Kirchendiagnose vieler Jugendlicher:

Religiosität: Fehlanzeige

Nach Volker Drehsen, Professor für Praktische Theologie an der Evangelischen Fakultät der Universität Tübingen, zeigt das Verhalten vieler junger Menschen, dass sie in der Kirche vor Ort oft wenig an Glaube und Religion finden. Im Grunde lautet die Kirchendiagnose eines beachtlichen Teils gerade der suchenden Jugendlichen: „Religiosität – Fehlanzeige“. Das ist eine Anfrage an die Kerngemeinden: Was lebt wirklich in uns, wie kommunikationsfähig sind wir, wenn es um Religion und Glauben geht? 

Distanz zur Kirche
Schon seit Jahren erleiden Angebote verbandskirchlicher Jugendarbeit eine merkliche Ausdünnung, während sich Formen der offenen Jugendarbeit wachsenden Zulaufs erfreut. In den kirchlichen Veranstaltungen sind Jugendliche unterrepräsentiert, im Kreis der Kirchendistanzierten und Kirchenkritischen jedoch überrepräsentiert. Befragt auf ihr Verhältnis zu den Kirchen, geben sich Jugendliche „cool“: Radikale Töne der Kirchen- oder Religionskritik vernimmt man nur noch von einer Minderheit, die Mehrheit zeigt sich mäßig interessiert, an manchen Stellen, besonders gegenüber Kirchen- und Katholikentagen, neugierig offen, zustimmend, wo die Kirche sich um Hilfsbedürftige und Benachteiligte kümmert, ansonsten aber scheint das Gros der Jugendlichen die Kirche als lebensprägende Instanz stillschweigend verabschiedet zu haben und verhält sich ihren Angeboten gegenüber weitgehend abstinent. 

Interesse an Religion
Andererseits machen Aufsehen erregende Phänomene gerade unter Jugendlichen die Runde: Anfälligkeiten für eine buntgemischte, synkretistische Szene der sogenannten „neuen Religiosität“, spirituelle Ereignisse wie das „Konzil der Jugend“ unter der Obhut der Kommunität von Taizé, Drewermann-Aufläufe und ein ständig steigender Zustrom junger Menschen zu den Kirchentagen; schließlich die Wiederentdeckung religiöser Dimensionen, Motive und Themen in Literatur, Kunst und (Pop-) Musik als vielsagende Anzeichen einer religiösen Aufbruchstimmung, die sich christlich oder  

nichtchristlich, jedenfalls außerhalb der Kirchen bewegt und mit denen offenbar das Versprechen unddie Erwartung verknüpft sind, dass hier offen gebliebene Glaubwürdigkeitslücken noch am ehesten zu schließen seien. Eine Religiosität außerhalb der Kirchen bietet – in welcher Form auch immer – offensichtlich genau jene Lebensorientierung, Wirklichkeits- und Biographienähe sowie die spirituellen Ausdrucksmöglichkeiten, die man in den Kirchen weithin vermisst. Kirchliche Abstinenz bedeutet nicht zugleich religiöse Abstinenz. Und Distanz zur Kirche ist besonders bei Jugendlichen die Folge von vielfältigen Enttäuschungs- und Entfremdungserfahrungen. In den Augen Jugendlicher, freilich nicht nur in deren Augen, scheint die Religionsunfähigkeit der Kirchen besiegelt zu sein.

Kultur des Verhaltens zum Unverfügbaren
Die Religionsfähigkeit der Kirchen entscheidet sich daran, inwieweit sie in der Lage sind, das eigene Angebot plausibel zu profilieren und es mit den nach wie vor vorhandenen religiösen Bedürftigkeiten zu verknüpfen. Was haben die Kernstücke christlichen Glaubens, gerade die neuralgischen Lehrtraditionen zu Themen wie Auferstehung, Kreuzestheologie, Rechtfertigungsglaube, Jungfrauengeburt oder biblischer Schöpfungsglaube mit dem lebensgeschichtlichen Identitätsverständnis heutiger Jugendlicher zu tun? Wie lassen sich christliche Glaubensfragen mit gesellschaftspolitischen Problemen glaubhaft vermitteln? 
An solchen und ähnlichen Fragen entscheidet sich die Religionsfähigkeit der Kirchen, die sich in der Perspektive Jugendlicher nur einzustellen vermag, wenn sie ein authentisch gelebtes, in persönlicher Überzeugung angeeignetes, nicht so sehr dogmatisch gelehrtes oder herkömmlich gewohntes, die bessere Welt inmitten dieser Welt verkörperndes Christentum vertreten. Gerade für Jugendliche auf der Suche nach ihrer Identität rangiert persönliche Gewissheit höher als objektive Sicherheit, private Glaubwürdigkeit höher als institutioneller Geltungsschutz, der religiöse Diskurs höher als kirchenamtliche Doktrin. Eine Kirche, die zunehmend die elementaren religiösen Bedürftigkeiten aus ihrem Gehäuse entweichen lässt, mag zwar noch eine Weile ihre gesellschaftliche Stellung zu halten, ihre lebenspraktische Bedeutung aber verliert sie dadurch allemal ebenso wie ihre Chance, eine prägende Kraft in der Kultur des Verhaltens zum Unverfügbaren zu sein.