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2007 sind es dreißig Jahre, dass ich als Pastoralassistent und – referent im kirchlichen Dienst bin.
Von 1979 bis 1987 war ich als Pastoralreferent in Biberach. Hier lernte ich in einer offenen Gemeinde vor allem zahlreiche Gesichter der kirchlichen Jugendarbeit kennen und konnte vieles ausprobieren. Gott sei Dank hatte ich damals einen „Chef“, der mir und den Jugendlichen einen unerschöpflichen Vertrauensvorschuss entgegenbrachte.
1987 kam ich wegen der Liebe sprich Heirat von der Diözese Rottenburg – Stuttgart in die Erzdiözese München – Freising, genauer gesagt nach Landshut in Niederbayern. In der Pfarrgemeinde St. Jodok erfuhr ich elf Jahre lang die große Spannbreite einer lebendigen Gemeinde mit vielen ehrenamtlichen Frauen und Männern, wie auch schon in den beiden vorhergegangenen Pfarreien.
Von Kindern über Jugendliche, Erwachsene bis hin zu älteren Menschen hatte ich es mit allen Generationen zu tun. Persönliche Gespräche unter vier Augen entwickelten sich allmählich zu einem meiner Schwerpunkte. Ich spürte, dass ich hier meine Fähigkeiten besonders einbringen kann. 1998 begann ich dann in einem großen Münchner Altenheim als Seelsorger.
Es war ein Haus mit über dreihundert älteren Menschen. Im Laufe der Jahre änderte sich die Zusammensetzung. Immer mehr Bewohner waren pflegebedürftig, manche von ihnen auch dementiell erkrankt.
Ich ging auf die Bewohner zu, aber auch auf die Angehörigen und Mitarbeiter. Zuhören, Zeit haben, ein Stück Weg mitgehen, erfahren lassen, dass sie nicht vergessen sind, dass sie wichtig sind, Hoffnung vermitteln, manchmal einfach auch nur da sein, Schweigen aushalten, Ohnmacht aushalten – das war für mich wichtig.
Die Geschichte von den beiden Jüngern Jesu, die auf dem Weg nach Emmaus waren, gab mir auch in schwierigen Situationen Kraft und Hoffnung. Ein zentrales Thema in den Gesprächen mit den Bewohnern bildete die Versöhnung mit deren eigener Lebensgeschichte, die auch mitgeprägt war von Enttäuschungen und Brüchen. Bedeutsam für die Begegnungen mit den Bewohnern wurden mir auch ihre Namen. Ich bemühte mich, jeden mit seinem Namen anzusprechen, da dies für mich viel Wertschätzung beinhaltet.
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Auch erlebte ich verschiedene Gottesdienstformen in einem neuen Licht. Manche Stationsgottesdienste und Krankenkommunionen werde ich wegen ihrer Tiefe und Dichte nicht vergessen. Hier war ich oft der Beschenkte. Ich erlebte bei den Gesprächen ein Maß an Vertrauen und Glaubenskraft, das mich beinahe beschämte, aber auf der anderen Seite ebenso Enttäuschung über „Gott und die Welt“, Zorn und Verbitterung. Ich bekam mit, wie brutal das Leben sein kann.
Da in unserem Haus etwa 90 – 170 Personen pro Jahr starben, versuchte ich Sterben und Tod einen würdigen Ort zu geben. Dies bedeutete, in Hochachtung vor dem Verstorbenen bewusst Abschied zu nehmen und auch öfters die Beerdigung zu übernehmen. Dies führte teilweise zu intensiven Gesprächen mit den Angehörigen.
Bedeutsam waren für mich auch Kontakte mit den umliegenden Pfarrgemeinden und mit Ehrenamtlichen. All dies brachte noch mehr „Leben“ ins Haus.
Ich habe in der Zeit im Altenheim viel gelernt. Ich lebe tiefer und dankbarer. Ich versuche, mehr im „Heute“ zu leben. Natürlich holt mich auch immer wieder der Alltag ein und ich bleibe hinter meinen Ansprüchen zurück. Ich habe erfahren, daß nichts im Leben selbstverständlich ist. Vieles ist im letzten nicht machbar, ist ein Geschenk, ist gratis, ist Gnade.
Manches, was ich erlebt habe, schrieb ich in kleinen Geschichten nieder und veröffentlichte es im Buch „Herbstfarben“. Das Buch bringt behutsam Momentaufnahmen und Schlaglichter aus dem Alltag eines Altenheimes. Vieles steht nebeneinander- Schweres neben Leichtem, Ernstes neben Humorvollem, so wie das Leben ist.
Im November 2001 kam überraschend eine Anfrage von der Generaloberin der Solanusschwestern wegen der Seelsorge im Kinderkrankenhaus St. Marien in Landshut. Nach reiflicher Überlegung bekundete ich mein Interesse, bewarb mich um die von der Erzdiözese München – Freising neugeschaffene Vollzeitstelle des dortigen Krankenhausseelsorgers und bekam dann auch eine Zusage.
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Seit Mitte September 2002 bin ich in diesem Krankenhaus, dessen Träger seit über 80 Jahren die Solanusschwestern sind. Sie nehmen diese Aufgabe mit hohem Einsatz und viel „Herzblut“ wahr und prägen so die Atmosphäre entscheidend mit.
Im Haus gibt es 120 Betten. Behandelt werden Kinder und Jugendliche im Alter bis 18 Jahren. Es sind ca. 5 000 – 6 000, die pro Jahr stationär behandelt werden, davon jedes vierte Kind mit ausländischem Hintergrund und dazu noch etwa 20 000 Kinder ambulant. Die Patienten kommen teilweise aus einem Umkreis bis zu 60 Kilometern und mehr. In unserem Haus sind beinahe 400 Personen beschäftigt.
Diese Zahlen sagen alleine wenig aus. Dahinter verbergen sich ganz konkrete Menschen mit Ängsten, Sorgen und Fragen. Wenn das eigene Kind ins Krankenhaus muss, dann geht es an das Innerste. Hier liegen oft die Nerven blank. Nicht nur das Kind ist krank, sondern die ganze Familie ist durcheinander. Belastend ist auch die Unsicherheit, da man oft nicht gleich feststellen kann, was dem Kind fehlt.
Konkrete Personen fallen mir ein. Da sind:
- Kinder, die früh an Diabetis erkrankt sind. Die Eltern sind geschockt.
- Kinder, die zu Hause einen Fieberkrampf hatten. Die Eltern dachten, ihr Kind stirbt.
- Kinder, die mit einem Gewicht von unter 1 000 gr. und 10 – 14 Wochen zu früh geboren wurden.
Schaffen sie es am Leben zu bleiben? Wenn ja, wie?
Immer wieder werde ich gefragt: Ist es nicht ein großer Sprung vom Altenheim ins Kinderkrankenhaus? Das ist es sicher, aber immer mehr werde ich mir bewusst: Entscheidend ist die Grundeinstellung. Entscheidend ist die Achtung vor der Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen. Jeder Mensch ist für mich ein Wunder und ein Geheimnis. Entscheidend sind die vier „M“s, wie es der Pastoraltheo-loge Reinhold Bärenz einmal formulierte: „Man muß die Menschen mögen.“
Auch im Kinderkrankenhaus ist Wegbegleitung gefragt, oft noch mehr bei den Eltern als bei den Kindern. Wichtig ist, auf Menschen achtsam zuzugehen. Es sind keine großen Worte angesagt, sondern manchmal bedeutet es: sich einlassen auf mein Gegenüber, ganz Ohr sein, die bohrenden Warum – Fragen auszuhalten, Raum zu geben für stimmige Gesten, mit meiner Person ein Glaubenszeugnis geben.
Auch im Kinderkrankenhaus lerne ich immer mehr das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden, immer intensiver zu leben und auch mir zuzugestehen, dass ich nicht perfekt sein muss. Der Kreis schließt sich so mit zahlreichen Erfahrungen im Altenheim.
„Wer andere tragen will, muß selber getragen sein“, sagte ein Kollege zu mir. Er hat recht. In meinem Büro hängt das Bild von Sieger Köder „In Gottes Händen“. Es ist mir in den vergangenen Jahren ganz wichtig geworden. Ich fühle mich von Gott und Mitmenschen getragen. Für mich ist wesentlich, den Tag in der Krankenhauskapelle zu beginnen und zu beschließen, Gott die Menschen und ihre Schicksale zu übergeben, die mir begegnet sind und die auch mich immer wieder an Grenzen bringen. In Gottes Händen ist alles gut aufgehoben, auch meine Fragen und Verletzungen.
Wichtig sind mir auch die Menschen, die mich mittragen, an erster Stelle meine Frau, aber auch Freunde, Verwandte. Bekannte und Berufskollegen. Bedeutsam ist auch die enge Zusammenarbeit im Krankenhaus mit dem Pflegepersonal, den Ärzten, dem Sozialdienst, den anderen Fachdiensten, den Ordensschwestern, der evangelischen Pfarrerin und den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen.
Zentral ist für mich auch die sonntägliche Eucharistiefeier und das Wissen, dass mich Menschen im Gebet begleiten. Gut tun mir auch ganz andere Erfahrungen jenseits des Krankenhauses, die mir helfen Abstand zu gewinnen und aufzutanken: lesen, fotographieren, wandern, Konzertbesuche, gut essen, „garteln“, Radfahren...
Im Blick zurück erkenne ich in meinem Leben einen „roten Faden“. Ich fühle mich geführt und erkenne meinen Weg, meine Berufung. Es stimmt wirklich: „Alles hat seine Zeit.“ (Koh 3)
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