„Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter für sei-ne Ernte auszusenden“ - diese unmissverständliche Aufforderung Jesu an seine Jünger setzt den Schlussakkord des Evangeliums zum heutigen Jubiläumstag.
Was steht wohl im Hintergrund dieses Wortes Jesu? Gab es schon damals so etwas wie „Priestermangel“? Oder spiegelt sich eine bestimmte Gemeindesituation in diesen Worten wider?
Um zu einem rechten Verständnis dieser Aufforderung Jesu an seine Jünger zu kommen, ist es ratsam, das gesamte Evangelium zu betrachten.
Das Evangelium von heute
Zunächst hören wir vom Wirken Jesu, so wie er von seiner Umgebung wahrgenommen wird: Er lehrt in den Synagogen, verkündet das Evangelium vom Reich Gottes und heilt Krankheiten und Leiden. Die Menschen, die ihm begegnen, erfahren, dass Jesus mit außergewöhnlicher Vollmacht spricht, seine Reden und sein Handeln sind eindeutige Zeichen, die die Hoffnung auf den Anfang des ersehnten Reiches Gottes zu erfüllen scheinen, denn um seine Person herum breitet sich gottgewirktes Heil aus. Die Menschen spüren: Gott handelt durch ihn. Sein öffentliches Auftreten ist Segen und Heil für die Menschen, die ihm begegnen, und ein Hoffnungszeichen für diejenigen, die durch das Zeugnis anderer von ihm hören.
Nun schauen wir mit den Augen Jesu auf seine Umgebung: viele Menschen wenden sich ihm zu, laufen ihm nach, suchen seine Gegenwart. Er sieht die unsägliche Müdigkeit und Erschöpfung, mit der sie durch die Welt gehen müssen! Ihre Kräfte sind aufgezehrt, sie sind von den täglichen Mühen, die ihnen das Leben unbarmherzig auferlegt, erschöpft. Doch im Grunde steckt noch mehr dahinter - Müdigkeit und Erschöpfung ist nur äußerer Ausdruck einer tieferliegenden Wirklichkeit. Im Bild vom Hirten und seiner Herde wird dies deutlich. Diese Menschen sind wie eine Herde von Schafen, die nicht behütet und bewacht ist, die richtungslos umherirrt und den Widerfahrnissen einer gefährlichen Umwelt und reißenden wilden Tieren schutzlos ausgesetzt ist. Sie sind damit das Gegenteil zum erwählten Gottesvolk, das um den göttlichen Hirten versammelt, von diesem geführt und beschützt wird. Dieser gute Hirte oder die guten Hirten fehlen den Menschen in der Zeit Jesu offensichtlich. Jesus schaut mit Augen voll Mitleid auf diese verwaiste Herde.
Im folgenden Vers nun wird eine Lösung für diese schwierige Situation angeboten. Jesus macht einen Vergleich mit einem Weinberg oder einem Acker, eben ein Bild aus dem bäuerlichen Leben der Menschen: das auserwählte Volk ist wie ein Weinberg oder ein Getreidefeld Gottes. Um ernten zu können, braucht es Arbeiter. Sie müssen alles tun, damit der Weinberg seinen Ertrag gibt: die Pflanzen begießen, zur rechten Zeit zuschneiden, die Trauben ernten und mit großer Umsicht alles Nötige dafür tun, dass der Weinberg seinen Ertrag bringt. Ebenso bedarf das Getreide der umsichtigen Bearbeitung. Die Ernte ist gut, aber es mangelt an den Arbeitern. Darum die Aufforderung Jesu, dass der Herr dieser Ernte selber für Arbeiter sorgen möge. Es besteht kein Zweifel: Gott selber ist der Herr der Ernte, die Arbeiter werden von ihm bestellt.
In der Zeit des seligen Bernhard Lichtenberg
Diese Überlegungen führen uns nun zum Anlass dieses festlichen Gottesdienstes. Der selige Bernhard Lichtenberg hat das Wort Jesu als Dompropst der Hedwigs-Kathedrale hier in Berlin ernst genommen und einen monatlichen Gebetstag um geistliche Berufungen initiiert. Er begann mit dem Gebet um Priesterberufungen in einer Stadt, die im Unterschied zu anderen Gebieten in Deutschland in ihrer Geschichte noch nie eine breite katholische Prägung aufwies, sondern immer schon von einer Diasporasituation geprägt war. Er machte diesen Anfang zu einer Zeit, in der sich die Gottlosigkeit des Naziregimes zu scheinbar immer neuen Erfolgen aufschwang und sich anschickte, die Weltherrschaft mit Gewalt an sich zu reißen. Die Menschen mit festem Glauben haben damals wohl erkannt, dass sich hinter der schönen Fassade des so genannten „Tausendjährigen Reiches“ Gottlosigkeit verbarg: Gewalt, Entwürdigung des Menschen und systematische Vernichtung. Im letzten das blanke, alles verschlingende Nichts. Menschen hatten sich über andere erhoben und sich schließlich selber zu Götzen hochstilisiert. Dies durchschaute Bernhard Lichtenberg mit den Augen des Glaubens sehr schnell - wie viele andere Gläubige seiner Zeit. Dennoch war die Herde Gottes verunsichert und ängstlich. Sie brauchten um so mehr gute Hirten, Arbeiter, die diesen steinigen Acker zu bearbeiten bereit waren. Lichtenberg nahm das Wort des Herrn ernst und begann mit vielen anderen Christen, um Arbeiter zu bitten.
... und heute!
Wie steht es heute? Vor welchen Herausforderungen stehen wir? Zwanzig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sind gerade hier in Berlin die Spuren jahrzehntelanger Austreibung des Geistes und gewaltsamer Trennung unübersehbar.
Die Schwierigkeiten des Zusammenwachsens von Ost und West sind hier wie in einem Mikrokosmos zu sehen. Bei allem äußeren Glanz, bei allen Möglichkeiten zu Wohlstand und Konsum, die sich rasant eingestellt haben, ist die Herde der Gläubigen verunsichert: Die klassischen Milieus lösen sich auf, der Relativismus durchdringt nahezu alle Lebensbereiche, die Privatisierung der Religion ist Programm und der christliche Glaube in unseren modernen Gesellschaften verdunstet. Die Gläubigen brauchen Hirten, die sie mit Entschiedenheit führen und mit Mut behüten. Der Herr braucht Arbeiter für seine Ernte. Die Aufforderung Jesu gilt wie damals in Palästina oder zu Zeiten eines Bernhard Lichtenberg auch heute: „Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden“. Hirten nach dem Vorbild des Herrn selber, die sich der Menschen - erschöpft und müde, wie sie sind - annehmen, Orientierung und Richtung geben und sie treu und liebevoll behüten.
Die Sorge aller Gläubigen...
Was können wir tun? Worin kann unser Beitrag in dieser Situation bestehen? Was heißt es denn, um Arbeiter zu bitten?
In der Lesung aus dem Buch des Propheten Jeremia wird uns ein wichtiger Hinweis gegeben. Es geht darum, diejenigen zum Hören von Gottes Wort zu bringen, die schon berufen sind. Das Gebet um geistliche Berufungen kann keine Berufungen „machen“, also „produzieren“, wohl aber Berufungen offen legen. Durch das Gebet entstehen Räume, in denen junge Menschen die oft leise Stimme Gottes in einer überlaut gewordenen Welt plötzlich hören können. Das Gebet stellt auf die „Frequenz Gottes“ ein, die sonst oft nicht mehr zu hören ist. Alle Gläubigen sollten sich deshalb für die Berufungspastoral mitverantwortlich fühlen. Der grundlegende Beitrag ist dafür das Gebet. Alle können mitbeten, dass junge Männer den Ruf Gottes, der schon im Mutterleib an sie erging, wahrnehmen. Das Gebet wird eine Atmosphäre schaffen, in der Berufungen wachsen können. Darum ist es gut, wenn es den monatlichen Gebetstag um geistliche Berufungen gibt; es wäre besser, wenn es den wöchentlichen Gebetstag gäbe; es wäre am besten, wenn jeder Gläubige täglich um Berufungen beten würde. Mein Dank gilt heute den vielen Tausenden von Frauen und Männern, die in großer Treue im Laufe der Jahrzehnte bis heute das Gebet um geistliche Berufungen getragen haben. Sie haben viel für die Kirche Gottes getan.
... und besonders der Priester
Eine besondere Verantwortung tragen unsere Priester. Es gibt kaum eine Berufung, an deren Anfang oder an deren Weg nicht eine prägende Priestergestalt gestanden hätte. Freude und Dankbarkeit für die eigene Berufung strahlt aus. Auch die täglichen Mühen, die mit dem Hirtendienst verbunden sind, dürfen gesehen werden. Junge Menschen suchen Ehrlichkeit und Herausforderungen. Letztlich ist es die Sehnsucht nach Wahrheit, die antreibt. Trauen wir unseren jungen Leuten etwas zu! Sie sind bereit, Mühen auf sich zu nehmen, wenn es Aussicht auf ein sinnerfülltes Leben gibt. Am Leben der Priester darf durchaus sichtbar sein, was dem jungen Jeremia auf seine Befürchtungen von Gott geantwortet wird: „Sag nicht: Ich bin noch so jung. Wohin ich dich auch sende, dahin sollst du gehen, und was ich dir auftrage, das sollst du verkünden. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin mit dir, um dich zu retten - Spruch des Herrn“ (Jer 1,7-8). Der Herr, der sendet, schenkt auch die Kraft und den Mut für den Dienst. Entscheidend ist, dass wir nicht den Kontakt zu Gott verlieren, dass wir immer mehr lernen, priesterliche Gestalt anzunehmen, also Christus ähnlich werden. Damit geben wir Zeugnis für das erfüllende Leben im Weinberg des Herrn, als Hirten in seinem Namen für das Volk Gottes.
In vielen Diözesen in der Weltkirche gibt es spezielle Stellen für die Berufungspastoral. Dies sind wertvolle und hilfreiche Einrichtungen. Dafür sei Ihnen allen ein herzliches „Vergelt‘s Gott“ gesagt. Aber wir dürfen nicht den Schluss daraus ziehen, Gläubige wie Priester und Bischöfe gleichermaßen, dass damit die Sache erledigt sei. Wir müssen die Bemühungen der Hauptamtlichen für Berufungspastoral auf breiter Basis unterstützen. Die vielen Gebetsgruppen des Päpstlichen Werks für geistlichen Berufe machen dies sehr deutlich. Doch es muss noch weiter gehen: Jeder einzelne Katholik muss sich für die Berufungspastoral mitverantwortlich wissen. „Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden!“ - Ja, bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter zu senden. Hört nicht auf damit, „an seinem Herzen zu rütteln“. Hört nicht auf, zu beten und wachsam zu sein, wo zarte Pflänzchen von Berufung zu wachsen beginnen. Euch Eltern bitte ich, seid offen für den Weg eines Sohnes, der dem Ruf Gottes folgen möchte. Euch Lehrer und Erzieher bitte ich, seid glaubwürdige Zeugen für den Glauben und aufmerksam für die Begabungen eurer Schüler. Euch alle, Brüder und Schwestern, bitte ich: Lasst nicht nach am Herzen Gottes zu rütteln.
Wir haben das feste Vertrauen: Gott wird für seine Herde sorgen. Er wird Arbeiter in seine Ernte senden. Er wird Menschen berufen, ihm zu folgen. ⊗