Klinikseelsorge ist Kirche

von Uli Redelstein,
Pastoralreferent und Klinikseelsorger am Klinikum Heidenheim,
Vorsitzender der AG Kur- und Klinikseelsorger der Diözese Rottenburg-Stuttgart

 


„Die Sorge um die Kranken im Krankenhaus und in der Gemeinde ist eine der zentralen Aufgaben kirchlichen Handelns.“, – so die zusammenfassende Aussage der deutschen Bischöfe in ihrer pastoralen Handreichung: „Die Sorge der Kirche um die Kranken“. Diese Standortbestimmung heutiger Kirche vergegenwärtigt die besondere Fürsorge Jesu für Menschen, die krank sind. Klinikseelsorger fühlen sich in besonderer Weise Jesu Auftrag Menschen vom Heil zu erzählen und Menschen zu heilen verpflichtet. Gerade kranke Menschen offenbaren Verletzlichkeit, Begrenztheit und Erlösungsbedürftigkeit menschlichen Lebens. Gleichzeitig sind sie Zeugen der Grundsehnsucht des Menschen nach Heil und Heilung. Und sie machen erfahrbar, dass Leben trotz Krankheit und Tod gelingen kann. Menschen sind in Krisen auf besondere Weise ansprechbar.

Mikrokosmos Krankenhaus
Wie in einem Mikrokosmos werden in modernen Krankenhäusern Situationen von heutigen Menschen abgebildet und verdichtet. Die Spannung, in der Leben immer steht, tritt hier in aller Schärfe zutage: Sie zeigt sich in der Polarität von Macht und Ohnmacht, von Machbarkeit und Begrenztheit, von Krankheit als zu reparierendem Defekt und Kranksein als leib-seelischem Ereignis und zugespitzt im Spannungsfeld von Leben und Tod.
Klinikseelsorge ist Teil des Systems Krankenhaus. Chance und Herausforderung ist es, in der Zusammenarbeit mit anderen therapeutischen Berufsgruppen, wie z.B. Pflegekräften und Ärzten, ein spezifisch christliches Profil einzubringen. In besonderer Weise ist Kirche an diesem Brennpunkt des Lebens gefragt. Dort wo Leben sich verdichtet, Leben verletzt oder bedroht ist, stellen Menschen Fragen nach dem Sinn ihres Lebens, dem Woher und dem Wohin. Sie sind auf sich selbst geworfen und suchen nach ihrer je eigenen Identität. Wie in der Emmausgeschichte kann Kirche durch Klinikseelsorge hier Wegbegleiter sein. Im Mitgehen und Zuhören, mit der Erlaubnis zu weinen und zu klagen, im Deuten der Schrift und im verdichteten Feiern der Gegenwart Gottes in der Spendung der Sakramente, in Gottesdiensten und Segensfeiern.
Klinikseelsorger arbeiten an einem profilierten und bedeutungsvollen Ort heutiger Gesellschaft. Sie können in diesem Mikrokosmos glaubhaft Zeugnis geben für das, was Auftrag der Kirche ist: gesandt zu sein zu den Menschen, um sie aufzurichten, ihnen die Augen zu öffnen und sie zum Leben zu befreien.

Klinikseelsorge – Kirche vor Ort
Klinikseelsorge ist Kirche vor Ort und hat die Chance und die Aufgabe unter den besonderen Rahmenbedingungen von modernen Kliniken Kirche heute zu profilieren:
Klinikseelsorge ist im Krankenhaus eine „Geh-hin-Kirche“. Klinikseelsorger gehen auf Menschen zu, hören zu und bieten unabhängig von Religion und Weltanschauung Wegbegleitung an. Sie deuten menschliche Erfahrungen im Licht des Evangeliums. Klinikseelsorger sind Brückenbauer zwischen Lebenswelten und oftmals für kranke Menschen Garanten der Kontinuität zwischen ihrem Zuhause und der Klinik. Dies gelingt z.B. durch die Zusammenarbeit mit der Brückenpflege, die schwerstkranke Menschen nach dem Aufenthalt im Krankenhaus zuhause weiter betreut. Klinikseelsorge ist um eine gute und kooperative ökumenische Zusammenarbeit bemüht. Klinikseelsorger arbeiten in Ethikberatung und Ethikkomitees mit und übernehmen so in ihrem Arbeitsfeld Verantwortung für das Grundanliegen von Kirche, die Würde des Menschen vom Anfang bis zum Ende des Lebens zu schützen.

Klinikseelsorge – Teil der Kirche
Klinikseelsorge ist als Teil der Kirche vernetzt mit den Kirchen vor Ort. Dies wird an ganz unterschiedlichen Punkten deutlich: dort, wo ehrenamtliche Männer und Frauen ihre kranken Gemeindemitglieder im Krankenhaus besuchen und von den Klinkseelsorgern unterstützt und begleitet werden. Oder dort wo Klinikseelsorger in Gemeinden gehen und in Vorträgen oder Predigten an ihren Erfahrungen und an ihrer Kompetenz Anteil geben. Kategorialseelsorge und Gemeindeseelsorge müssen um der Menschen willen aufeinander bezogen sein. Vernetzung der Lebenswelten ist Aufgabe für Klinikseelsorge und für Gemeindeseelsorge.

Arbeitsgemeinschaft der Klinikseelsorger
Dankbar bin ich, dass es eine Arbeitsgemeinschaft der Kur- und Klinikseelsorger hier in der Diözese Rottenburg-Stuttgart gibt. Diese AG unterstützt Klinikseelsorger in ihrem Dienst. Sie organisiert Fortbildungen und schafft Räume zum Erfahrungsaustausch unter Kollegen. Wachsam nehmen wir Klinikseelsorger Entwicklungen im Gesundheitssystem wahr. Im guten Kontakt und Austausch mit den Verantwortlichen der Diözese wird deutlich, dass Klinikseelsorge einen hohen Stellenwert im pastoralen Konzept unserer Diözese hat.