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Blinder Fleck
Wenn vom Beten des Christen die Rede ist - und das heißt in einer Zeit angefragten Glaubens oft erst einmal von seinen Gebetsnöten - und wenn dann verschiedenste Zugänge, Hilfen und Formen gesucht werden, wird in diese Wegsuche nur selten das Stundengebet der Kirche einbezogen. Das ist zwar von unserem Herkommen aus verständlich, weist aber doch auf einen blinden Fleck im Glaubensbewusstsein hin.
Grundsätzlich weiß sich die Kirche von ihren Anfängen an als ganze eingeladen und berufen, sich am Beten Jesu zu orientieren und es gemeinsam fortzuführen. In seine unmittelbare personale Beziehung zu seinem Vater bezieht er im Vaterunser jene mit ein, die von ihm beten lernen wollen. Wenn sich die Kirche so an das Beten Jesu anschließt, darf sie sich dabei verbunden wissen mit ihm, der lebt und allezeit für uns eintritt (Hebr 7,25).
Ursprung und spätere Engführung
Diese Gebetsgemeinschaft mit Jesus Christus und das Gebet zu ihm, dem erhöhten Herrn, realisieren die Christen der Frühzeit nicht nur in privatem Gebet, sondern auch in regelmäßigen gemeinsamen (Wort-)Gottesdiensten. Zu solchen Gebetsversammlungen treffen sie sich in jenen Jahrhunderten, in denen die Werktagsmesse nicht allgemeiner Brauch war, am Morgen und am Abend; dies in Fortführung alttestamentlichen und jüdischen Brauchs. Und solche Gemeindegottesdienste sind die Ursprungs- und Angelpunkte des späteren Stundengebetes. Diese Ursprünge machen zugleich deutlich, warum heute offizielle Dokumente von der „Stunden- oder Tagzeitenliturgie“ und von der „Feier des Stundengebetes“ sprechen; es ist Gottesdienst der Kirche.
Später bereicherten klösterliche Gemeinschaften das Stundengebet durch weitere Gebetszeiten im Tageslauf und gaben ihm festere Strukturen. Sie waren auf diese Weise bestrebt, der Heiligung des Tages und des Lebens eine Form zu geben. An der späteren Engführung zu einer speziellen „Kloster- und Klerusliturgie“ und zum „Brevier“ sind verschiedene Umstände beteiligt. Am unmittelbarsten einsichtig ist der Faktor der sogenannten „Sprachbarriere“: Das von Klöstern und Klerus beibehaltene Latein schloss die Gemeinden weithin von einem verständigen Mitvollzug aus und führte zu einer folgenschweren Trennung zwischen der überlieferten liturgischen Spiritualität und der Frömmigkeit des Volkes, das sich seine eigenen Formen suchen musste.
Kurskorrektur
Das Zweite Vatikanische Konzil hat Kurskorrekturen eingeleitet. Eine grundlegende besteht darin, dass der Feier in Gemeinschaft der Vorrang eingeräumt wird, weil in solcher Gemeinschaft Kirche sichtbar wird und ihr in besonderer Weise die Gegenwart Christi gilt, die er denen zusagt, die in seinem Namen versammelt sind
(Mt 18,20).
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Inzwischen sind vielerorts Teile des Stundengebetes bekannte Größen im kirchlichen Leben geworden: In Bildungshäusern beginnen Gemeinschaften den Tag mit den
„Laudes“; Gemeinden beschließen bestimmte (Fest-)Tage mit der Gemeindevesper; junge Leute übernehmen Bausteine des Stundengebetes in freierer Form in eine „Frühschicht“ oder Jugendvesper usw. - Solche Erfahrungen machen deutlich, dass die Einzelbeter im Lande - Priester, Diakon, Ordensfrau oder Ordensmann - in die Gebetsgemeinschaft der Kirche eingebunden sind. Sie sind aber auch für manchen, der nicht dazu „verpflichtet“ ist, eine Anregung, es auf seine Weise mit dem Stundengebet zu versuchen; sei es, dass er sich eine Zeit lang in diese tragende Gebetsgemeinschaft „einklinkt“ oder dass er deren Gebetsschatz als „Steinbruch“ benutzt und den einen oder anderen Baustein für sein Gebet entnimmt: einen Psalm, der gerade seiner persönlichen Situation entspricht, und/oder eine Kurzlesung, die der entsprechenden Tagzeit entnommen ist, und/oder Anregungen aus den abschließenden
(Für-)Bitten, womit auch schon hauptsächliche Elemente der Tagzeiten benannt sind.
Wenn das Stundengebet so wieder stärker in das Blickfeld der ganzen Kirche tritt, kann das in mehrfacher Hinsicht dienlich werden: Manchem Christen kann es eine Hilfe werden für sein privates Beten. Den zum Stundengebet Verpflichteten hilft es, ihr „Pensum“ realistischer und gefüllter als „Gebet im Namen der Kirche“ zu verstehen. Und es wird deutlicher, dass Gott die Kirche als ganze „zum Lobpreis seiner Herrlichkeit bestimmt“ hat
(Eph 1,12).
Kleines Stundenbuch
Hrsg. von den Liturgischen Instituten Salzburg, Trier und Zürich. Teilbändchen für die jeweilige Zeit des Kirchenjahres:
- Advent und Weihnachtszeit
- Fasten- und Osterzeit
- Im Jahreskreis
Grundlagen und Hilfen für die gemeindliche Feier bieten:
A
Paul Ringseisen
Morgen- und Abendlob mit der Gemeinde, Freiburg 1992, 2. Aufl. und
A
Guido Fuchs
Singet Lob und Preis, Regensburg 1993
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