Trendsetter Brüderorden


Von P. Konrad Werder SDS

Die Brüderorden sind vor allem in Bereichen tätig, die in der Bevölkerung hohes Ansehen genießen, in sozialen Einrichtungen und in Schulen. Brüder übernehmen verantwortliche Aufgaben in ihren Gemeinschaften, sie sind in ihren Berufen zu Fachleuten ausgebildet und qualifizieren sich für leitende Stellen. Dennoch bilden sie unter den Ordensleuten eine Minderheit.
Das liegt sicher auch daran, daß ihre Aufgaben heute vorrangig vom Staat oder von anderen privaten Trägern wahrgenommen werden. Soziale Berufe sind seit dem 17. Jahrhundert bis heute vor allem Sache der Frauen. Wer heute einen besonderen geistlichen Weg gehen will, schließt sich manchmal lieber einem radikal kontemplativen Orden an als einer sozial engagierten Gemeinschaft. Und: Männer können Priester werden. Dieser Beruf verspricht die größten Entfaltungsmöglichkeiten in der Kirche und Ansehen auch in der Gesellschaft.

Dem Engagement aus dem Evangelium Profil geben

Wer hat heute noch Zeit, hinzuhören, sich einzufühlen, der Seele eine Stimme zu geben? Das gilt für das Krankenhaus, für die Schule und oft sogar für die Seelsorge.
Wer ist jenseits der Institutionen präsent, dort, wo Menschen durch das soziale Netz fallen und auch von den Verbänden der Wohlfahrtspflege nicht mehr erreicht werden? Mutter Teresa sagte auf die reichen westlichen Industrienationen bezogen: "Kennt ihr die Armen eurer Stadt?"
Die Brüder sind mehr als Sozialarbeiter, Pädagogen und Psychologen, ihr Dienst hat eine geistliche Dimension: es ist nicht nur ihre eigene Zuwendung, durch sie wendet sich der heilende und vergebende Christus den Menschen zu.
Als Ordensleute haben sie eine größere Freiheit, sich mit allen Fasern ihres Daseins ihrer Aufgabe zu widmen.

Vergessene Orte der spirituellen Erfahrung beleben

Als Ordensleute gehören die Brüder einem eigenen Stand in der Kirche an, im Blick auf die Hierarchie aber gehören sie zu den Laien. Darin liegt eine Chance, gerade auch im Hinblick auf die Spiritualität. Sie können Schwerpunkte setzen, die Wege für eine biblische Laienspiritualität aufzeigen.

 Jesus hat seine Gegenwart jeder Gemeinschaft verheißen, die in seinem Namen beisammen ist. Wer einem seiner geringsten Brüder dient, der dient ihm. Er ist es auch, der zu jedem spricht, der die heilige Schrift liest und sie meditiert. Auch an diesen Stellen des Lebens können Gotteserfahrungen geschehen, nicht nur in der Zurückgezogenheit und in der Feier der Sakramente. Für Mutter Teresa war es ganz klar: "In der heiligen Kommunion haben wir Christus in der Gestalt von Brot, in unserer Arbeit finden wir ihn in Gestalt von Fleisch und Blut. Es ist derselbe Christus." Damit wird die Feier der Sakramente nicht überflüssig, wohl aber um weitere Orte der Gegenwart des Herrn ergänzt und auch mehr geerdet.
Laien, die nach den Evangelischen Räten leben, sind die berufenen Experten der Einübung in Wachheit und Empfindsamkeit für diese Orte der Gottesbegegnung.

Männer sind nicht nur für den Priesterberuf geschaffen

Auch in vielen anderen Berufen können Männer das Evangelium verwirklichen und persönliche Erfüllung finden.
Es ist auch für Männer eine Chance, im sozialen, pädagogischen und seelsorglichen Bereich sich dem Menschen zuzuwenden, ohne sich auf das Amt und auf das Sakrament zurückziehen zu können bzw. mit dessen Verpflichtungen zusätzlich belastet zu sein. So kann die menschliche Begegnung an Tiefe gewinnen und ihre heilende Wirkung entfalten.
Das hat auch eine grundsätzliche Bedeutung: In Leben und Dienst der Brüder wird gut sichtbar, "daß Heil nicht klerikal, sondern kirchlich ist", wie es in einem Dokument der Vereinigung der Generalobern der laikalen Ordensinstitute formuliert ist (vgl. "Den Menschen ein Bruder sein", Rom 1991).

Kristallisationspunkte für viele Menschen

Als Ordensleute unterscheidet sich die Lebensform der Brüder in vielem von der anderer Menschen, aber als Laien trennt sie nichts von allen anderen Christen. Deswegen war es schon immer eine Eigenart der Brüder, daß sie selbstverständlich mit Laien, ja mit allen Menschen guten Willens zusammengearbeitet haben, erst recht heute in ihren großen Einrichtungen. Da geschieht Inspiration und Austausch.