurde, wenn sich Ihre Wege eines Tages wieder trennen?
Sr. Diethelma: Ich kann mich kaum an eine Begleitung erinnern, wo nicht wichtige Entscheidungen getroffen wurden. Freilich können Begleitungen auch so abgeschlossen werden oder offen bleiben oder später, nach längerer Zeit, wieder weitergehen.
R. U.: Was war Ihr prägendstes Erlebnis dabei?
Sr. Diethelma: Für mich klingen die Begleitungen immer stark nach, wenn Leute mit viel Chaos in sich kommen und dann mit einer inneren Ordnung weggehen, so dass ich diese Klarheit sehen kann. Wenn sich die Dinge erhellen, weil sie aus anderen Perspektiven betrachtet werden. Das sind Sternstunden in meinem Berufsleben. Häufig gehe ich selbst als Beschenkte aus den Gesprächen. Die Offenheit und die Zeugnisse der Menschen lassen mich erfahren, dass Gott mit geht.
R. U.: Wie sind Sie selbst auf diesen geistlichen Beruf gekommen?
Sr. Diethelma: Ich selbst habe seit 1971 - nach einer eigenen Krise, nach dem Konzil - gute Begleiter. Keiner war moralisch oder setzte mich unter Druck, im Gegenteil: Sie entdeckten Fähigkeiten in mir, zum Beispiel diejenige, zuhören zu können, differenziert zu schauen, tiefere Schichten wahrzunehmen, Schätze zu heben - das ist mein Charisma. Diese Erfahrungen wollte ich an andere weitergeben.
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