Die Evangelischen Räte neu formuliert
Vor gut zwei Jahren hat sich die "Kommission für Berufspastoral" bei den Barmherzigen Brüdern in Bayern auf die Suche nach neuen Wegen gemacht. Am Anfang der Arbeit stand ein Gesprächsprozeß über das Selbstverständnis des Ordens. Das Ergebnis waren drei Leitaussagen, die von den vier Gelübden der Barmherzigen Brüder und den beiden Begriffen Gemeinschaft und Gebet ausgehen, und Erläuterungen zu den Leitaussagen. Die in einfacher und moderner Sprache abgefaßten und positiv formulierten Grundsätze können Anregung zum Nachdenken und Gespräch sein, nicht nur für Ordensleute. (sch)

Frei von der Sorge um den Alltag (wir nennen das Armut) wollen wir offen sein für die Not der Menschen (wir nennen das Hospitalität).

Freilich leben auch wir nicht sorglos in den Tag hinein, aber wir tragen die Sorge für unser Leben gemeinsam. Das läßt sie leichter werden. Weil wir bewußt in Bescheidenheit leben wollen und nicht Verantwortung für eine Familie haben, können wir da sein für Gott und die Menschen um uns. Armut um ihrer selbst willen ist sinnlos.

Den notleidenden Menschen aufzunehmen ist das Vermächtnis des Johannes von Gott. Unser Ordensgründer hat uns bedingungslose Gastfreundschaft vorgelebt. Das ist uns und unseren Mitarbeitern in der ganzen Welt Auftrag. Ständig sind wir auf der Suche nach neuen Formen, Menschen in Not beizustehen.

Frei von der Bindung an einen Partner (wir nennen das Ehelosigkeit) wollen wir offen sein für das Leben miteinander (wir nennen das Gemeinschaft).

Gott hat Mann und Frau im Blick aufeinander erschaffen. Trotzdem binden wir uns nicht an einen Menschen. Aber wir verzichten nicht auf Liebe, sondern aus Liebe: Unser ganzes Herz soll Christus gehören. So werden wir verfügbar für die uns anvertrauten Menschen und für unsere Gemeinschaft. Mit Junggesellendasein hat das nichts zu tun.
Brüderlichkeit ist ein Auftrag des Evangeliums: Gemeinsam glauben wir und gemeinsam leben wir. Gleichgesinnte mit ganz verschiedenen Begabungen und über die Generationen hinweg stützen sich gegenseitig und bilden eine Gemeinschaft, die Geborgenheit wie eine Familie geben kann.

Frei von der Angst um uns selbst (wir nennen das Gehorsam) wollen wir offen sein für den Dialog mit Gott (wir nennen das Gebet).

Unsere Welt ist auf Selbstverwirklichung um jeden Preis getrimmt. Da klingt Gehorsam leicht nach Unterdrückung und Unfreiheit. Doch wer sich losläßt, kann auch seine Angst verlieren und frei werden für die anderen und für Gott. Zu unserem Verständnis von Gehorsam gehören immer Vertrauen zueinander und Verantwortung füreinander.
Wir spüren den Anruf Gottes in uns und wollen ihn mit unserem Leben beantworten. Das Gebet ist der Platz für diesen Dialog mit unserem Schöpfer und Erlöser. In der Stille des persönlichen Gebets und in der Gemeinschaft der Brüder vertrauen wir uns der Gegenwart Gottes an und lassen uns mit seiner Kraft beschenken.


 Was tun gegen geistliche Durststrecken?


Von Frater Eduard Bauer, Barmherziger Bruder, München

Traurigkeit, Niedergeschlagenheit und Lustlosigkeit sind zuweilen darauf zurückzuführen, daß das eigene Leben nicht in Übereinstimmung mit Gottes Willen geführt wird und die Beziehung zu Gott nicht von Aufrichtigkeit und Transparenz bestimmt ist. Was hier von der Beziehung zu Gott gesagt ist, kann natürlich auch für die Beziehung zum Mitmenschen und zur Gemeinschaft gelten.
Mangelnde Selbstannahme und das Verharren in Minderwertigkeitsgefühlen können gleichfalls verarmen lassen. Unterernährung ist hier nicht Folge der eigenen Leere und Trostlosigkeit, sondern deren Ursache.
Oft schließen sich geistliche Durststrecken unmittelbar an Zeiten reicher Glaubenserfahrung an. Menschliche Tiefschläge folgen häufig Glücksgefühlen und Hochstimmungen auf dem Fuß. Geistige und geistliche Überfütterung kann ein geistliches Tief verursachen, wenn man sich zu viel zugemutet und sich überfordert hat. Auf Erfolg können Pech und Unglück folgen, besonders dann, wenn ein Mensch dem Erfolg und dem Glück allzu kräftig nachhilft.
Wer mit seinen Kräften Raubbau treibt, muß damit rechnen. auch auf geistlichem Gebiet einen Preis dafür zahlen zu müssen. "Gehen Sie spazieren: Die Zeit, die Sie dafür aufwenden, geht dem Gebet und der Arbeit nicht verloren!" schreibt Theresia von Avila an Erzbischof Teutonio de Bragança, der ihr seine innere Leere und Lauheit klagt.

Hoffnung in geistlichen Durststrecken

Der Weg in das "gelobte Land" kennt auch die Zeit der "Wüste, in die Gott führt, um "dir zu Herzen reden" zu können (Hos 2,16).
Wenn eine begangene Sünde die Ursache für die Erfahrung von Niedergeschlagenheit und Traurigkeit ist, bleiben als Heilmittel die Erforschung und das Bekenntnis. Offenheit und Sich-Anvertrauen erschließen neue Gemeinschaft und Hoffnung.
Ist Unterernährung die Ursache. kann eine Neuorientierung im geistlichen Leben sinnvoll und notwendig sein. Je praktischer und konkreter, umso hilfreicher. Planung und Strukturierung des

 Tages können von Untätigkeit und Lustlosigkeit befreien und neue Initiativen wachrufen.
Bei Überanstrengung und Streß hilft nur das Beschränken auf das rechte Maß. "Allzu viel ist ungesund" sagt eine alte Weisheit. Arbeit und Gebet, Alltag und Fest, Reden und Schweigen, Alleinsein und Gemeinschaft brauchen ein ausgewogenes Verhältnis zueinander. Meist hilft schon das Ernstnehmen biologischer Tatbestände wie ausreichend Schlaf, Bewegung und eine ausgewogene Ernährung.
"Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne mein Denken. Sieh her, ob ich auf dem Weg bin, der dich kränkt, und leite mich auf den altbewährten Weg" (Ps 139, 23-24).

Gott in allen Dingen suchen

Das Partikular-Examen, mir noch aus meiner Noviziatszeit bekannt, ist uns leider abhanden gekommen. Gott "in allen Dingen" zu suchen, zu finden und zu sehen, ist das Motiv der Gewissenserforschung. Das Gewissen zu schärfen für die "Lauheit und Leere", die der Erzbischof de Braganza beklagt, das war der Grund, weshalb die Mönche immer wieder ihre Arbeit unterbrachen und Tageslauf und Leben an dem maßen, was Gott von ihnen einforderte: Ausrichtung auf ihn in allen Glaubens- und Lebensvollzügen.
Im Rückblicken, im Innehalten, im Nachdenken über das, was war, sucht das "Gebet der liebenden Aufmerksamkeit'' (nach Ignatius von Loyola) nach den Wegen und Spuren Gottes im Alltag. Nicht daß auch eine regelmäßige Gewissenserforschung Zustände von Traurigkeit und Niedergeschlagenheit ausschließt, so verfestigt sie dennoch den Willen, Vorsätzen treu zu bleiben, die solche Zustände vermeiden helfen.
Die Kurskorrektur, die Umkehr, die einer guten Gewissenserforschung folgt, ist nicht Leistung des Menschen, sondern das Wirken der göttlichen Gnade am Menschen. Die Freude des barmherzigen Vaters über die Rückkehr des verlorenen Sohnes läßt diesen umdenken: "Wem viel vergeben ist, der liebt auch viel" (vgl. Lk 7). Du darfst ein Sünder sein. Danke Gott dafür, daß du ein Sünder sein darfst. Denn Gott liebt den Sünder, aber er verabscheut Sünde und Lauheit.