MAGAZIN FÜR BERUFE DER KIRCHE

PWB-Wallfahrt

Hört nicht auf zu beten!

von Fr. Wolfgang Sütterlin SDS, München

Ungefähr 400 Gläubige aus verschiedenen Diözesen Deutschlands kamen am Wochenende vom 3./4. Oktober 2009 nach Berlin, um das Jubiläum des monatlichen Weltgebetstages für geistliche Berufe zu begehen, der in eben dieser Stadt vor 75 Jahren seinen Ausgang nahm. Eingeladen hatten die Gebetsgemeinschaft für geistliche Berufe beim Päpstlichen Werk für geistli che Berufe (PWB) sowie das Zentrum für Berufungspastoral / Arbeitsstelle der Deutschen Bischofskonferenz in Freiburg im Breisgau. Es mag trotz der historischen Reminiszenz verwundern, dass die Veranstaltung, die sich ausdrücklich als Wallfahrt im Zuge des Priesterjahres verstand, an einen Ort führte, wo katholische Tradition und Brauchtum kaum verwurzelt sind.

Es mag erstaunen, dass Menschen bis vom Bodensee sich auf den Weg machten an die Spree. Als nicht weniger bemerkenswert erwiesen sich die inhaltliche Prägnanz und die geistliche Dichte des Treffens sowie die Impulse, die gegeben wurden. Schon die einführende Podiumsdiskussion, die am Samstagnachmittag im Palais am Funkturm stattfand, überraschte durch den Titel „Die politische Kraft des Gebetes“. Unter der Leitung der Journalistin Juliane Bittner sprachen der frisch gewählte Berliner Weihbischof Dr. Matthias Heinrich, der Görlitzer Domkapitular Dr. Alfred Hoffmann, der evangelische Pfarrer Friedrich Magirius und Dr. Peter Birkhofer vom Zentrum für Berufungspastoral über die Rolle der Christen in der DDR, über Erfahrungen im Zusammenhang mit der friedlichen Revolution von 1989 und über die Zeit danach. In seinen Begrüßungsworten erinnerte Dr. Birkhofer an den Salvatorianerpater Paschalis Schmid, der Anfang der 30er Jahre den Gebetstag für geistliche Berufe, damals Priestersamstag, initiiert hatte und dessen Anliegen es war, die Gläubigen zur Fürbitte zu mobilisieren für die Seelsorger und um Kandidaten. Dr. Hoffmann bezeugte, dass er auf die häufig gestellte Frage, weshalb er denn in einem kommunistischen System trotz Benachteiligung an seinem Glauben festgehalten habe und schließlich Priester geworden sei, eigentlich nur eine Antwort aus seiner innersten Erfahrung geben könne: Gott ruft. Nicht weniger regten die übrigen Beiträge zum Nachdenken an. Pfr. Magirius hatte 1982, in der Zeit des Kalten Krieges und des Wettrüstens, mit einer kleinen Gruppe an der Nikolaikirche in Leipzig die später berühmt gewordenen Montagsgebete begründet aus der festen Überzeugung heraus, dass „in den tiefsten Tiefen uns nur die Hand Gottes helfen kann“. Die Woche für Woche treu durchgehaltene Initiative wuchs und zog bald auch Menschen an, die zwar nicht gläubig waren, aber doch spürten, dass dort etwas Wahrhaftiges geschah. Von hier, darüber war man sich einig, ging ein starker Einfluss auf die DDR-Friedensbewegung aus und schließlich auf die Ereignisse von 1989, die trotz zugespitzter Situationen und immer wieder auch dank des besonnenen Eingreifens von Christen unblutig verliefen. „Das, was in der Kirche begann“, so Juliane Bittner, „setzte sich auf den Straßen fort.“ Weihbischof Dr. Heinrich, der das Geschehen damals von Rom aus verfolgte, steckte den Rahmen noch weiter, indem er darauf verwies, wie der Anblick weinender Deutscher auf den Fernsehschirmen sogar im Ausland Verkrampfungen löste und das Bild unserer Nation positiv veränderte. Viele haben sich nach dem Mauerfall wieder von den Kirchen abgewandt, weniger aus Unglauben als aus mangelnder Verwurzelung und Hilflosigkeit. Nach wie vor aber gebe es eine Sehnsucht und Neugier bei den Menschen. Dr. Hoffmann berichtete von einer Frau, die ihn fragte, ob sie als Ungetaufte denn die Kirche betreten dürfe und die über das ganze Gesicht strahlte, als er ihr im Verlauf des Gesprächs anbot, sie zu segnen. P. Paschalis hatte den Gebetstag für geistliche Berufe v.a. als Laieninitiative verstanden. Alle, auch darin bestand Übereinstimmung unter den Podiumsgästen, sind gerufen, das Reich Gottes zu suchen. Die bezeugten Erfahrungen lehren: Wo Menschen ernsthaft mit Gott rechnen, in der Offenheit für andere und in der Bereitschaft, sich einzubringen, da geschehen Wunder, da ereignet sich Begegnung mit dem, der von sich selbst sagt, dass er mit uns ist. Und da wird schließlich auch der Raum entstehen für neue Berufungen. Zum Abschluss erging der Appell, uns als Christen erkennbar zu machen und unseren Glauben ohne Scheu zu bezeugen.

Am Abend fand an einem Ort von hoher geschichtlicher und spiritueller Bedeutung, nämlich in der St. Hedwigs-Kathedrale, wo Dompfarrer Bernhard Lichtenberg, der spätere Märtyrer, am 8. September 1934 erstmals den von P. Paschalis initiierten Priestersamstag begangen hatte, eine Gebetsstunde im Anliegen geistlicher Berufe statt. Es war von Anfang an beeindruckend. Diejenigen, die sich frühzeitig eingefunden hatten, mussten warten, weil gerade noch eine erstaunlich gut besuchte Vorabendmesse gefeiert wurde. Kräftig erklang das Singen der Gemeinde. Eine Frau meinte: „Es ist doch schön, wenn man eine Kirche nicht betreten kann, weil sie voll ist.“ Bei der anschließenden eucharistischen Anbetung wurde erfahrbar, wie intensiv die Atmosphäre werden kann, wenn Menschen in echter Ehrfurcht und mit einem gemeinsamen Anliegen vor den Herrn kommen. In einem kurzen Impuls sagte Bischof Felix Genn aus Münster im Namen der Bischöfe Dank für alle, die an der Initiative von P. Paschalis über die Jahre hinweg festgehalten hatten. Dabei hob er ganz besonders die Frauen hervor. Er erinnerte ausdrücklich an die Podiumsdiskussion, die die Macht des Gebetes vor Augen geführt habe. Allem Pessimismus der gegenwärtigen kirchlichen Situation zum Trotz machte er Mut, in der Bitte um Berufungen nicht nachzulassen, auch wenn die Frucht noch nicht sichtbar werde. Es komme dabei nicht auf die Zahl der Beter an, sondern darauf, dass Menschen sich zur Verfügung stellten, sich ernsthaft einließen auf einen Herzenswunsch Jesu, den dieser gerade inmitten der großen Not und Orientierungslosigkeit unter seinen Zeitgenossen geäußert habe: „Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden“ (Mt 9,38). „Das Gebet“ – so schloss Bischof Genn – „ist nicht unnütz, denn wir übergeben es dem Herrn in tiefer Dankbarkeit dafür, dass Er uns so berührt hat, dass wir sein Anliegen zu unserem machen können.“

Mit der Aufforderung, die Jesus an uns richtet, geht eine Verheißung einher. Das betonte auch Kurienkardinal Zenon Grocholewski, der Präfekt der Päpstlichen Bildungskongregation bei einem Pontifikalamt in der St.-Johannes-Basilika am folgenden Tag. Jesus, der bei allem, was er sage, mit außergewöhnlicher Vollmacht spreche, sorge sich voll Mitleid um den Menschen. Gleichzeitig deute der Erntevergleich an, dass gute Früchte ja schon da seien. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, wo der Relativismus scheinbar alles durchdringe und die klassischen Milieus sich in Auflösung befänden, gebe es bei jungen Menschen eine Sehnsucht nach Aufrichtigkeit und Wahrheit. Was aber heißt es unter diesen Umständen, um Arbeiter für die Ernte zu bitten? Ein wichtiger Hinweis finde sich beim Propheten Jeremia, zu dem Gott sagt, dass er schon vom Mutterleib an ausersehen war und trotz seiner Jugend die Kraft zu seinem Dienst erhalte (Jer 1,4-8). Gebet, so Kardinal Grocholewski, könne Berufungen nicht produzieren, aber offenlegen. Es lasse Räume entstehen, wo junge Menschen, die Möglichkeit hätten, den Ruf Gottes zu vernehmen und – als entscheidende Voraussetzung für weitere mutige Schritte -den Kontakt mit Ihm zu wahren. Diözesane Stellen seien wichtig, darüber hinaus aber müsse sich jeder Katholik für die Berufungspastoral verantwortlich wissen. Die Priester rief der Kardinal auf, Freude und Dankbarkeit auszustrahlen. Eltern sollten Verständnis zeigen für die Neigung ihrer Kinder zu einem geistlichen Beruf und Lehrer offen sein für den Glauben und aufmerksam gegenüber den Talenten von Schülern. An alle aber richtete er den eindringlichen Appell: Hört nicht auf zu bitten und zu beten!

Ein Pilgerweg führte am frühen Nachmittag zu vier historisch und gesellschaftlich bedeutsamen Orten in Berlin. Am Reichstagsgebäude, am Spreeufer, am Brandenburger Tor und auf dem Bebelplatz gedachten wir der Opfer der beiden deutschen Diktaturen und führten uns die Wunden vor Augen, die totalitäre Systeme schlagen. Anhand von Texten aus der Heiligen Schrift, dem Grundgesetz, von Johannes Paul II., P. Paschalis Schmid und Alfred Delp wurden die Bedeutung der Freiheit und die Würde des Menschen reflektiert, aber auch seine Gottbezogenheit, ohne die beides nicht wirklich realisierbar ist. Es wurden Fürbitten gesprochen zugunsten der Unterdrückten, Benachteiligten, Leidenden, für die Politiker, sodann um Wahrhaftigkeit, um die Fülle des Lebens, um Berufung. Da die Berliner Behörden ein gemeinsames Begehen des Pilgerweges untersagt hatten, blieb nur die Aufteilung. Es mag wirklichkeitsfremd und belanglos erscheinen, in kleinen Gruppen, kaum wahrgenommen von den zahlreichen Touristen, auf öffentlichen Plätzen eingedenkend Station zu machen und zu singen und zu beten. Im Kontext der Wallfahrt aber war dies ein sehr intensives Geschehen, das einmal mehr bewusst machte, dass Christen auch ungeachtet spontan sichtbarer Erfolge in der Welt präsent sein müssen.

Beim anschließenden Abschlussgottesdienst in der St. Hedwigs-Kathedrale bedankte sich der Berliner Erzbischof Kardinal Sterzinsky bei allen, die gekommen waren in die Stadt in Deutschland, wo am meisten spürbar sei, dass Arbeiter für die Ernte gebraucht würden. Gott zu verschweigen habe verheerende Folgen. Der sich wieder formierende Atheismus stelle aber auch eine Chance dar, fordere er doch unseren Glauben auf den Prüfstand. Ein überzeugendes Bekenntnis sei umso ernsthafter gefragt, als unter den Atheisten viele in Sorge lebten und Antworten erwarteten. Betrübt zeigte sich der Kardinal über jene Christen, die sich der Mitarbeit verweigern, weil sie mit einzelnen Aspekten der kirchlichen Lehre nicht einverstanden sind. Die Anwesenden ermutigte er zur Beharrlichkeit mit den Worten des Apostels Paulus: „Seid geduldig in der Bedrängnis“ (Röm 12,12) und „Betet ohne Unterlass“ (1 Thess 5,17). In einer kleinen Aussendungszeremonie wurden den Delegationen der vertretenen Diözesen Kerzen überreicht mit dem Emblem der Wallfahrt: eine Hostie und die Flamme des Heiligen Geistes.

Wer sich mit den Ursprüngen des Gebetstags für geistliche Berufe befasst, wird erfahren, dass P. Paschalis Schmid den Anstoß dazu während einer Anbetung empfing. Er selbst war bis zu seinem Lebensende davon überzeugt, einen Auftrag Gottes erhalten zu haben. Aus heutiger Sicht unvorstellbar ist die Geschwindigkeit, mit der die Initiative Form annahm und sich weltweit ausbreitete. Sie lud ein, einmal monatlich alles darzubringen zugunsten der Seelsorger: die Eucharistie, Gebete, Freude, Leid, Arbeit. Es ist interessant, dass sich

Die Praxis des Gebetstags ordnet sich somit ein in den großen Bogen der kirchlichen Entwicklung unserer Zeit, und der Gedanke darf geäußert werden, dass es sich hierbei nicht bloß um Menschenwerk handelt. Die Veranstaltung in Berlin ließ erkennen, dass wieder ein Bewusstsein entsteht für die übernatürliche Dimension und spirituelle Wirkmacht des Christentums. Der Gebetstag kam auf zu einer Zeit, wo der Glaube bedroht war durch eine alles verschlingende Ideologie. Er breitete sich aus von einem Ort, der alles andere als ein günstiges Umfeld bot. So machte es Sinn, unter den in anderer Weise schwierigen Bedingungen der Gegenwart dorthin zurückzukehren und Berlin, ausgerechnet Berlin, zum Ziel einer Wallfahrt zu machen. „Die Menschen spüren lassen, wie großartig der Herr ist, der für uns am Kreuz zum Erlöser wurde“, rief Bischof Genn auf. Die Teilnehmer durften erfahren: Gott ist großartig, und Er handelt gerade da, wo alles verfahren scheint. Dies ist der hoffnungsvolle Impuls, der von der Wallfahrt ausgeht.