Bei Gott und bei den Menschen sein.

von Bruder Paulus Terwitte

Ordensleute im Fernsehen zu sehen, macht erstaunt und auch neugierig. Für nicht wenige ist das aber nicht mehr als ein Event unter anderen. Es ist schwer, in den Medien über das Klischee hinauszuwachsen. Seitdem ich „N24 Ethik - Um Gottes Willen" mache und im Hessischen Rundfunk im Radioladen einmal im Monat länger reden kann, erleben mich die Leute direkter. Sie merken plötzlich, dass da einer ist, der die Sprache von heute spricht und doch tatsächlich glaubt, dass es Gott gibt und sogar diesen Jesus und dann auch noch den Heiligen Geist. Dies ist für mich dann immer das beste Erlebnis: Wenn Menschen mir signalisieren, dass sie nicht anders können als mir das abzunehmen, was ich verkörpere.

Jeden Tag erhalte ich etwa fünf bis zehn E-Mails von Zuschauern und Zuhörern, dazu noch Briefe oder Anrufe. In ihnen steht, was ich mit Menschen bespreche, die zu uns ins Sprechzimmer kommen oder die das Beichtangebot in der Innenstadt von Frankfurt nutzen: Manche drücken ihr Erstaunen aus, dass die Kirche doch nicht so verstaubt ist, wie sie dachten. Andere schildern mir sehr persönlich ein Lebensproblem. Es gibt auch welche, die direkt wissen wollen, wie man an Gott glauben kann oder wie sie beten können. Als Ordensmann im Internet erstaunt mich, wie persönlich die Menschen sind, obwohl sie mich doch sonst gar nicht kennen. In meinen beiden E-Mail-Seelsorge-Büchern kann man zwei längere Seelsorgebegleitungen nachvollziehen, selbstverständlich mit Zustimmung der beiden Schreiberinnen.

Für mich ist das konkret Ordensleben heute: Bei Gott sein und bei den Menschen sein. Ordensleben ist eine spannende Sache: Ich bin gespannt auf das, was Gott einst am Ende der Welt als Erfüllung schenken wird. Und ich bin gespannt, wohin er mich führt. Der Gehorsam hat zumindest mich noch nie gequält. Sicher, es ist nicht leicht, Abschied zu nehmen bei einer Versetzung oder nicht jede Lieblingsidee gleich umsetzen zu können, weil das gemeinschaftliche Leben auch seine Rücksichten kennt. Aber ich frage mich oft, ob ich als Single oder Ehemann so reiche Erfahrungen hätte sammeln können.
Die Berufung zum Ordensleben schenkt Gott, weil er Menschen will, die ein Leben lang nach ihm schmachten wollen. Das hört sich vielleicht ein bisschen selbstquälerisch an. Zuweilen ist es auch schwer, auf Erotik, Eigenkapital und Eigenwilligkeiten zu verzichten. Im großen Ganzen ist es für mich jedoch eine abenteuerliche Herausforderung an meine gesamte Existenz.

Hier liegt auch der Grund, warum es heute einer schwer hat, dieser Berufung zu folgen. Die Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung sehen Gott als Konkurrenten der Freiheit. In der alten Sprache würde man sagen: Der Teufel hat es geschafft, dem lieben Gott Hörner aufzusetzen. Was eigentlich des Teufels ist  - Kurzsichtigkeit, Egozentrismus, Ausbeutung des Körpers, Hoffnungslosigkeit bis hin zur Kinderlosigkeit - wird vergötzt. Gott jedoch erscheint als Feind all dieser scheinbar wunderbaren Dinge. Wenn die Leute begreifen würden, dass ihr Schöpfer keine Lust hat, sie zu verkleinern, sondern alles dran setzt, sie wirklich frei werden zu lassen, dann wären wir einen kräftigen Schritt weiter. Es fehlt mit anderen Worten eine Aufklärung über die Aufklärung mit ihren wahnsinnigen Vorstellungen, dass menschlich sei, was der Mensch will. Wie wir sehen, ist das Wollen des Menschen ohne Maßstab, der außerhalb seiner selbst liegt, auch nicht gerade sehr förderlich für eine gute Entwicklung der Welt. Aus der Anerkennung des einen Schöpfers würde eine Freude an der Pflicht zu einem brüderlichen Umgang mit allen Menschen und der Schöpfung folgen.

Hier liegt genau der Sinn des Ordenslebens. Schwestern und Brüder wollen wir sein, weil wir es von Gott aus sind. Wir erkennen in konkreten Bindungen an, dass wir Menschen voneinander abhängig sind. Der gegenseitige Respekt vor den Charismen des Einzelnen und das Verfolgen gemeinsamer Ziele macht Ordensgemeinschaften bis heute attraktiv. Das Ordensleben ist eine Lebensform, in der der Einzelne heranreift zu einer einmaligen Person, die in aller Freiheit ihre Einbindung in eine gottgewollte Gemeinschaft bejaht.

Der Habit, den ich oft trage, ist dafür schon ein gutes Markenzeichen, auch dass ich durch die Gelübde der Armut, der Ehelosigkeit und des Gehorsams dazu stehe, dass wirklich Gott es ist, der mir Reichtum, Liebe und Verwirklichung meiner Existenz schenkt.
Das Ordensleben heute erhält wie eh und je seine Kraft aus dem Kreuz: Daran haben Menschen den hingehängt, nach dessen Bild sie geschaffen wurden, den Prototypen, nach dem die Schöpfung gebaut ist. Es sollte der Mensch existieren, damit Gott Widerliebe erfahren kann von außerhalb seiner selbst. Und genau dieses Zurücklieben hat Jesus in einer klaren Weise getan: Er hat nicht für sich gelebt. Selbst im Sterben hat er noch für die anderen gebetet. Und seine Auferstehung ist nicht nur was Tolles für ihn, sondern soll alle berühren. In der Frömmigkeit suchen Ordenschristen
wie alle anderen Christen nicht Stärke und Erleuchtung und Heil für sich: Nein, wie Jesus stärkt christliche Spiritualität zum Opfern für andere. Der wirkliche Christ sucht nicht sich, er sucht den Mitmenschen und mit ihm Gott. Für Ordenschristen gilt dies auch, aber mit dem Schwerpunkt, dies aus einer konkreten gottgesammelten Gemeinschaft heraus zu tun.

Mir ist dieser Gedanke zentral seit meinem sechzehnten Lebensjahr, als mir der Sinn der Taufe aufging: Ein Emanzipationssakrament. Weg von der Biologie und Biographie hin zu dem echten Menschen schlechthin: Jesus. Ich wurde in Jesus eingetaucht und bin mit ihm auferstanden: Was für ein Gedanke – ein Auferstehungsmensch zu sein, den nichts mehr umhauen kann. Mit neunzehn lernte ich die Kapuziner kennen und fand: Da kann ich das am klarsten leben.

Wir Kapuziner sind ein volksnaher Orden, der von Brüdern gebildet wird, die alle Charakterköpfe sind. Das Evangelium verpasst uns nicht einen Bürstenhaarschnitt, sondern bei uns wachsen wir recht unterschiedlich. Ich wäre nicht der Bruder Paulus, der ich bin, wäre da nicht meine Gemeinschaft, zu der ich stehe und die zu mir steht, weil sie in ihrer Mitte den Auferstandenen Jesus weiß, der sie täglich neu formt.
Solche Formung geschieht in einer Lebensordnung, die mich öfter am Tag zum gemeinschaftlichen Gebet ruft. Das Diktat des Terminkalenders, der von anderen gefüllt wird, Fernsehen oder Event-Stress: Die Menschen lassen sich viel zu viel an der Nase herumführen. Wer zum Ordensleben berufen wird, will dagegen aufstehen. Ordensleute stehen auch sonntags früh auf – nicht weil man muss, sondern weil man will: Wir wollen mit anderen aufgeweckten Christen den schönen freien Tag am Anfang der Woche, dem ersten Tag der Woche, nicht verpassen.
Zur äußeren Lebensordnung kommt die innere. Das Ordensleben heute ist mehr denn je darauf angewiesen, dass die einzelnen Berufenen ihre persönliche Frömmigkeit pflegen. Im Mittelpunkt mancher Orden steht etwa das Herzensgebet: Jesus, erbarme dich meiner!, und natürlich der Blick auf das Kreuz, von dem aus wir die Sendung empfangen, uns den Armen und Benachteiligten der Gesellschaft zuzuwenden und selbstverständlich die Verwurzelung im Evangelium: Als Männer und Frauen der Frohen Botschaft haben wir unser Ohr nahe am einfachen Volk und möchten in Wort und Tat Jesus ins Heute übersetzen. Die Gemeinschaft, die Jesus selbst sich schafft, indem er jeden Einzelnen zu uns ruft, ist der Ort, an dem wir das praktisch einüben, wovon wir reden; das brüderliche Leben macht von selber demütig, denn man stößt immer wieder an Grenzen der Liebe zum Nächsten – und auch zu Gott. Ordensleute sind vielen vielleicht deshalb, besonders den einfachen Leuten, sympathisch: Man wird im brüderlichen Miteinander sehr verständnisvoll für alle, die mit dem Glauben und der christlichen Lebenspraxis ihre Schwierigkeiten haben. Aus der praktischen Glaubens- und Lebenserfahrung in Gebet und Leben erwächst dann eine bodenständige Verkündigung, die auch das praktische Zupacken nicht scheut.