Sich auf den einlassen, der meine Sehnsucht kennt


Berufung im Neuen Testament

In der letzten Nummer des WEGBEREITER ging es an dieser Stelle um Berufung im Alten Testament. Der gleiche Autor, Jesaja Michael Wiegard, Doktorand der Theologie in Münster, macht sich diesmal Gedanken über Berufung im Neuen Testament.

In Bann geschlagen von einem, der lebt

"Paulus, Knecht Christi Jesu, berufener Apostel, ausgesondert zur Verkündigung der Frohbotschaft Gottes" (Römer 1,1).

Selbstbewußt stellt sich so am Anfang seines Briefes an die Römer ein umstrittener und bekämpfter Mann vor, Paulus von Tarsus, der den Römern sein Kommen in ihre Stadt ankündigen will. Nicht ohne zugleich die Gelegenheit zu nutzen, seine Sicht der Dinge darzulegen: Was es für ihn bedeutet, zu diesem Christus Jesus zu gehören, wie sich die Welt der Römer verändern wird, wenn sie sich auf die Frohbotschaft einlassen, die Paulus ihnen verkündigen will. Zunächst aber spricht er von sich selbst, von seiner Rolle in dieser Dreiecksbeziehung zwischen Christus Jesus, den Römern und ihm selbst, einer Beziehung, deren Mitte die Frohbotschaft Gottes ist.
Ein "Knecht des Herrn", so bezeichnet die biblische Tradition den Abraham, mit dem die Verheißung an das Volk ihren Anfang nahm, den Mose, der diesem Volk die Weisungen seines Gottes vermittelte, den Josua, der nach dem Tod des Mose Gottes Volk in das Gelobte Land hineinführte, den David, der als Modellkönig über Israel herrschte. Vor allem aber sind es die Propheten, zu denen auch Mose und David gehören, die dem Volk Gottes immer neu die Treue Gottes bezeugten und die Treue der Menschen zu Gott herausforderten. All diese Gestalten wußten sich abhängig von Gott, der sie in seinen Bann geschlagen hatte und ihnen die oft überraschenden Bahnen ihres Lebensweges vorgab.
Das Beispiel, dem auch Paulus nachfolgte, war der Lebensweg Jesu von Nazareth, an dem sich ablesen ließ, daß Gott den Menschen, der sich ganz auf ihn eingelassen hat, nicht dem Tod überläßt. In der Auferweckung des Jesus von Nazareth aus dem Tod stellte Gott sich auf die Seite derer, die in den Strukturen dieser Welt zugrundegerichtet werden, weil sie sich ganz in die Abhängigkeit von Gott hineingestellt haben.

Auch für Paulus bot sich dieses Bild des Abhängigen an, der von seinem Herrn in den Dienst genommen wird. Seine eigene Berufung durch den Auferstandenen war gerade nicht die ruhige Fortsetzung eines Lebensweges, vielmehr dessen abrupter Stop, der ihn mit einer neuen Erfahrung veränderte und neu ausrichtete. Seine Beziehung zu Gott war seitdem ohne die Bindung an Christus Jesus nicht mehr zu denken. Sein Dienst als "Botschafter", als "Apostel Gottes" und seiner "Frohbotschaft" ist so eng mit der Person des Jesus von Nazareth als Auferstandenem verbunden, daß er im Brief an die Galater schreiben konnte oder mußte: "Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir." (Gal 2,20)

Wie gelähmt an der Schwelle zum Leben

Abhängig zu werden von der Bindung an den Lebensentwurf des Jesus von Nazareth, das scheint ein durchgängiges Merkmal für diejenigen zu sein, die sich in die Nachfolge Jesu gerufen fühlen. Der Evangelist Matthäus erzählt von einem jungen Mann, der zu Jesus kommt, um von ihm zu erfahren, wie er das ewige Leben erlangen könne."Halte die Gebote!" ist die Antwort Jesu; denn sie dienen dazu, das Leben in dieser Zeit möglich zu machen, zu schützen und zu erhalten. Aber der junge Mann spürt anscheinend, daß er sich an einer Grenze befindet, die er gerne überschreiten möchte: "All dies habe ich befolgt. Worin stehe ich noch zurück?" fragt er Jesus. Wie einen Stillstand erlebt er sein Leben, ahnt etwas davon, daß nur einen Schritt hinter dem – wohl nur undeutlich wahrgenommenen – Horizont mehr Land zu finden ist. Jesu Antwort ist eindeutig und zeigt dem Reichen zielsicher seine Begrenzung auf: "Wenn du vollkommen sein willst, geh hin, verkaufe deine Güter und gib das Geld den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben, und komm her und folge mir nach!" Das aber überfordert den jungen Mann, diesem Anspruch kann er sich nicht stellen. Betrübt geht er weg, und Matthäus liefert uns eine Begründung: "Er hatte nämlich viele Besitztümer" (Mt 19,16-22).

 Leichter anscheinend als für diesen gesellschaftlich und religiös etablierten Reichen war es für die wirtschaftlich und sozial Armen, sich in die Nachfolge Jesu rufen zu lassen. Als hätten sie nur darauf gewartet, lassen die ersten Jünger Jesu nach den Berichten der Evangelien alles stehen und liegen, um ihm zu folgen, sich hinter ihn zu stellen, Schritte in ein unbekanntes Land zu wagen, das besseres, heileres Leben verspricht. Fischer lassen Boote, Netze, Mitarbeiter, Freunde, Familien zurück. Ein Zöllner gibt sein Vermögen und seinen Beruf auf, der ihn in das Abseits der Gesellschaft gestellt hatte. Anhänger der Pharisäer und Zeloten, Jünger des Täufers Johannes, Mitglieder des Hohen Rates orientieren sich offen oder verborgen am Lebensentwurf des Jesus von Nazareth, der sich ganz in die Abhängigkeit von Gott begibt, den er seinen Vater nennt. Bei manchen ist dieses Warten auf den Moment, da endlich Bewegung in das erstarrte Leben kommt, fast greifbar. Die eigene Lebenssituation drängt auf Veränderung hin – aber alle wissen, daß dieser Neuansatz aus eigener Kraft nicht zu schaffen ist.

Berufung: Jesus weckt und befreit mein innerstes Wesen

So sitzt Nathanael im Johannes-Evangelium unter dem Feigenbaum, darauf wartend, daß der angekündigte König Israels komme und die Dinge zum Rechten wende. Er ist skeptisch angesichts dieses Menschen aus Nazareth, der ihm da von Philippus präsentiert wird: "Aus Nazareth soll etwas Gutes kommen?" Erst die Begegnung und das Gespräch mit Jesus selbst, der ihm seine Situation als Wartender unter dem Feigenbaum auf den Kopf zusagt, bringt ihm die gewünschte Klarheit – und Begeisterung. Dabei ist es nicht das "Wunder des Allwissens", das ihn in Bewegung versetzt. Ihn überzeugt nicht, daß Jesus weiß, daß er "Nathanael" heißt, sondern daß Jesus sein Sitzen unter dem Feigenbaum, das sein ganzes Dasein prägt, erkannt und richtig gedeutet hat. Nathanael sehnt sich danach, in einer Zeit zu leben, in der wieder gilt: "Juda und Israel lebten in Sicherheit von Dan bis Beerscheba; ein jeder saß unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum" (1Könige 5,5). Diese Sehnsucht erkannt zu haben, macht die Qualität des Mannes aus, dem er sich nun auf Gedeih und Verderb anschließen wird. Denn wer das Ziel einer Sehnsucht kennt, der wird auch einen Weg finden, um dahin zu gelangen. Mit dem zu gehen lohnt sich.
Mit jemandem zu gehen, nicht allein zu bleiben, das gehört immer zu den Berufungsgeschichten des Neuen Testaments hinzu. Im Johannesevangelium machen sich zwei Jünger des Täufers Johannes suchend auf den Weg, um Jesus kennen zu lernen, sie bleiben bei ihm, und einer von ihnen, Andreas, der Bruder des Simon Petrus, geht sofort los, sucht und findet seinen Bruder und bringt ihn zu Jesus. Am nächsten Tag "findet" Jesus ganz beiläufig auf seinem Weg nach Galiläa den Philippus, der hingeht, seinen Bruder Nathanael sucht, findet und zu Jesus bringt (Johannes 1,35-51).

In die Nachfolge Jesu einzutreten heißt nach diesen Geschichten der Evangelien: Sich von der Sehnsucht nach dem Reich Gottes dazu anstacheln zu lassen, mit anderen, niemals ohne Jesus von Nazareth, Menschen zu suchen und zu finden, Menschen ihre Sehnsucht zuzusprechen, ihnen den Mut zu machen, der es möglich macht, aus dem selbstgenügsamen Abwarten selbstbewußt als Apostel der Frohbotschaft Gottes zu den Menschen zu gehen.