MAGAZIN FÜR BERUFE DER KIRCHE

Wo gehen wir hin? Immer nach Hause!

von Maria Anna Leenen

1. Das Leben als Pilgerweg
Es war eine unglaublich große Menschenmenge: Frauen, Männer, Kinder, dazu viel Vieh, all die Rinder, Schafe und Ziegen, die in dem Land, das sie nun verließen, zu stattlichen Herden geworden waren. Dazu all jene, die mit dem Auszug der Kinder Israels die Gelegenheit nutzten, der Knute Ägyptens zu entfliehen. Der gewaltige Tross zog durch eine karge Landschaft: Sengende Hitze, müde Schritte, nicht immer Wasser in ausreichendem Maß, kaum Erholung, die Erinnerung an Verfolgung und härtesten Frondienst noch im Gedächtnis – der Weg war lang, endlos lang und ein Ende nicht in Sicht. In der reflektierenden Erinnerung an diese Urerfahrung ihres Volkes begriffen die Redaktoren
des Buches Exodus die lange Zeit der Wüstenwanderung als weise Führung ihres Gottes, der sein Volk nur zu gut kennt und es heranbilden will. Nicht den kürzeren Weg durch das Philisterland muss es gehen, sondern es zieht auf einer langen Wanderung durch die Wüste. Ein pädagogischer Schachzug Gottes, der zum offenen Herzen und zu einem stetigen, achtsamen Hören auf ihn führen soll. (vgl. Exodus 13,1 ff)
Mit den Worten der Psalmen erinnern sich bis heute gläubige Juden an diese prägende Erfahrung. Das Beten und Singen der uralten Gottespoesie schlägt den Bogen vom ersten Exodus des Volkes bis hin zur jeweils aktuellen Situation des Beters. Er bezieht sie auf seine aktuelle Situation und kann ebenso wie die Mosegruppe des ersten Exodus im Vertrauen auf Gottes weise Führung einschwingen in den seit Jahrtausenden erklingenden Lobgesang zu Ehren Jahwes. Gerade zu Festzeiten, auf dem Weg zu besonderen Stätten der Gottesverehrung, ist das Herz voller Freude und der Gesang der Pilger weit zu hören: „Ich freute mich, als man mir sagte: Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern. Schon stehen wir in deinen Toren, Jerusalem, Jerusalem, du starke Stadt.“ (Psalm 122)

2. Beispiel und Spiegel für alle
Auch im Neuen Testament taucht das Wegmotiv auf und erweist sich hier endgültig als existenzielles Element des Menschseins. Denn Jesus Christus selbst kennt die Erfahrung des Auszugs, die schmerzhafte Trennung von den irdischen sozialen Bezügen und Kontakten ist ihm vertraut. Ja, sein Leben ist durch und durch eine Erfahrung der Heimatlosigkeit gewesen. Es beginnt mit der Geburt in einer Fremde, in der für ihn kein Platz ist. Seine ersten Jahre sind durch Flucht und Angst gezeichnet. Ein Haus, einen festen Ort wird er nach dem Beginn seiner Verkündigung nicht mehr haben. Er stirbt außerhalb, vor den Toren der heiligen Stadt, und auch sein Grab ist keine Wohnung für immer. Jesu Heimatlosigkeit ist Beispiel und Spiegel für das Leben jedes Menschen. Besonders aber erinnert es und fordert zugleich heraus all jene, die ihm durch die Taufe zutiefst angehören. Am Leben Jesu wird deutlich: Christliches Leben ist Pilgerweg, zur christliche Lebenserfahrung gehört die Erfahrung des immer wieder und immer neuen Verlassens, Weggehens, Abschiednehmens. Der Christ weiß, er ist Gast in dieser Welt. Im Wort der Schrift hat sich diese Erfahrung für alle Zeiten niedergeschlagen.
Der 1. Petrusbrief erinnert seine Empfänger deutlich daran, dass sie „Fremde und Gäste sind in dieser Welt.“ (1 Petr 2,11). Für den großen Völkerapostel Paulus kein Anlass zu Angst oder Depression, denn der Gaststatus des Christen ist verbunden mit göttlicher Verheißung: „Wir sind also zuversichtlich, auch wenn wir wissen, dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben, solange wir in diesem Leib zu Hause sind; denn als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende.“ (2 Kor 5,6) Und im Hebräerbrief weist sein Verfasser auf die Urväter und Patriarchen hin. Schon sie hätten sich als Fremde erkannt und nach der ewigen Heimat gesehnt. „Voll Glauben sind diese alle gestorben, ohne das Verheißene erlangt zu haben; nur von fern haben sie es geschaut und gegrüßt und haben bekannt, dass sie Fremde und Gäste auf Erden sind. Mit diesen Worten geben sie zu erkennen, dass sie eine Heimat suchen. Hätten sie dabei an die Heimat gedacht, aus der sie weggezogen waren, so wäre ihnen Zeit geblieben zurückzukehren; nun aber streben sie nach einer besseren Heimat, nämlich der himmlischen.“ (Hebräerbrief 11, 13-16)

3. Wo gehen wir hin?
Wer sich auf einen Weg begibt, weiß in der Regel, wohin er geht: Zur Arbeit, zu Freundinnen, in den Urlaub, zum Nachbarn auf ein Bier oder in die Geschäfte der Stadt zum Einkauf all der Dinge, die zum Leben benötigt werden. Der abgegrenzte Bereich des Alltäglichen verbirgt, dass menschliches Leben ein größeres Ziel hat, auf das die kleinen Wegstationen nicht immer ausdrücklich hinweisen.

Wer sich auf Pilgerfahrt begibt, ahnt, dass sein Ziel nur vordergründig die Wallfahrtskapelle oder das Gnadenbild ist. Pilgern, eine bestimmte Strecke betend unter die Füße zu nehmen, bedeutet immer auch, der Sehnsucht Raum zu geben, der Sehnsucht nach dem, was das menschliche Leben um ein Vielfaches übersteigt. Zum Pilgern gehören deshalb nicht nur gute Schuhe und ein stärkender Imbiss im Rucksack. Wichtiger noch sind der Mut, sich auf den Weg einzulassen in der Bereitschaft sich zu öffnen, sich wandeln zu lassen und die Erkenntnis zu empfangen, dass Mensch-Sein grundsätzlich heißt, unterwegs zu sein in dieser Welt. In jedem Pilgerweg leuchtet so auch auf, was im innersten Herzen ersehnt wird: das endgültige Ankommen, das letzte Ziel, die ewige Heimat, aus deren Seligkeit man nie wieder vertrieben werden kann. 

4. Schritt für Schritt
Im ruhigen Rhythmus der Schritte still oder mit einem Lied auf den Lippen seinen Weg zu gehen, macht dem Wandernden seine momentane Verfassung bewusst. Das Getöse der eigenen Gedanken wird leiser, alles kann sich ordnen und klären. Wie die Landschaft, die sich den Augen nach und nach erschließt, so klären sich auch die inneren Bilder. Mit jedem Schritt, ob mühsam oder beschwingt, lockern und lösen sich nicht nur körperliche Verkrampfungen. Auch das Herz wird leichter, das gleichmäßige Gehen harmonisiert innen und außen. Der Weg wird frei für das, was im Rummel des Alltagsbetriebs normalerweise verborgen bleibt. All die Banalitäten, die den Geist verstopfen, diese Dringlichkeiten und Notwendigkeiten, welche die Aufmerksamkeit des Menschen fesseln und ohne die doch das Leben nicht funktionieren würde, sie treten zurück, werden für eine Weile auf den zweiten Platz verwiesen. Die vielen kleinen und großen Abhängigkeiten, diese permanente Ablenkung von dem, was hinter den Dingen auf mich wartet, wird schwächer. Meter für Meter, Station für Station können sogar aktuell bedrängende Probleme für eine kurze Zeit in den Hintergrund treten. Für die Dauer des Weges kann jetzt nichts mehr verhindern, dass sich der Pilger neu auf Gott und auf die Beziehung zu ihm ausrichtet und daraus Kraft schöpft, eine Kraft, eine lebensvolle Stärkung, die hilft, Möglichkeiten zu suchen, Neues in den Blick zu bekommen oder die Schönheit von bewährten, aber längst vergessenen Dingen wieder zu entdecken.

5. Immer nach Hause!
Wer sich so auf einen Pilgerweg begibt, kann diesen Weg als Spiegel für sein Leben nehmen. Fragen, für die sonst meist keine Zeit bleibt, dürfen laut werden und ihnen bewusst und aufmerksam nachzuspüren ist jetzt vielleicht gerade der richtige Moment. Sollte ich den Rhythmus dieses Weges nicht auf mein Alltagsleben übertragen? Wann schalte ich Pausen ein, die mir die Spannkraft und Ausdauer für die Wanderschaft meines Lebens zurückgeben? Wieviel Gepäck schleppe ich mit mir herum, was besser entsorgt gehörte? Stimmt mein Gefühl, dass ich immer allein auf dem Weg bin? Geht wirklich keiner spürbar mit? Gestalte ich meinen Lebensweg so, dass mir das Ziel klar vor Augen bleibt, und: Bin ich mir überhaupt bewusst, dass ich die Länge des Weges nicht abschätzen kann? Vielleicht bin ich schon morgen am Ziel und sollte vorher unbedingt Ballast abwerfen oder die gestörte Weggemeinschaft mit einem Menschen in Ordnung bringen? Und zu guter Letzt: Kann ich mich von Herzen freuen auf das Ankommen am großen Ziel?
Heimatlosigkeit gehört zum Leben eines Christen, und die Zeiten des Pilgerns und der Wallfahrt sind Zeiten auch der Konfrontation: Homo viator – der Mensch ist ein Wanderer.
Einer der großen Dichter der deutschen Romantik brachte es auf den Punkt und sein Wortspiel ist gern zitiertes Sprichwort geworden: „Wohin gehen wir? Immer nach Hause!“ Die Heilige Schrift bringt die Hoffnung auf die ewige Heimat ins Bild der himmlischen Stadt. Sie malt mit hellen Farben das neue Jerusalem, das dem Volk Israel im irdischen Jerusalem als Vorausbild schon aufleuchten durfte. Ersehntes Ziel für alle, deren Inneres sich hat verwandeln lassen vom steinernen Herzen zum Herz aus Fleisch. Eine Stadt, in der es keine Tränen mehr geben wird, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. „Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm. Die Völker werden in diesem Licht einhergehen, und die Könige der Erde werden ihre Pracht in die Stadt bringen. Ihre Tore werden den ganzen Tag nicht geschlossen – Nacht wird es dort nicht mehr geben.“ (Offenbarung 21, 4.23-25)