Kontemplation - Was ist das?


Kann man in wenigen Zeilen darstellen, was letztlich nur schwer in Worte zu fassen ist? P. Dr. Michael Plattig O. Carm, Leiter des Instituts für Spiritualität in Münster (vgl. S. 20), hat sich dazu bereit erklärt.
Kontemplation gehört neben Meditation, Spiritualität und Mystik zu den Begriffen, die auch im Bereich der Esoterik und des "religiösen Supermarktes" verwendet werden. Es ist hier nicht möglich, Kontemplation umfassend zu definieren, deshalb möchte ich mich auf fünf charakteristische Punkte beschränken, die gleichzeitig auch das christliche Verständnis von Kontemplation skizzieren und es gegenüber dem esoterischen abgrenzen.

1. Aktives Tun und Gnade
Der Kartäuser Guigo II. (+1193) beschreibt vier Komponenten des geistlichen Lebens, die sowohl zeitlich, als auch kausal einander folgen:

· "Lesen ist eine äußerliche Beschäftigung,
· Meditation wird innerlich vom Intellekt angeregt,
· Gebet kommt vom Willen,
· Kontemplation aber übersteigt alle Erkenntnis.

Der erste Schritt ist für die Anfänger, der zweite für die Fortgeschrittenen, der dritte wird von denen praktiziert, die in totaler Hingabe leben, der vierte ist für die Erwählten." Diese Einteilung wurde klassisch.
Geistliches Leben im Christentum hat immer zwei Elemente, das der Übung, des aktiven Tuns des Menschen und das der Gnade, des aktiven Tuns Gottes. Lesen, meditieren und beten gehören zum aktiven Tun des Menschen, darin kann er sich regelmäßig üben, darin kann er wachsen. Kontemplation gehört zum aktiven Tun Gottes und damit in den Bereich des gnadenhaften Geschehens, das sich der Einflußmöglichkeit des Menschen entzieht. Kontemplation ist im Christentum nicht machbar, es gibt dazu keine Methode, der Mensch kann sich (vor-)bereiten, sie wird ihm geschenkt oder nicht, wie und wann Gott will.

2. Begegnung statt Auflösung des Selbst
Christliche Kontemplation beschreibt immer eine Begegnungserfahrung und nicht die Auflösung des Selbst in einem größeren Ganzen. Deshalb gehört zum christlichen Weg notwendigerweise die Selbsterfahrung, das persönliche Reifen, das Wachsen der Freiheit, um immer mehr Mensch zu werden.

3. Umfassendes Loslassen
Mit diesem Wachstum ist notwendigerweise die Erfahrung des Loslassens und der Trennung verbunden, deshalb gehört zur christlichen Kontemplation auch die "dunkle Nacht" als das Leiden am Loslassen. Letztlich muß auch noch die Erfahrung um der Begegnung mit Gott willen losgelassen werden, denn es geht nicht um ein Gefühl oder eine Erfahrung, es geht um die Begegnung mit Gott. Es geht nicht um den Trost Gottes, sondern um den Gott des Trostes.

4. Nicht aussteigen: einsteigen
Christliche Kontemplation ist eine Erfahrung in der Geschichte und in der Zeit. Es geht nicht um den Ausstieg aus der Geschichte, sondern um den Einstieg in die Geschichte. Gott selbst wurde Mensch, eine historische Person, um die Erlösung zu vollenden. Auf diese Offenbarungsgeschichte Gottes mit den Menschen ist das Christentum verpflichtet und an ihr hat sich jede neue "Offenbarung", jede neue Erfahrung zu messen.

Quellen der Offenbarung sind die Hl. Schrift und die Tradition der Kirche, die vom Hl. Geist inspiriert die Schrift immer wieder neu in die jeweiligen Zeitverhältnisse hinein ausgelegt hat. Deshalb geht es auch für die Christen darum, das Erlösungswerk Gottes in dieser Zeit, in dieser Welt und in dieser Kirche voranzubringen, nicht zeitlos in einer erdachten Welt und nicht in einer idealen Kirche. Dieses Bemühen steht in der Spannung des Reiches Gottes, zwischen "schon" und "noch nicht". Das heißt, daß wir schon das Reich Gottes erfahren können, anfanghaft, bruchstückhaft, flüchtig und daß es unsere Aufgabe ist, alles für den Aufbau des Reiches Gottes zu tun, daß aber dieses Reich noch nicht vollendet ist, daß seine Vollendung noch aussteht, für die Zukunft erwartet wird und daß Gott es ist, der sein Reich vollendet. Die Vollendung entzieht sich der menschlichen Machbarkeit, Menschen können das Paradies auf Erden nicht errichten.

5. Kriterium der Echtheit: Hinwendung zum Menschen
Damit hängt zusammen, daß nach christlicher Auffassung aus der kontemplativen Begegnung von selbst das Tätigsein für andere entspringt. Die Begegnung mit Gott führt aus sich selbst heraus zur Nächstenliebe. Nach dem neutestamentlichen Grundsatz: "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen." (Mt 7,16) wird die praktizierte Nächstenliebe zum Unterscheidungskriterium für die Echtheit einer kontemplativen Begegnungserfahrung. Wer also behauptet, er habe Gott erfahren und sich dies nicht in einer positiveren Einstellung und Hinwendung zu den Menschen, zur Welt, zur Schöpfung zeigt, der ist im günstigsten Fall seiner eigenen Einbildung aufgesessen oder er ist einfach ein Lügner.

6. Der Weg
Was also bleibt zu tun für die Christin, den Christen heute, die bzw. der nach Kontemplation, nach der Begegnung mit Gott strebt ?

Ehrlichkeit im Beten
Es bleibt der Weg der Einübung, der Weg des Lesens der Schrift, aber auch der Erfahrungen von geistlichen Menschen in der Geschichte. Es bleibt der Weg der Meditation, sich zu konzentrieren, in sich hineinzuhorchen, sensibel zu werden für sein inneres Erleben. Es bleibt der Weg des Betens, der regelmäßigen und bewußten Hinwendung zu Gott, zu jeder Zeit mit all meinen Fragen, Sorgen, Empfindungen, Freuden, Leiden, Zweifeln, mit allem, was mein Leben ausmacht und bestimmt. Die Psalmen könnten uns lehren, daß alles zum Inhalt des Betens gehört, auch mein Zorn, auch mein Unverständnis Gott gegenüber, meine Klage und mein Hadern mit Gott. Gerade letzteres scheint mir einer der wichtigsten Schritte auf dem Weg der Kontemplation zu sein, die Ehrlichkeit im Beten. Es geht nicht um eine bestimmte Technik oder Methode, die ist letztlich zweitrangig, es geht um die Hinwendung zu Gott so wie ich bin und wie es mir gerade geht mit allen auch negativen, zerstörerischen und dunklen Gefühlen, denn auch die gehören zu mir. Und wenn es um die Begegnung mit Gott gehen soll, dann kann Begegnung nur stattfinden, wenn beide Partner darin ganz sie selber sind und ganz sie selber bleiben, der Mensch und auch Gott.
Einübung mit Geduld und Ausdauer
Es heißt also geduldig und auch mit Mühe diesen Weg der Einübung zu gehen, und dann wird es sich ereignen, die kontemplative Erfahrung, oft unerwartet, überraschend, flüchtig, aber doch prägend und verändernd für mein Leben mit Gott und den Menschen in dieser Welt und in dieser Kirche.

Alle, die etwas anderes versprechen – durchaus auch innerhalb der Kirche –, die schnelle Erfahrung, den religiösen Trip, die einzig richtige Methode, den Rosenkranzfeldzug usw. stehen nicht mehr in der Tradition des Christentums.