Die Öffnung der Heiligen Pforte und das Heilige Jahr

Ein Jahr der offenen Tür

Mit dem Motto „Gott öffnet Türen – Berufung ins Gespräch bringen“ nimmt die Berufungspastoral Bezug auf das Symbol des Jahres 2000, die geöffnete Heilige Pforte. Dr. Birkenmaier, der Direktor des Zentrums für Berufungspastoral, Freiburg, formulierte das Wort: „Es ist nicht nur ein Tag, sondern ein Jahr der offenen Tür.“

Das Symbol „Tür“
Mit Tür und Tor ist die Vorstellung der Schwelle zwischen zwei Bereichen verbunden, dem Draußen und Drinnen, dem heute und Morgen, dem Profanen und dem Sakralen. Das Tor ist die Grenze, die Aufnahme und Ausschluss bedeutet.
Wer in eine Kirche eintreten will, dem sagt das Tor: dies ist das Haus Gottes, die Stadt Jerusalem, dies ist die Pforte des Himmels. In der frühen Kirche war es üblich, dass Neu-Christen die Kirchenschwelle erst nach Erfüllung der Aufnahmebedingungen, und schwere Sünder sie erst nach Sühne ihrer Schuld, überschreiten durften. Die Kirchentür symbolisiert also auch den Übergang von der Schuld zur Gnade. 
Aber es gibt auch die umgekehrte Richtung, nicht nur, dass der Mensch ins Heiligtum, zu Gott kommt, sondern auch, dass Gott zum Menschen, in diese Welt kommt. Aber auch da gibt es Tore, die Aufnahme und Ausschluss bedeuten, der Mensch und mit ihm seine Welt kann offen und verschlossen sein für das Göttliche, für Christus. In diesem Sinne rief Papst Johannes Paul II. am ersten Tag seines Pontifikates (am 22. Oktober 1978) der Welt zu: „Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus!“ Dieses Wort hatte damals auch eine politische Dimension, nämlich den Aufruf an den Osten, den eisernen Vorhang zu öffnen. Was damals noch niemand wusste: die Zeit war reif, die Tore öffneten sich, und die Mauer wurde niedergerissen. 

Das Heilige Jahr – ein Erlassjahr
Das Heilige Jahr nimmt Bezug auf die biblische Tradition des „Jubeljahres“. Das Wort entwickelte sich aus dem Begriff „Jobeljahr“. Es stammt aus dem Hebräischen und heißt Widder. Mit dem Widderhorn wurde das geheiligte Jahr angeblasen. Das Jobeljahr schließt sich an den alttestamentlichen Brauch des Sabbatjahres an. Danach sollen die Israeliten alle sieben Jahre ihr Feld brachliegen lassen und Schulden erlassen. Nach sieben mal sieben Jahren soll Israel das Jobeljahr halten, ein Jahr des radikalen Neuanfangs (vgl. Levitikus 25).

Nach dem Lukasevangelium 4,18ff bezieht sich Jesus in seiner „Antrittspredigt“ in der Synagoge von Nazareth auf diese Tradition des Jobeljahres: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe“. 
Kein Papst hat so sehr den Zusammenhang zwischen dem Heiligen Jahr und dem biblischen Jobeljahr betont wie Papst Johannes Paul II..

Er appellierte an die reichen Nationen, den armen Ländern Schulden zu erlassen. Diese Vision wurde von seinen Diplomaten und dem vatikanischen „Sozial-Ministerium“ mit intensiver Lobby-Arbeit umgesetzt. Zusammen mit vielen anderen kirchlichen Initiativen und ungezählten weiteren Nicht-Regierungs-Organisationen führte dieses Engagement bereits zu einem ersten Erfolg: die führenden Industrienationen wollen den ärmsten Staaten Schulden nachlassen - mit entsprechenden Auflagen und Kontrollen.
Aber Kirche hat nicht nur andere zur Umkehr aufzurufen, sie hat auch selbst Anlass zu kritischer Gewissenserforschung. Dass hier ein Papst voran geht, ist neu. Schon in den vergangenen Jahren hat Papst Johannes Paul Schuld der Kirche eingestanden und um Vergebung gebeten, so für den Fall Galileo Galilei, für den Anteil der Kirche am Antisemitismus, erst kürzlich für die Verurteilung und Hinrichtung von Jan Hus. Am ersten Fastensonntag dieses Jahres will Johannes Paul in einer großen Vergebungsbitte kritische Rückschau auf Versäumnisse und Irrungen von Kirche und Christen in der Vergangenheit halten. 

Wallfahrt (nach Rom)
Im Heiligen Jahr geht es aber auch um die ganz persönliche innere Umkehr und die Erfahrung der Vergebung Gottes. Dieser Aspekt war der Anlass für die Ausrufung des ersten Heiligen Jahres durch Papst Bonifaz VIII. im Jahr 1300. Viele Menschen des ausgehenden 13. Jahrhunderts waren unruhig, fühlten sich als Sünder, wollten Gewissheit für ihr persönliches Seelenheil. Offensichtlich lag schon damals die Frage in der Luft, die Luther 200 Jahre später so formulierte: Wie finde ich einen gnädigen Gott? Damals fanden die Menschen vielfach die Antwort im Ablass, vielleicht deswegen, weil dieser irgendwie doch eher greifbar, ja geradezu messbar war.

Inzwischen fand die Reformation statt, die sich am „Ablasswesen“ entzündete, aber auch davon abgesehen können die Menschen heute nicht mehr viel anfangen mit dem Bild einer Kirche, die einen Schatz von Gnadenmitteln hütet, aus dem sie gnädig austeilt. Was wir aber heute sehr wohl verstehen, ist die Verstrickung, die Schuld hervorruft – ein Gedanke, der dem Ablass ja auch zugrunde liegt. 
Welche Katastrophen hat Schuld im vergangenen Jahrhundert hervorgebracht, wie sehr kann Schuld das Zusammenleben von Völkern vergiften, aber auch Gemeinschaften und Familien belasten. Einen von der Last der Vergangenheit unbeschwerten Neuanfang erhoffen sich nach Ansicht des Rottenburger Weihbischofs Johannes Kreidler viele Menschen zu Beginn des neuen Jahrhunderts und Jahrtausends. 

Das Ereignis eines Heiligen Jahres hat einen besonderen Aufforderungscharakter, den Neuanfang zu wagen. Es gibt viele Möglichkeiten, einem solchen Neuanfang Ausdruck zu verleihen, eine davon ist der wiederentdeckte Brauch der Wallfahrt, nach Rom, ins Heilige Land, nach Santiago de Compostela oder einfach ein Tagesunternehmen an einen der nächstgelegenen heiligen Orte.
(pw)