WEGBEREITER: Seit sechs Jahren sind Sie Leiter des Zentrum für Berufungspasstoral in Deutschland. Ist für Sie selbst der Dienst in der Berufungspastoral eine Berufung und wie haben Sie dazu gefunden?
Dr. Peter Birkhofer: Zunächst kann ich sagen, dass ich mir die Aufgabe im Zentrum für Berufungspastoral nicht gesucht habe. Sie wurde an mich herangetragen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie an Heiligabend 2002 der damalige Personalchef auf mich zukam. Ich war damals sehr überrascht.
Über viele Jahre hinweg habe ich aber mit einer Gruppe wöchentlich im Freiburger „Heiligtum der Berufung“ Eucharistie gefeiert. Und so war mir dann auch klar, dass ich mich nicht gegen diese Aufgabe sperren darf – und zudem wusste ich, dass ich getragen werde von Menschen, die mich durch ihr Gebet begleiten.
Ich habe in diesen Jahren viel über Berufung und Berufungspastoral nachgedacht. Ich habe Berufungspastoral als die Grundkategorie allen pastoralen Tuns entdecken dürfen.
Berufungspastoral darf nicht einfach ein Tun neben allem anderen pastoralen Tun sein, sondern Berufungspastoral will „cantus firmus“ im Konzert der pastoralen Vollzüge sein.
WB: Welche neuen Entwicklungen in der Berufungspastoral sehen Sie vor allem?
P. B.: Es ist noch nicht allzu viele Jahre her, da wurde mehr oder minder nur hinter vorgehaltener Hand über Berufung gesprochen. In den zurückliegenden Jahren ist durch die „Jahre der Berufung“ in einzelnen Diözesen, durch die verschiedenen Initiativen der Bischöfe und Diözesanstellen das Thema Berufung aus einer einseitigen Ecke herausgetreten. Es wird deutlich, dass das Wort von Bischof Klaus Hemmerle, dass Berufung den Sinn des Mensch-Seins erhellt, eine herausragende Bedeutung hat. Das heißt, es wird noch mehr Aufgabe der Berufungspastoral sein, die verschiedenen pastoralen Bereiche zu durchdringen, denn wer auf den Willen Gottes im Alltag achtet, mit seinem Wort lebt, die anderen und sich wahrnimmt, das Gespräch mit dem Herrn und mit den Menschen sucht, der findet zum einen zu sich, und entdeckt zum anderen gerade darin seine Berufung, die ihn immer wieder herausführt aus dem Kreisen um sich. Dort, wo in unserer Zeit nach Sinn gesucht wird, kann Berufungspastoral Sinn stiftend wirken. Auf die Fragen, wer ich bin, woher ich komme, was mein Leben ausmacht, welchen Sinn es hat, antwortet die Berufungspastoral, dass hinter allem Gott steht, der mich gewünscht und ins Dasein gerufen hat, dass er mir eine unverbrüchliche Würde geschenkt hat.
Berufungspastoral will dann aber auch in die Begegnung mit Jesus Christus führen, um durch diese Begegnung Beziehung zu stiften, die zur Entscheidung, was das weitere Leben angeht, führt. Berufungspastoral will so zum Zeugnis für die Liebe Gottes, die in Jesus Christus greifbar nahe gekommen ist, ermutigen. Die Frage nach meiner persönlichen Berufung berührt dann natürlich auch immer die Wahl des Berufes, der Beziehung und der Lebensform. Dabei kommt dann für das Leben der Kirche der Berufung zum geistlichen Dienst in der direkten Nachfolge Jesu und im Gott geweihten Leben eine besondere Bedeutung zu. Grundsätzlich aber gilt, dass Berufungspastoral dafür eintritt, dass sich Kirche und Gemeinde vor Ort versteht als Gemeinschaft von Berufenen, die sich gegenseitig helfen, den je eigenen Ruf zu hören und ganz persönlich darauf zu antworten.
WB: Gerade haben wir das Jubiläum75 Jahre des Gebetstags für geistliche Berufe gefeiert. Wie wichtig ist das Gebet um Berufungen und das PWB?
P. B.: Ich habe vorhin schon darauf hingewiesen, dass es mir bei meiner Entscheidung für die Aufgabe im Zentrum für Berufungspastoral geholfen hat zu wissen, dass es Beter gibt, die mich in dieser Arbeit begleiten. Ich habe, wenn ich auf mein Leben zurückschaue, immer wieder spüren dürfen, wie das stellvertretende Gebet füreinander uns gegenseitig trägt. Bei der Wallfahrt nach Berlin haben wir über die politische Kraft des Gebets nachgedacht, wir haben den Herrn, um Arbeiter für die Ernte angefleht, wir sind betend als kleine Gruppen durch die Masse von Menschen gezogen und haben darüber nachgedacht, was Gottes Ruf uns in dieser Zeit sagen will, und wir sind gestärkt mit dem Segen Gottes wieder nach Hause gefahren. Bischof Genn hat in sehr eindrücklicher Weise in seiner Predigt bei der Gebetsstunde daran erinnert, dass das eigene Leben durch das Gebet verändert werde. Wir tun das, was der Herr uns aufträgt, wir machen uns zu Eigen, was ihm am Herzen liegt. Papst Benedikt hat in Altötting und in Freising darauf hingewiesen, welche Bedeutung es hat, betend am Herzen Gottes zu rütteln – aber er hat auch gesagt, dass Gott auch an unseren Herzen rüttelt, dass wir uns seinem Anruf nicht verschließen dürfen.
Berufungen lassen sich nicht machen, sie sind Geschenk. Noch so schöne Flyer und bunte Informationen können das lebendige Zeugnis von Menschen nicht ersetzen.
In meinem Gebetsraum steht die alte Gipsmadonna meiner Großmutter – als Kinder haben wir einen Maialtar mit dieser Figur aufgebaut. Wie oft meine Großmutter vor dieser Figur gebetet hat, das weiß ich nicht – bei ihrem Sterben stand diese Figur in ihrem Zimmer und eine Kerze brannte davor. Diese Figur erinnert und mahnt mich, dass es zu allen Zeiten Menschen gab, die sich Jesu Anliegen des Gebets zu Eigen gemacht haben und dass es unser Auftrag heute ist, darin nicht nachzulassen.
WB: Was Ihrer Meinung nach der ist Grund, weshalb wir in Deutschland zu wenig Priester haben?
P. B.: Es gibt sicherlich nicht die eine Antwort auf diese Frage. Verschiedene Umfragen kommen dabei zu sehr verschiedenen Erläuterungsmodellen. Interessant finde ich zu beobachten, dass sowohl die Zahl der kirchlichen Eheschließungen wie auch die Zahl der aktiven Gläubigen in einem ähnlichen Prozentsatz wie die Zahl der Priesterkandidaten zurückging.
Diese Beobachtung darf aber nicht zur Ruhe kommen lassen, sondern ganz im Gegenteil muss sie Ansporn sein, alle Kräfte dafür einzusetzen, dass das Bewusstsein, durch die Taufe in die Nachfolge Jesu Christi berufen zu sein, wächst. Die Berufung zum Christsein muss in unseren Gemeinden wieder verlebendigt werden, denn nur aus der Quelle des neuen Lebens, das in der Taufe mitgeteilt wird, erfliessen die Charismen, Dienste und Ämter in der Kirche.
In diesem Zusammenhang haben wir vor wenigen Jahren bei einer Konferenz darüber nachgedacht, welche Bedeutung das Hirtenwort der Deutschen Bischöfe zur Mission für uns in Deutschland hat.
WB: Ist nicht auch der Zölibat als verpflichtende Lebensform ein Hindernis?
P. B.: Es ist sicherlich keine Frage, dass die Kirche mehr Kandidaten für den priesterlichen Dienst hätte, würde es die Verpflichtung zur zölibatären Lebensform nicht geben.
Den Zölibat aber als Hindernis für Berufungen zu verstehen oder gar als Grund für den Rückgang der Priesterzahlen zu deuten, möchte ich nicht unterstützen, so wenig wie die hohe Zahl der Ehescheidungen die Ehe an sich in Frage stellen können. Vielmehr denke ich, dass wir vor viel grundlegenderen Problemen stehen. Wenn die Zahl der Eheschließungen im gleichen prozentualen Rahmen zurückgeht wie die Zahl der Priesterweihen, dann zeigt sich doch, dass es um die Entscheidung geht: Wie können junge Menschen zu Entscheidungen für ihr Leben herangeführt werden?
Wie kann Menschen vermittelt werden, dass es sich lohnt, sich zu entscheiden – und dies gilt zunächst ganz anthropologisch für alle Vollzüge des Lebens. Da Entscheidung immer auch mit Loslassen und Nicht Alles-Haben-Können zusammenhängt, fällt es zunächst schwer, sich darauf einzulassen. Aber niemand kommt im Laufe seines Lebens um Entscheidungen herum, denn wer sich nicht entscheidet, über den entscheiden andere, weil er in der Masse aufgeht.
So haben die Mystiker des Mittelalters dazu aufgefordert, sich bei anstehenden Entscheidungen die Todesstunde vor Augen zu halten: Sich zu überlegen, wie man am Ende des Lebens gelebt haben möchte, wie man eine späte Reue vermeiden kann.
Entscheidungen fordern so eine hohe Verbindlichkeit – vor allem Lebensentscheidungen. Zölibat und Ehe sind zwei Lebensentscheidungen, für die wir immer neu das lebendige Zeugnis der glaubwürdigen Lebensform brauchen. Wer erlebt hat, dass ein Leben in der Entschiedenheit glückt, der wird sich von solch einem Leben auch begeistern lassen.
WB: Was sagen Sie jungen Menschen, die diese Berufung spüren und gleichzeitig Angst haben diesen Weg zu gehen?
P. B.: Zum einen möchte ich junge Menschen ermutigen, sich auf den Weg des Glaubens einzulassen. Halbherzige Entscheidungen führen in die Enge und aus der Enge wird Angst. Im Vertrauen darauf, dass Gott eine gute Zukunft für mich bereit hält, kann ich das Leben aus seinem Wort und in seiner Nähe wagen, kann ich mich an ihn binden.
Ich kann dabei von meinem Berufungsweg erzählen – von Menschen, die mir glaubwürdig vorgelebt haben, dass es sich lohnt, sich an diesem Gott festzumachen. Wenn ich so auf meinen Weg zurückschaue, dann gibt es unendlich viele Stationen, wo mir im Nachhinein klar wurde: Er war da, er hat mich nicht im Stich gelassen.
Leben, Sterben und Tod eines lieben Mitbruders ließen für mich vor einigen Jahren diese Wahrheit in ganz eigener Weise erfahrbar werden. Bei unserem letzten Gespräch haben wir sehr viel über die Verbundenheit über den Tod hinaus und das Loslassen-Können geredet. In beeindruckender Gelassenheit hat er seine Freude auf das, was jetzt wohl auf ihn zukommt, beschrieben und gleichsam mahnend in Erinnerung gerufen: Wir können nicht tiefer fallen, als in die Hand Gottes. Anschließend gab er mir mit gebrochener Stimme den Segen. Und als er vier Tage später die ganze Nacht über den Lobgesang „Mariens“ Hochpreiset meine Seele den Herrn wiederholt hat und in den Morgenstunden dann hinüberschlafen durfte in das neue Leben, da war das erlebbar, was er auf seinem Erinnerungsbildchen zum Priesterjubiläum acht Jahre zuvor geschrieben hatte: „Wie Dag Hammerskjöld erfuhr ich: Das Unerhörte - in Gottes Hand zu sein!“
Berufung entzündet sich an Berufung – ich kann nur von meinem Leben berichten. Da kann ich Angst nicht wegreden, aber ich kann ermutigen, sich Gott anzuvertrauen.
WB: Im Januar werden Sie neue Aufgaben übernehmen. Wie beurteilen Sie Ihre sechs Jahre als Leiter der ZBdK?
P. B.: Nach sechs Jahren kann ich dankbar auf diese Zeit zurückschauen und kann auch sagen, dass es in der Tat ein Anruf war, dem zu folgen sich gelohnt hat. Es waren sehr spannende Jahre, in denen ich mich als einen erlebt habe, der geführt wurde. Die damals anstehenden Aufgaben, die Umstrukturierung der Dienststelle, die Unterschiedlichkeit der Diözesen, Gremien, Gemeinschaften – all das wäre ohne den Segen Gottes nicht möglich gewesen.
Innerhalb von diesen sechs Jahren galt es, sechs Großveranstaltungen zu meistern. Herausragend bleibt da sicher der Weltjugendtag in Köln mit dem geistlichen Zentrum. Es war eine Fülle an Vorträgen im In- und Ausland. Es freut mich, wenn es mir in diesen Jahren gelungen ist, den Glauben zu stärken, mit Menschen einen Weg zu gehen – zu ermutigen, den Weg mit Gott zu wagen.
Dass das Gebet dabei eine herausragende Bedeutung haben muss, zeigt sich daran, dass mein Dienst mit einer Wallfahrt begonnen hat und jetzt mit einer Wallfahrt beendet wurde. Es war eine sehr gefüllte Zeit – eine Zeit, für die ich den Verantwortlichen und den Mitarbeitern Dank schulde, vor allem aber Gott. Vor wenigen Jahren hatten wir das Jahresthema „Was geht? Mehr als du denkst!“.
Rückblickend kann ich nur sagen: Mit Gott und im Vertrauen auf seinen Ruf ist unendlich viel mehr möglich gewesen, als ich mir hätte ausdenken und aus eigenen Kräfte hätte zustande bringen können.
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