Untersuchung

Was glauben Schüler?

Wie denken Mittelstufenschüler über Religion? Dazu befragte Prof. Hans Georg Ziebertz, Religionspädagoge an der Universität Würzburg, 1744 Schüler in den Niederlanden, Deutschland und Österreich. Prof. Ziebertz unterscheidet auf Grund seiner Untersuchung fünf verschiedene Formen der Religiosität junger Menschen. Abgesehen von dem Einblick in die Situation von Glaube und Kirche in der jungen Generation, kann das Ergebnis dieser Untersuchung auch zu der Frage herausfordern, wo ich mich da selber wiederfinden könnte? Welche Gestalt hat meine Religiosität? 

Die befragten Jugendlichen sind nur in einer Minderheit „religionsfeindlich“. Immanente Religiosität, Glaube an eine höhere Macht und christliche Gottesvorstellungen schliessen sich nicht gegenseitig aus. Die Religiosität der Jugendlichen ist vielgestaltig und komplex, sie verbindet viele Ideen miteinander und zwar jenseits aller kirchlichen Dogmatik, nicht aber gegen sie.

Typologie der Religiosität
Dynamische Begriffe wie „religiöser Wandel“ oder „religiöse Ausdifferenzierung“ scheinen am geeignetsten, um die gegenwärtige Situation zu erfassen. Anstatt zwischen „religiös“ und „nicht religiös“ zu unterscheiden und die Letzteren als Abtrünnige zu brandmarken, lässt sich aus den vorliegenden Daten die folgende Typologie der Religiosität der Jugendlichen entwickeln:

ETyp 1: Christlich-hlich gebundene Religiosität
15 Prozent der befragtkircen Jugendlichen versteht sich selbst als religiös im Sinne des christlichen Glaubens, wie ihn die Kirche vertritt. Ihre Religiosität ist dem Inhalt und der Form nach deutlich kirchlich besetzt. Diese Jugendlichen unterschreiben wesentliche Glaubensinhalte der Kirche. Gott ist der jüdisch-christliche Gott, der sich in Jesus Christus zu erkennen gegeben hat. Religiösen Synkretismus lehnen sie ab. Der Glaube ist für sie in erster Linie der offenbarte Glaube.

ETyp 2: Christlich orientierte Religiosität
25 Prozent der Jugendlichen weisen eine Religiosität auf, die in ihrer Form und dem Inhalt nach durch die christliche Tradition geprägt ist. Vergleicht man diese Gruppen mit der ersten, liegt der Unterschied vor allem darin, dass die christlich-orientierte Religiosität den kirchlichen Anspruch auf die Deutung des „Christlichen“ nicht als normativ bindend empfindet. Die Kirche ist zwar Trägerin dieser Tradition, aber nicht exklusiv. Was man selbst über eine „christliche Lebenseinstellung“ zu sagen weiß, zählt mindestens ebensoviel.

ETyp 3: Religiös suchend
Etwa 20 Prozent der befragten Jugendlichen lehnen eine Beschäftigung mit Fragen der Religion nicht ab, setzen aber Religion auch nicht selbstverständlich mit den Kirchen gleich. Gegenüber der institutionalisierten Religion haben sie viele Fragen und Zweifel. Sie sehen kein Problem darin, christliche Inhalte mit anderen religiösen Einstellungen oder Praktiken zu verbinden. Ihr Gottesbild ist nicht geprägt durch die Inhalte der Offenbarungsbotschaft.
Wenn es Gott gibt, dann ist Gott ein Name für eine „höhere Macht“ oder „kosmische Energie“, die dem 

Menschen absolut transzendent gegenübersteht. Und gleichzeitig ist Gott etwas tief in einem selbst. Religiosität ist absolut transzendent und immanent. Die Religiosität dieser Jugendlichen ist unbestimmt, fragend, zweifelnd, aber auch suchend.

ETyp 4: Funktional religiös
Die Religiosität einer weiteren Gruppe von 20 Prozent der befragten Jugendlichen ist funktional geprägt. Eine Art Basisgewissheit scheint „agnostischen“ Charakter zu haben. Zweifel, ob das mit Gott und der Religion überhaupt wahr sein kann. Aber wenn es diesen Grundzweifel noch gibt, ist auch nicht ausgeschlossen, dass etwas Wahres daran ist. Mag sein, dass Gott und Glaube allein menschliche Konstruktionen sind. Aber solange diese Religion für mich eine Funktion hat, gibt es keinen Grund, gegen sie zu sein. Zum Beispiel formulieren diese Jugendlichen durchaus den Wunsch, an den Lebenswenden durch kirchliche Rituale begleitet zu werden. Die Perspektive „Religion durchschaut zu haben“, geht heute nicht mehr zwangsläufig einher mit deren Ablehnung.

ETyp 5: Nicht religiös
Schließlich haben wir es mit einer Gruppe von ebenfalls 20 Prozent der Befragten zu tun, die sich dezidiert als „nicht religiös“ bezeichnet. Für sie sind Fragen, ob es eine Wirklichkeit gibt, die das empirische Leben übersteigt, gegenstandslos. Religion ist für sie kein ernsthaftes Thema. Sie glauben nicht, sie wollen auch nicht glauben und sie hadern nicht mit dieser Entscheidung. Sie haben die Kirche auch vom rituellen Beistand an den Lebenswenden entbunden.

Kein Schwarz-Weiß-Bild
Die von uns befragten Schüler sind mehrheitlich kirchendistanziert und einige erklärtermaßen nicht-religiös. Aber lautet das Fazit, dass wir es mit „religiös unmusikalischen“ (ein Ausdruck von Max Weber) Jugendlichen zu tun haben? Wer nur vom Kirchturm her denkt, muss wohl zu einem solchen Ergebnis kommen. Wer aber bereit ist, sich darauf einzulassen, dass sich das religiöse Feld in einem tiefgreifenden Strukturwandel befindet: dass sich im praktischen Leben ausdifferenziert, was unter Religion und Religiosität verstanden wird; wer sehen will, dass es die Kirchen schwer haben, dass aber zahlreiche kirchlich-christliche Inhalte nach wie vor Teil der persönlichen Religiosität sind (wenn auch nicht exklusiv), wird auf Schwarz-Weiß-Zeichnungen verzichten. Und wer in der Lage ist, die sich verändernde Situation auch als Herausforderung zu sehen, hat
bereits ein Stück der (Post-)Moderne eingeholt, vor der die Kirchen immer noch recht unbeholfen zurückschrecken. Der Tübinger Praktische Theologe Volker Drehsen hat angemahnt, die Kirchen müssten „religionsfähiger“ werden, das heißt, sie müssten auf neue Weise den Umgang mit etwas erlernen, worauf sie lange Zeit ein Monopol hatten: Religion. Und sie müssen lernen, Religion im Plural zu denken: nach außen und nach innen. – Das nicht, um lediglich zu bestätigen, was wir vorfinden, sondern um ihre Wahrnehmungskompetenz zu erhöhen und den Nachweis einer Kommunikationsfähigkeit zu erbringen, die schon viele Menschen von der Kirche nicht mehr erwarten. 

Aus: „Kirche Intern“ 11/99 (Wien)